Geflüchteter aus Bremen

Ein Analphabet findet zur Sprache

Jamshid Sahibi konnte weder lesen noch schreiben als er 2015 nach Bremen kam. Vier Jahre später hat der Afghane nicht nur seine Muttersprache schreiben gelernt, sondern auch Deutsch und die Sprache der Kunst.
09.11.2019, 16:32
Lesedauer: 4 Min
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Ein Analphabet findet zur Sprache
Von Carolin Henkenberens
Ein Analphabet findet zur Sprache

Malt, um dem Stress zu entkommen: der 20 Jahre alte Jamshid Sahibi. Er war einer der Jungs, die 2015 in der Sporthalle am Borgfelder Saatland untergebracht waren.

Michael Matthey

Jamshid Sahibi steht in einem Atelier im Ortsteil Industriehäfen. Durch die großen Fenster dringt helles Licht. Staffeleien mit halb fertigen Bildern sind im Raum verteilt, von überall leuchten kräftige Farben. Sahibi öffnet eine Mappe. Darin versammelt: Mit dem Pinsel festgehaltene Gedanken der vergangenen vier Jahre. Ein braun-schwarzes Gewehr. Ein mit einem Rucksack bepackter Mann, der eine Treppe hinaufsteigt. Ein Fußballspieler in einer Vollmondnacht. Eine Frau mit wallendem, dunklem Haar.

Und eines seiner Lieblingsbilder. Eine Frau, deren Gesicht zur Hälfte von einer hellblauen Burka bedeckt ist, eine Hand hält ihr den Mund zu. Der Hintergrund feuerrot bis schwarz. Das Bild soll ausdrücken, dass Frauen in Afghanistan unterdrückt werden, sagt Jamshid Sahibi. Das sei ihm in Deutschland bewusst geworden.

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Als Jamshid Sahibi als 16-Jähriger im Herbst 2015 nach Bremen kommt, kann er weder lesen noch schreiben. Nicht einmal in seiner Muttersprache Persisch. In Afghanistan sei er nie zur Schule gegangen.

Doch mittlerweile hat der einstige Analphabet zur Sprache gefunden. Oder eher: zu den Sprachen. Denn Sahibi hat inzwischen Deutsch und die persische Schrift gelernt. Er ist in der Lage, ein Interview auf Deutsch zu führen, versteht alles, antwortet flüssig, nicht immer grammatikalisch korrekt, aber immer so, dass man weiß, was er sagen will. Er hat aber noch eine andere Form der Sprache gefunden, für die er keinen Stift zur Hand nehmen oder Vokabeln pauken muss: die Malerei.

Der 20-Jährige ist einer von etwa 90 Geflüchteten, die im Herbst 2015 in der Sporthalle am Borgfelder Saatland einquartiert worden sind. In 20 Bremer Turnhallen sind damals Menschen untergekommen, die vor Krieg, Gewalt oder Hoffnungslosigkeit geflohen waren. Der WESER-KURIER hat einige von ihnen getroffen, um herauszufinden: Was ist aus den Geflüchteten aus der Sporthalle in Borgfeld geworden?

Der Kontakt ist geblieben

Jamshid Sahibi und einige andere der damals minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlinge aus Borgfeld treffen sich auch heute, da alle längst in eigenen Wohnungen leben, noch ­regelmäßig zum Malen im Atelier „Jules-Art“. Die Künstlerinnen Juliane Stegemann-Trede und Silke Behrens haben das Malprojekt ­damals in der Sporthalle ins Leben gerufen. Mittlerweile hat die Diakonie die Finanzierung übernommen. „Ich male, weil ich ­meinen Kopf frei machen will, weil ich den Stress weg machen will“, erklärt Jamshid Sahibi.

Ganz so viel Zeit wie damals hat er für das Malen in der Woche aber nicht mehr. Der 20-Jährige besucht eine berufsorientierte Schule, an der er eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker absolviert. Er ist jetzt im zweiten Jahr, 2022 steht der Abschluss bevor. „Das läuft gut, aber es ist ein bisschen schwierig“, sagt Sahibi. Wegen der Sprache und weil er nicht so gut in Mathematik sei. „Aber trotzdem schaffen wir das.“

Sahibi spricht in der „Wir“-Form. Er meint die Geflüchteten, die mit ihm zusammen zur Schule gehen. Sie kommen wie er aus Afghanistan oder aus Gambia, Syrien oder anderen Ländern. Die Lehrer helfen ihnen viel, sagt er. Die Schule mache Spaß.

