Theaterprojekt „Bedingungsloses Grundeinsingen“ zu Gast in der Schwankhalle

Ein Abend mit Botschaften

Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet für jeden Menschen so viel Geld, dass er seine Grundbedürfnisse befriedigen kann. Für die Gäste der Schwankhalle bedeutete das leicht abgewandelte Theaterprojekt "Bedingungsloses Grundeinsingen" vor allem einen unterhaltsamen, aber auch informativen Abend.
16.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sascha Rühl

Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet für jeden Menschen so viel Geld, dass er seine Grundbedürfnisse befriedigen kann. Für die Gäste der Schwankhalle bedeutete das leicht abgewandelte Theaterprojekt "Bedingungsloses Grundeinsingen" vor allem einen unterhaltsamen, aber auch informativen Abend.

Neustadt. Mit schwungvoller Musik und witzigen Sketchen bot das Theaterprojekt "Bedingungsloses Grundeinsingen" einen Themenabend über das Grundeinkommen in der Schwankhalle. Regisseurin, Musikerin und Chorleiterin Bernadette la Hengst, die zwölf in Bremen angeworbenen Chormitglieder sowie die Schauspieler Claudia Wiedemer, Bettina Grahs und Godehard Giese zeigten aus verschiedensten Blickwinkeln die Vor- und Nachteile zum Thema Grundeinkommen und feierten angeblich das fünfjährige Bestehen des Chors, dessen Mitglieder in dieser Zeit jeden Monat 1000 Euro erhalten hätten. Wer sich darauf gefreut hatte, sich unterhalten zu lassen, wurde gleich zu Beginn überrumpelt, denn die Chorleiterin la Hengst teilte das Publikum sofort in drei Gruppen ein, um es mitsingen zu lassen, und griff ständig wie beim Karaokesingen, eingerahmt vom Chor, auf dessen Unterstützung zurück.

Nachdem alle gemeinsam von Vergemeinschaftung gesungen hatten, erzählten die Darsteller einzeln, was sich in den fünf Jahren ohne Geldsorgen für sie geändert habe. Die einen legten sich auf die faule Haut, andere suchten sich Ehrenämter und manche nutzten das Basiseinkommen als Start in die Selbstständigkeit. Die Liedtexte beschäftigten sich mit den verschiedenen Formen der Zeit, einem musikalischen Bekenntnis gegen Arbeit oder mit der Frage, wer den Spaß bezahlen soll. Dabei waren die klugen Texte oft so einprägsam, dass das eingebundene Publikum sogar weitersang, nachdem der Chor den Raum verlassen hatte und die Schauspieler darauf warteten, mit dem nächsten Akt zu beginnen. "Wir singen zur Senkung der Arbeitsmoral, denn die ist uns ganz egal, denn dies ist kein Arbeiterlied", war zum Beispiel schon der ganze Text eines Liedes, das noch lange nach dem eigentlichen Schluss durch die Schwankhalle hallte.

Witzig wurde es bei einem Couchgespräch zwischen Frau freier von Zeit, Manfred Penny und Herrn Doktor Arbeit. Das Publikum konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als Doktor Arbeit über Frau Zeit herfiel und sie in verschiedenen Stellungen über das Sofa drückte. Noch viel eindeutiger hätte man diesen Punkt wohl nicht darstellen können, und dem Publikum gefiel das skurrile Schauspiel. "Ich weiß gar nicht, warum ich mich immer darauf einlasse", überlegte die Zeit unter der Arbeit liegend. "Alle wollen immer mehr von mir", seufzte die Zeit, gespielt von Bettina Grahs. "Das kann ich verstehen", sagte einleuchtend das Geld, das Claudia Wiedemer spielte.

Rockatmosphäre

Eine großartige Leistung vollbrachte die bedingungslose Chorleiterin Bernadette la Hengst, die den gesanglichen Löwenanteil auf sich nahm, die meisten Lieder mit der Gitarre begleitete und Rockatmosphäre in das an ein Musical erinnernde Stück brachte. Auch viele Zahlen wurden präsentiert, um das Bekenntnis des Chors zum Grundeinkommen auch begründen zu können. Doch manche Fragen blieben im Raum stehen. "Ich sitze hier in der Scheiße, also werde ich meinen Koffer nehmen und vorbeikommen, auch wenn ihr eure Grenzen schließt. Wir kommen alle in euer Land", sang "Marco Migratione" erst romantisch, dann düster zum Schluss auf italienisch, mit deutscher Übersetzung, arabischen und französischen Untertiteln, dargestellt durch Schauspieler Godehard Giese. Der zeigte sich in seiner Rolle als Doktor Arbeit dann zum Abschluss noch im Kleid, die Botschaft: Arbeit hat sich schließlich vom Geld emanzipiert.

Dem Publikum gefiel der abwechslungsreiche Abend voller politischer Botschaften anscheinend. "Es hat mir sehr gut gefallen, dass sie eindeutig Position beziehen und versuchen, die Leute mitzureißen", sagte Felix Reisel aus dem Fesenfeld, der das Grundeinkommen schon vor dem Abend unterstützte. Es sei natürlich auch ein bisschen manipulierend, wenn man Leute Sachen singen ließe, die sie selbst nicht unterschreiben würden. Eine großartige Erfahrung war die Aufführung für Mitglieder des Chors wie Jörg Albrecht. "Das war genial, es hat total viel Spaß gemacht. Wir haben vor zwei Wochen angefangen und hatten neun Proben", sagte Albrecht. Der Chor löse sich nun auf nach der letzten Vorstellung. "Es war eine sehr dankbare Aufgabe, diese Lieder zu lernen, da die Stücke von selber ins Ohr gehen, das war ein reines Vergnügen", fand Jörg Albrecht abschließend und betonte, dass jeder ein Grundeinkommen bekommen sollte.

"Ich wollte ein Projekt machen, bei dem die Utopie des Grundeinkommens nicht so weit weg scheint, sondern zum Greifen nah. Ins Stück fließen die Geschichten der in jeder Stadt anderen Mitglieder ein, und dadurch kommt dieses Stück näher an unser Leben", erklärte die Chorleiterin Bernadette la Hengst, die sich durch ihr Künstlerdasein in einem selbst gewählten Prekariat befindet und daher das Grundeinkommen unterstützt. Sie sehe, wie viele junge Menschen nicht von ihrer Arbeit leben könnten, von daher gefalle ihr die Idee ihres Stückes: "Vollbeschäftigung ist ein Mythos, der eh nicht zu erfüllen ist und dem wir hinterherrennen. Daher brauchen wir neue Lösungen, das Grundeinkommen würde die Gesellschaft grundlegend verändern."

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