Geburtsstunde von Radio Bremen Ein Ausweis einer Bremer Landesidentität

Wie Wilhelm Kaisen sich nach dem Zweiten Weltkrieg für Radio Bremen stark machte - Konflikte mit dem NWDR
23.05.2018, 17:43
Lesedauer: 2 Min
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Von Gerald Wessel

Am 23. Dezember 1945 begann ein neues Kapitel bremischer Geschichte. Die Uhr schlägt 15 Uhr am vierten Adventssonntag: "Hier ist Radio Bremen", spricht Edward E. Harriman, Kontrolloffizier und Rundfunkbeauftragter der amerikanischen Militärregierung. Tausende schauen vom vollen Marktplatz zu ihm auf den Balkon des Rathauses hinauf.

Sie alle sind Zeugen der Geburt von Radio Bremen. Mit dabei ist auch der damalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen, der seine Weihnachtsansprache hält. Später wird Edward E. Harriman den Tag als glorreich beschreiben. Die Medien feiern das Ereignis als ein lebendiges Sinnbild der Völkerverständigung nach den Schrecken des Krieges.

Doch für Bremen ist das freudige Ereignis nicht unumstritten, ganz im Gegenteil. Es ist eine der ersten Bewährungsproben Bremens als zukünftiges Bundesland. Denn Radio Bremen geriet sofort in Konflikt mit dem Giganten, dem Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR), der von Hamburg aus koordiniert das Heft auf dem jungen Radiomarkt von Berlin bis Köln fest im Griff hat.

Chefredakteur der "Bremer Volkszeitung"

Wilhelm Kaisen sollte es sein, der in den kommenden Jahren den Unterschied machen sollte. Die Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung hatte Wissenschaftler Peter von Rüden eingeladen, um im Rathaus über diese Vorgänge zu referieren. Bereits 1923 stellte sich die Norddeutsche Rundfunk AG aus Hamburg entschieden gegen die Idee eines eigenen bremischen Senders.

Dies sei "Unfug" und der Idee müsse man "schnell den Garaus machen". Zu dieser Zeit war Wilhelm Kaisen Chefredakteur der „Bremer Volkszeitung“, dem Organ der vereinigten SPD und USPD. Nach dem Krieg kämpfte er entschieden für Bremens Selbstständigkeit und eine eigene Rundfunkanstalt. Ein Sender war für ihn Ausweis und Stärkung einer Bremer Landesidentität und -realität. Er sei einer der wenigen Politiker der Zeit gewesen, die wirklich verstanden hätten, was ein unabhängiger Rundfunk bedeutet, so Peter von Rüden.

Nach dem Krieg herrschte in Bremen die amerikanische Militärverwaltung, die Bremen als Enklave inmitten des ansonsten britischen Verwaltungsgebietes zugesprochen bekommen hatte, um einen eigenen Hafen zur Versorgung ihrer Truppen zu haben. Es trafen zwei gänzlich verschiedene Medienkonzepte aufeinander. Die Briten wollten nach Vorbild der eigenen BBC einen großen Sender, den NWDR.

Fehlende Rentabilität

Die Amerikaner bevorzugten die Idee vieler kleiner, regionaler Sender. So stellten sie den Hauptverbündeten von Wilhelm Kaisen zur Schaffung und Erhaltung Radio Bremens dar. Aber der bremische Sender litt von Anfang an unter Finanzierungsengpässen. Vor allem im oldenburgischen Raum wurde er mit seinem erfolgreichen Programm, das anfangs in einer Villa in der Schwachhauser Heerstraße produziert wurde, viel gehört.

Kaisen half anfangs, in dem er die erforderlichen Beträge für den neuen Sender „im Wege eines Vorschusses durch die Stadt" auszahlen ließ. Hauptargument des NWDR und der Briten war meist: Fehlende Rentabilität. Bremen sei halt schlicht zu klein und solle deshalb am besten gleich Niedersachsen als Ganzes zugeschlagen werden. Doch Kaisen kämpfte.

1948 wurde gesetzlich verankert, dass Radio Bremen unabhängig sein und nicht unter staatlicher Kontrolle stehen solle. Die Geschichte ging noch einige Zeit weiter, doch ab Ende 1958 war die finanzielle Lage Radio Bremens durch den ARD-Finanzausgleich einigermaßen gesichert. Wilhelm Kaisen hatte Erfolg: Bremen blieb unabhängig und mit ihm der staatsfern agierende "kleine, aber tüchtige Sender" Radio Bremen, wie Peter von Rüden seinen interessanten Vortrag vor über 200 Besuchern schloss.

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