Die Uni-Theatergruppe Incognito zeigt ab Sonnabend das mit dem Heidelberger Stückepreis ausgezeichnete Werk „Liv Stein“

Ein Abgrund nie endender Tiefe

Horn-Lehe. „Für manche ist die Welt ein klares, überschaubares Tal. Für manche aber ist es ein Tal, gebildet durch einen Abgrund nie endender Tiefe“, sagt Lore.
02.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von KRISTINA BELLACH
Ein Abgrund nie endender Tiefe

Incognito-Darsteller Laure Achonline-Cousin (links), Marius Roskamp und Marica Tomiak-Lore (ganz rechts).

Petra Stubbe

„Für manche ist die Welt ein klares, überschaubares Tal. Für manche aber ist es ein Tal, gebildet durch einen Abgrund nie endender Tiefe“, sagt Lore. Überwinden möchte sie es und gar fliegen lernen, doch so einfach ist die von ihr gezeichnete Welt nicht. Auf und ab geht es in „Liv Stein“, einer Tragödie der deutsch-georgischen Dramatikerin Nino Haratischwili, die das Uni-Theater Incognito aufführt. Lüge und Wahrheit sind darin immer dicht beieinander und ineinander verstrickt.

Eine rasante Achterbahn der Gefühle nimmt ihren Lauf, als Henri, Sohn der berühmten Konzertpianistin Liv Stein an Krebs erkrankt und stirbt. Der Tod ihres Sohnes, der die meiste Zeit im Internat verbracht hatte, während Liv Stein sich ihrer Karriere widmete, wirft die Künstlerin in eine tiefe Depression. Henri, eine unsichtbare, zentrale Rolle, durch Einsprechungen von Florian Bänsch dargestellt, hat Macht: Verzweiflung und Schuldgefühle nehmen von ihr Besitz, bringen ihre Karriere zum Stillstand und lassen selbst die wichtigsten Menschen in Liv Steins Umfeld, Ex-Mann Emil und Managerin Simone, ohnmächtig dastehen.

Doch plötzlich tritt mit der jungen Klavierschülerin Lore eine abrupte Veränderung in Liv Steins Leben. Zwar ist die Vorstellung, banalen Klavierunterricht zu erteilen für die Virtuosin zunächst undenkbar, doch Lore fordert die Stunden auf besondere Art ein: Im Gegenzug zum Unterricht will sie Liv Stein Geschichten aus dem Alltag ihres Sohnes, den sie aus dem Internat kannte, erzählen.

Der Aufzug mit wirren Haaren und versifftem Bademantel ist passé, die Pianistin und alle um sie herum, erfahren durch Lore neuen Lebensmut. Zudem ist die Schülerin ein echtes Talent mit Passion zur Musik – etwas, das Henri nie hatte. Bald entwickelt sich eine Mutter-Tochter-Beziehung. Doch das inhaltlich dichte Werk, das 2008 den Heidelberger Stückepreis erhielt, zeigt, wie facettenreich es ist. Kaum glaubt man, sich ihrer sicher zu sein, macht die Story auf dem Absatz kehrt und marschiert in eine ganz andere Richtung: Lore scheint ein Spiel zu spielen – wer ist sie wirklich und was ist ihre wahre Intention?

„Das ist eine feinsinnige Geschichte von Abgründen des Familienlebens“, meinen die Lehrbeauftragten im Fachbereich Kulturwissenschaften, Roland Klahr und Franz Josef Eggstein, die „Liv Stein“ mit viel Musik, Schattenspielen und verschiedenen Projektionen inszeniert haben. Doch es ist auch eine Aussage über die Rolle der Kunst: „Wie weit kann man die Kunst in sein Leben integrieren? Was muss man dafür opfern? Bleibt noch Platz für irgendein Leben?“, fragt sich Marica Tomiak aus Horn, die die Lore spielt. „Das ist etwas, was mich persönlich interessiert: was bedeutet die Kunst für uns?“ meint der Neustädter Eggstein, der, wie sein gesamtes Ensemble, mit dem Theater auch Kunstschaffender ist.

Von starken Dialogen wird die Tragödie getragen, die bühnenreif einzuüben für alle eine Herausforderung war: „Es ist ein unglaublich anspruchsvolles Stück, dessen Handlung sich über neun Monate hinzieht. Innerhalb von Sekunden müssen wir in unserer emotionalen Grundstimmung umswitchen“, berichtet Marica. „Es ist ungewöhnlich für Amateurtheater, weil es sehr reale, diffizile emotionale Zustände beinhaltet“ fügt Marius Roskamp aus der Neustadt, der Emil spielt, hinzu. Dazu geschähen alle Schachzüge zwischen den Figuren vielmehr zwischen den Szenen, „das muss man dann aber in der Szene rüberbringen“, sagt Laure Achouline-Cousin aus Horn, als Liv Stein zu sehen.

„Es ist unglaublich spannend, wunderschön geschrieben und sprachlich sehr poetisch“, findet die 22-jährige Marica, die das Textbuch „wie einen Roman“ innerhalb von zwei Stunden verschlungen habe. Die Proben jedoch, die seit März jedes Wochenende stattfinden, haben es in sich: „Das hat unsere schauspielerischen Kompetenzen an ihre Grenzen gebracht; es ist bisher die schwierigste Rolle, die ich gespielt habe.“

„Es ist an der Grenze von dem, was man mit Amateurtheater machen kann“, meint Eggstein. „Man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass man aussteigen kann; das muss man ertragen können. Man wird nachdenken, wenn man da rauskommt, und man muss sich damit auseinandersetzen“, sinniert er. „Es hat die Tragik und Wucht einer griechischen Tragödie, ist aber modern. Wir fragen uns: Können wir so was? Geht es gut?. Wir glauben: Ja.“ Sein Kollege Klahr harrt der Premiere: „Wir sind gespannt, ob es angenommen wird.“

Die Premiere von „Liv Stein“ ist am Sonnabend, 4. Juli, um 20 Uhr im Theatersaal der Universität. Der Saal liegt auf dem Campus am Mensasee. Weitere Aufführungen gibt es am 5.,18., 19. und 20. Juli. Der Eintritt kostet an der Abendkasse 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.

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