Mein erstes Mal

Ein besonderer Grabstein

Steinmetzin Katja Stelljes berichtet von ihrem ersten Grabstein, der nicht nur ihre Arbeit, sondern auch sie selbst verändert hat.
09.02.2019, 16:17
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ein besonderer Grabstein
Von Elena Matera
Ein besonderer Grabstein

Eine bewegende Arbeit: Die ganze Familie hat an dem Grabstein des verstorbenen Kindes gearbeitet.

Katja Stremmel

Es war dieser eine Tag, diese Begegnung, die mich berührt hat. Eine junge Frau kam zu mir in die Werkstatt. Sie hatte ihre erst elfjährige Tochter verloren. Mit dieser Mutter hat sich zum ersten Mal ein Kontakt ergeben, bei dem ich gemerkt habe, was es wirklich bedeutet, einen Grabstein zu gestalten. Ich wusste in diesem Moment: Das möchte ich unbedingt weitermachen, das ist eine Arbeit, die mich erfüllt.

Gleich zum ersten Treffen brachte mir die Mutter ein Bild mit, das ihre Tochter gemalt hatte. Sie wollte mir zeigen, wie ihr Kind war, was es gedacht und gefühlt hat. Wir haben uns lange und intensiv unterhalten. Die Mutter wollte selbst gerne an dem Stein mitarbeiten. Sie habe angefangen, Entwürfe für den Grabstein anzufertigen. Nach einiger Zeit hat sich eine Form entwickelt, mit der die Familie des verstorbenen Mädchens und ich zufrieden waren.

Die ganze Familie hat an dem Stein gearbeitet

Mehrere Wochen lang kam die Mutter in die Werkstatt und hat die Oberfläche des Grabsteins bearbeitet. Das war eine sehr aufwendige Arbeit. Sie hatte das vorher noch nie gemacht. Diese gemeinsame Zeit war sehr intensiv. Ich habe dann erst so richtig verstanden, was mit jemandem passiert, der einen wichtigen Menschen verliert. Auch ihr Ehemann und ihr Sohn kamen regelmäßig in die Werkstatt. Der Vater hat zwei sitzende Königskinder aus Holz geschnitzt. Die haben wir dann in Bronze abgießen lassen und auf den Stein gesetzt. Der jüngere Bruder des verstorbenen Mädchens sollte auch mitarbeiten, er hatte sich aber nicht getraut – aus Angst, dass er den Stein kaputt machen könnte.

Ein bewegender Moment

Am letzten Tag der Arbeiten wollte der Junge dann doch etwas in den Grabstein hauen – für seine verstorbene Schwester. Auf der Rückseite des Steins hat er ein kleines Kreuz eingeritzt. Ganz zum Schluss haben wir den Stein zusammen aufgestellt. Das war ein sehr bewegender Moment. Durch diese ganze Geschichte, die um den Stein herum passiert ist, ist er zu etwas Positivem für alle Beteiligten geworden. Man steht dann auch ganz anders vor dem Grab. Ich habe bemerkt, dass die Zeit mit dem Grabstein vor allem für die Mutter gut war. In ihrer Trauer gab es diese ganz konkrete Arbeit an dem Stein.

Bei meiner Ausbildung zur Steinmetzmeisterin habe ich zwar immer wieder Schriften in Grabsteine gehauen oder Steine geschliffen. Doch die Arbeit hat mich in dieser Zeit nie berührt. Das hat sich mit eben jenen Grabstein dieses jungen Mädchens verändert.

Jede Lebensgeschichte ist einzigartig

Für mich stand fest: Ich wollte auch in der Zukunft individuelle Grabsteine herstellen. Jede Lebensgeschichte ist einzigartig. In meiner Werkstatt werden diese Geschichten zu Unikaten aus Stein. Ich biete auch immer wieder an, dass die Kunden mitarbeiten können. Ich bin glücklich, wenn mir das gelingt.

Die Arbeit kann manchmal total traurig sein. Aber ich merke auch, dass es vielen Menschen gut tut, dass sie an etwas so konkretem, wie einem Stein, mitarbeiten können. Es gibt dann einen Kontakt zwischen Mensch und Stein, einen Halt in der ganzen Trauer. Ich versuche diese traurigen Geschichten nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Ich bin keine Psychotherapeutin. Aber ich glaube, dass die Arbeit mit dem Stein in meiner Werkstatt einen eigenen, besonderen Raum für die Betroffenen darstellt. Es ist ein Ort, der zur Trauerbewältigung beitragen kann.

Ich brauche trotzdem immer wieder meinen Ausgleich zu der Arbeit mit den Grabsteinen. Ich arbeite dann kreativ und frei. Meistens weiß ich vorher gar nicht genau, wie sich der Arbeitsprozess entwickeln wird. Jeder Stein ist dann mein erstes Mal. Es sind gerade diese Momente des Erschaffens, die so wertvoll sind. Ob Grabstein oder freie Kunstwerke – die Objekte entstehen aus mir selbst heraus, mit körperlicher Kraft. Es ist eben diese Verbindung zwischen Mensch und Stein, die meine Arbeit als Steinmetzin so faszinierend macht.

Aufgezeichnet von Elena Matera

Info

Zur Person

Katja Stelljes

ist 49 Jahre alt und arbeitet als selbstständige Steinmetzin und Steinbildhauerin im Lloyd-Industriepark nahe der Bremer Innenstadt. Seit 10 Jahren arbeitet sie in ihrer eigenen Werkstatt, die sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Peer Steppe teilt. Stelljes fertigt vor allem individuelle Grabsteine aus regionalen Natursteinen an. Die Bremerin stellt auch kreative Kunstobjekte her, wie etwa Schalen aus alten Grabsteinen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+