ASB Bremen und ein Danziger Verein engagieren sich für ambulante sozialpsychiatrische Hilfen Ein Austausch zum Wohl der Patienten

Seit den Siebzigerjahren entwickelt sich die ambulante Betreuung von psychisch erkrankten Menschen in Deutschland stetig weiter. In Polen beginnt die ambulante Betreuung dieser Patienten gerade erst. Standard war zuvor in beiden Ländern die stationäre Unterbringung. In Deutschland werden die finanziellen Mittel reduziert, in Danzig gibt es sie kaum. Der Austausch des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) mit einem Danziger Verein fördert in beiden Ländern die Entwicklungen und unterstützt die Fachkräfte bei ihrer Arbeit.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von EDWIN PLATT

Seit den Siebzigerjahren entwickelt sich die ambulante Betreuung von psychisch erkrankten Menschen in Deutschland stetig weiter. In Polen beginnt die ambulante Betreuung dieser Patienten gerade erst. Standard war zuvor in beiden Ländern die stationäre Unterbringung. In Deutschland werden die finanziellen Mittel reduziert, in Danzig gibt es sie kaum. Der Austausch des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) mit einem Danziger Verein fördert in beiden Ländern die Entwicklungen und unterstützt die Fachkräfte bei ihrer Arbeit.

Sebaldsbrück. "Stowarzyszenie Nadzieja dla Rodziny" ist ein Danziger Verein, der seit 2005 das Ziel verfolgt, ambulante sozialpsychiatrische Hilfen einzurichten und dafür staatliche Unterstützung zu bekommen. Mit "Hoffnung für die Familie" könnte man den Vereinsnamen übersetzen. Über die Städtepartnerschaft Bremens und Danzigs ist der Kontakt mit der Abteilung für sozialpsychiatrische Hilfen des ASB zustande gekommen.

Der polnische Verein unterhält seit 2010 in Gdansk (Danzig) ein Hostel, als Pilotprojekt der EU in Polen, das die Integration der Menschen fördert, die sich mit psychischen Problemen auseinandersetzen müssen. Traditionell werden Personen mit psychischen Einschränkungen in Polen in psychiatrischen Kliniken oder in Heimen untergebracht, sodass sie kaum am sozialen Leben teilnehmen können. Mit der Demokratisierung seit etwa 20 Jahren gibt es ein gesellschaftliches Umdenken.

Durch Rainer Nalazek, Bürgerschaftsmitglied, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Arbergen-Mahndorf und Präsident der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen, kam es zu einem ersten Kontakt der sozialpsychiatrischen Abteilung des ASB und des polnischen Vereins "Hoffnung für die Familie". Jetzt waren die Polen zu einem Gegenbesuch in Bremen zu Gast. Jobst von Schwarzkopf vom sozialpsychiatrischen Dienst des ASB Bremen dankt seinem Geschäftsführer Wolfgang Rust, dass er sich Zeit dafür nimmt, markante Punkte des Bremer sozialpsychiatrischen Dienstes mit der Delegation zu besuchen.

Dazu zählen das Wohnheim "Haus Hastedt", die Schulmensa der Gesamtschule Mitte, das Café im Landesinstitut für Schule, wie auch das Apartmenthaus Vahrer Straße für betreutes Wohnen und weitere Einrichtungen, wie die Villa Wisch des ASB in der Sebaldsbrücker Heerstraße, in der die Delegation das Mittagstischangebot der "Mitarbeiter in Teilhabe am Arbeitsleben"genießt. Das Klinikum Ost mit seiner psychiatrischen Tagesklinik steht ebenfalls auf dem Programm.