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Jamshid Sahibi sagt Sätze, die zeigen, dass er verstanden hat, wie das deutsche Bildungs- und das Berufssystem funktionieren. Etwa diesen: „Eine Ausbildung ist in Deutschland wichtig“. Oder: „Facharbeiter sind wichtig in Deutschland und es braucht viele.“ Zunächst habe er ein Praktikum als Kfz-Mechaniker und eines als Maler gemacht. Sein drittes Praktikum als Konstruktionsmechaniker gefiel ihm aber besser, er realisierte auch die Verdienstmöglichkeiten in der Industrie.

In Afghanistan wäre ihm eine solche Ausbildung wohl verwehrt geblieben. Sahibi ist aufgewachsen in Baglan, einer Stadt nördlich von Kabul und südlich von Kunduz. In der Region kämpfen die radikalislamischen Taliban seit Jahren gegen die Regierung und vor allem gegen die Bevölkerung. „In unserer Stadt war zu viel Krieg“, erzählt Sahibi. „Deswegen hat meine Familie entschieden, mich nach Deutschland zu schicken.“ Seine Flucht sei „sehr, sehr schwer“ gewesen, mehrere Wochen sei er unterwegs gewesen, bis er im Oktober 2015 ankam.

Viele Menschen auf engem Raum

Die Zeit der Sporthalle behält er als anstrengend in Erinnerung. Weil so viele Menschen auf engem Raum zusammenwohnten. Nach einer Weile aber habe er sich daran gewöhnt. Nach dem Auszug aus der Turnhalle lebte er erst in einer Unterkunft in einem Hotel, danach in einer Wohngruppe und mittlerweile allein.

Was war das Schwierigste für ihn in den vergangenen vier Jahren? „Es war sehr schwer, Deutsch zu lernen“, sagt Sahibi. Noch dazu kamen die neuen Regeln und die neue Kultur. „In unserer Heimat schämen wir uns, mit einer Frau zu sprechen, zum Beispiel“, erklärt der 20-Jährige und sagt dann lachend: „Aber in Deutschland ist das normal.“ Er habe mehr Kontakte zu Deutschen als zu Afghanen, sagt er. In seiner Freizeit trainiert er gern im Fitnessstudio, er möge Minigolf. Fußball interessiert ihn nicht.

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Der Afghane möchte aus Bremen nicht mehr weg. Bremen sei jetzt seine Stadt geworden. „Wenn ich in eine andere Stadt fahre, denke ich, ich muss wieder nach Bremen“, sagt der junge Mann. Er mag, dass es hier so schön ruhig ist. Seine Familie ist noch in Afghanistan, zurück will er trotzdem nicht. „Ich bin hierhergekommen, um mein Leben besser zu machen und nicht, um noch mal in den Krieg zu gehen.“

Hat er Wünsche oder Träume für die Zukunft? „Ja“, sagt Jamshid Sahibi. Er wünsche sich, später eine gute zu Arbeit finden und dass die Stadt sie – die Geflüchteten – akzeptiert. „Weil wir hier leben möchten“, sagt er. Er wolle „gut“ sein, sagt er – und formuliert dann präziser: „Bremen hat für uns viel Geld ausgegeben, wir haben Deutsch gelernt und eine Schule besucht. Deswegen möchten wir das Beste daraus machen.“

Info

Zur Sache

Was wurde aus . . . ?

Im Herbst 2015 kamen Hunderte Geflüchtete in Bremen in Turnhallen unter. Der WESER-KURIER hat am Beispiel der Notunterkunft in der Sporthalle am Borgfelder Saatland versucht herauszufinden, was aus den dort einquartierten jungen Männern geworden ist. Wie haben sie sich in Bremen eingelebt? Weitere Porträts folgen in loser Reihenfolge.

Die Kunst von Jamshid Sahibi und weiteren Geflüchteten ist an diesem Sonntag, 10. November, von 11 bis 18 Uhr in der Kap-Horn-Straße 9zu sehen. Das Atelier „Jules-Art“ und drei weitere Atelierhäuser im Ortsteil Industriehäfen öffnen an diesem Tag ihre Ateliers. Mehr Infos unter www.kaphoorn-art.de.

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