Die kleine Ida soll Schülern Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme vermitteln Ein Baby im Klassenzimmer

Ein Baby im Klassenzimmer macht offensichtlich vor allem eins: Der Klasse 6b von der Wilhelm-Focke-Oberschule viel Spaß. Dabei geht die Absicht des Projektes "Roots of Empathy" (zu Deutsch: Wurzeln des Einfühlungsvermögens) viel weiter. An der gerade acht Monate alten Ida aus Findorff lernen die Schüler und Schülerinnen Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme und Toleranz.
11.04.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Katharina Hirsch

Ein Baby im Klassenzimmer macht offensichtlich vor allem eins: Der Klasse 6b von der Wilhelm-Focke-Oberschule viel Spaß. Dabei geht die Absicht des Projektes "Roots of Empathy" (zu Deutsch: Wurzeln des Einfühlungsvermögens) viel weiter. An der gerade acht Monate alten Ida aus Findorff lernen die Schüler und Schülerinnen Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme und Toleranz.

Horn-Lehe. Gerade mal 73 Zentimeter ist sie groß, und sie wiegt etwa 8,5 Kilogramm. Damit ist Ida die Kleinste in der Stunde mit Klasse 6b an der Wilhelm-Focke-Oberschule. Und trotzdem gilt alle Aufmerksamkeit ihr allein. Ida ist acht Monate alt, kommt mit ihrer Mama aus Findorff und wirkt als "Lehrerin" für das Projekt "Roots of Empathy" (ROE, deutsch: Wurzeln des Einfühlungsvermögens). Das Programm stammt aus Kanada, wurde dort schon 1996 von Mary Gordon entwickelt und Imme Adler von der API-Kinder-und-Jugend-Stiftung aus Hamburg hat es im vergangenen Jahr nach Deutschland geholt. Momentan machen zusammen mit der Helgolander Schule in Walle und der Oberschule Lehmhorster Straße in Blumenthal drei Bremer Schulen und insgesamt neun Babys mit jeweils einem Elternteil mit. Es können und es sollen mehr werden.

Im Klassenzimmer liegen vor allem die Jungen auf ihren Bäuchen um die grüne Babydecke herum, auf Augenhöhe mit Ida. Das war beim ersten Termin im vergangenen September noch ganz anders, als die Schüler und Schülerinnen Stühle nahmen und sich damit an den Rand von Idas Decke setzten. Ein kleines Experiment, das die ROE-Trainerin Christel Bremer in der ersten Nachbesprechung zum Besuchstermin machte, hat die Kinder von der kontaktfreundlicheren Position am Boden überzeugt. Bremer forderte einen Schüler auf, sich selbst auf die Decke zu legen, während alle anderen auf ihren Stühlen um ihn herum saßen. "Was siehst du?", hatte sie den Jungen dann gefragt, und: "Magst du so mit deinen Klassenkameraden in Kontakt treten?". Er sah Füße und Knie, und die Perspektive gefiel ihm nicht sonderlich.

Genau darum geht es bei ROE. Die Mädchen und Jungen lernen, die Perspektive ihres Gegenübers – in diesem Fall von Ida, dem Baby – zu beachten, zu überlegen, wie es ihr (oder ihm) in bestimmten Situationen gehen könnte und warum das so ist. Eine Theorie-Stunde vermittelt den Schülern und Schülerinnen vorab, was es im Umgang mit einem Neugeborenen alles zu bedenken gibt. In diesen Vorbereitungsstunden zu den neun Baby-Besuchen geht es unter anderem um Fragen der Sicherheit, der Fürsorge und sogar der Kosten, die ein Baby im Verlauf eines Jahres mit sich bringt. In der Nachbetrachtung geht es dann vor allem um die Schüler selbst. In dieser Stunde reflektieren sie nicht nur den Besuch von Ida, sie werden auch herausgefordert, ihre eigenen Empfindungen und Reaktionen zu beobachten. Die Jungen und Mädchen sollen sich bewusst werden, wie es ihnen selbst in bestimmten Situationen geht. Dabei stellen sie im Klassenverband auch fest, wie unterschiedlich die Reaktionen unter den Klassenkameraden sind und wie viele Varianten von "normal" es gibt. Das macht die Kinder nicht nur toleranter. "Manchmal machen sie sich gegenseitig darauf aufmerksam, wie sie miteinander umgehen", hat Klassenlehrerin Gabriele Bräuer schon beobachtet.

Bei Idas Besuchen schauen sich die Jungen und Mädchen "ihr Baby" dann genau an – zum Beispiel erkennen sie, wie sehr es gewachsen ist. "Es ist spannend, die Veränderungen zu beobachten", berichtet Lisa und Yannick findet die Fotowand in der Klasse mit der Alterstreppe aus Fotos jedes einzelnen Besuches gut. Dort lassen sich genau diese Veränderungen auch nach längerer Zeit noch nachvollziehen. Aber Jonas hat tiefgreifendere Fragen an Mama Inga Behrens: Ob Ida mittlerweile ein Selbstbewusstsein habe, will er wissen.

Aufs Spiegelbild keine Reaktion

Dieses Thema beschäftigt ihn bereits seit der ersten Begegnung. Aber auf ihr Spiegelbild reagiert Ida zumindest in der sechsten Stunde überhaupt nicht. Dieses Nicht-Reagieren wird in der Entwicklungspsychologie als ein Zeichen dafür angesehen, dass eben noch keine Wahrnehmung für das eigene Selbst vorhanden ist, weiß Christel Bremer, die bis zu ihrer Rente als Kinderärztin gearbeitet hat. Außerdem will Jonas wissen, ob Ida im Schlaf brabbelt, und an dieser Stelle bekommt er von Inga Behrens lächelnd eine positive Antwort: "Ja, das macht sie."

Die Schüler und Schülerinnen mögen Idas Besuche. Felix steht die Begeisterung geradezu ins Gesicht geschrieben. Er berichtet stolz, dass Ida immer ihn ansehe, seinen Klassenkameraden neben ihm hingegen nicht. Und bereits jetzt hat die Klasse 6b mit Inga Behrens einen jährlichen Nachbesuch und auch die Teilnahme von Ida an ihrer Abschlussfeier abgesprochen. Doch es dauerte etwa drei Monate, bis auch die letzten Jungen sich auf den Kontakt zu Ida eingelassen haben. "Die Schüler und Schülerinnen kommen jetzt in die Pubertät. Da ist es uncool, sich mit einem Baby zu beschäftigen", erklärt die Neustädterin Gabriele Bräuer.

Zum nächsten Schuljahr geht das Projekt in die zweite Runde. Wer teilnehmen möchte, kann sich an Annette zu Solms unter Telefon 0171-6427120 wenden. Das gilt für Schulen, Eltern, die mit ihrem Baby (geboren von Mai bis Juli 2013) über ein Jahr neun Mal eine Klasse besuchen möchten und die Trainer-Ausbildung.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+