Die Delegation besteht aus Wilhelmina Grych, einer ehemaligen Krankenschwester, die durch ihren Sohn zur betroffenen Angehörigen wurde und heute die Delegation leitet, aus Marta Ptaszynska, einer jungen Psychotherapeutin mit dem Spezialgebiet Therapie in der Gesellschaft und angehende Doktorandin, und Pawel Gorn, der Deutsch spricht und kombinierter Psychotherapeut, Soziologe und Bereichsleiter des Vereins und ebenfalls Doktorand ist. Die Reisekosten decken sie mit Mitteln, die sie bei einer Preisverleihung für ihre Arbeit durch die Stadt Danzig bekommen haben.

"Mit der Psychiatrie-Enquete von 1975 fand ein Wandel statt", erklärt Jobst von Schwarzkopf. Die Enquete war aus grundsätzlichen Überlegungen Ende der sechziger Jahre entstanden und forderte eine bessere Integration der Psychiatrie in die allgemeine Medizin, die Verbesserung der Versorgungskontinuität, die Verkleinerung der psychiatrischen Großkrankenhäuser und die Vernetzung mit medizinischen und sozialen Einrichtungen. Vieles davon konnte in den folgenden guten Wirtschaftsjahren umgesetzt werden. Für Bremen war die Auflösung des Klosters Blankenburg 1988 ein Meilenstein. In der Langzeitklinik Kloster Blankenburg lebten über Jahrzehnte hinweg psychisch kranke Menschen, geistig Behinderte und Süchtige unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen, abgeschnitten von der Umwelt. Nur 14 Patienten der 240 Bewohner mussten nach der Auflösung von Kloster Blankenburg noch einmal stationäre psychiatrische Hilfe in einer Klinik suchen.

Kloster Blankenburg war eine typische Einrichtung der damaligen Zeit. An diesem Punkt, vielleicht vor der Auflösung solcher Einrichtungen, stehen Polen und Danzig jetzt. Die Delegation findet deshalb in Bremen Anregungen für die Entwicklung in ihrer Heimat. Doch der Austausch ist keine Einbahnstraße. "Ich bin beeindruckt von der Pionierarbeit und davon, mit wie wenigen Mitteln etwas erreicht werden kann, und von der fachlichen Qualität," sagt Jobst von Schwarzkopf über seinen Besuch im Mai in Danzig. In Deutschland droht aktuell der Abbau kassenzugelassener psychotherapeutischer Praxen, obwohl es örtlich Wartezeiten von bis zu einem halben Jahr auf einen Therapieplatz gibt, besonders im ländlichen Bereich, aber auch in Städten. Dabei steigt gleichzeitig die Zahl der vorgezogenen Renteneintritte wegen anhaltender psychischer Probleme.

Einer offiziell deklarierten Überversorgung soll mit der Reduzierung der Kassensitze durch einen Bundestagsbeschluss aktuell entsprochen werden. Die Zahlen, die dieser Überversorgungsrechnung zugrunde liegen, basieren auf einer Bedarfsplanung von 1993 und einer 1999 festgelegten Höchstgrenze für Psychotherapeuten. Damit sollen Kosten eingespart werden.

Mit den knappen Mitteln gilt es in Danzig wie in Bremen zurechtzukommen. Die Danziger Gäste schauen sich die Vielzahl der Modelle und die kreativen Ansätze in der Versorgung von psychiatrisch erkrankten Menschen an. Pawel Gorn: "Wir lassen uns vom Rat der Kollegen und den Ideen inspirieren und profitieren davon, wenn wir Beispiele mitnehmen und auf unsere Landesverhältnisse übertragen können. Wir hoffen auf eine beständige kollegiale und die städtepartnerschaftliche Zusammenarbeit." "Sie nehmen auch unsere Probleme mit und können so vielleicht bestimmte Entwicklungen vermeiden", sagt Jobst von Schwarzkopf. Vielleicht sei auch ein Austausch mit Betroffenen und Patienten möglich, wenn der fachliche Austausch sich stabil etabliert habe.

ASB Bremen Sozialtherapie, Sebaldsbrücker Heerstraße 42, Telefon 4175860, E-Mail:

sozialtherapie@asb-bremen.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+