Spitzenkandidaten beim Wahlkampf-Talk Ein bisschen Große Koalition

Bei einer Talkrunde in der Schwankhalle trafen die Spitzenkandidaten von SPD, CDU, Grünen und Linken erstmals aufeinander. Bürgermeister Jens Böhrnsen verspätete sich - und bekommt unerwartete Hilfe.
22.04.2015, 22:30
Lesedauer: 4 Min
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Ein bisschen Große Koalition
Von Jürgen Hinrichs

Der Bürgermeister verspätet sich. Er ist kurzfristig nach Berlin geeilt, Regierungsgeschäfte, und dann muss der Wahlkampf eben ein bisschen warten. Was soll’s, passiert ist bisher ja sowieso nichts. An diesem Abend soll es anders werden.

So hofft es mindestens die eine in der Runde, Elisabeth Motschmann, Spitzenkandidatin der CDU. Sie hatte Jens Böhrnsen in der vergangenen Woche zum TV-Duell herausgefordert. „Ich sehe den Bürgermeister nur auf Plakaten, sonst nicht!“, klagte Motschmann. Böhrnsen verweigere den Diskurs und sitze den Wahlkampf einfach nur aus. Ein großes Lamento. Und der Bürgermeister? Hat abgelehnt. Kein TV-Duell.

An diesem Abend nun doch mal eine Begegnung. Sie sind nicht zu zweit, das nicht. Aber immerhin gemeinsam auf dem Podium, zusammen mit den Spitzenkandidaten der Grünen und der Linken. Das Quartett der Frontleute, ausgeleuchtet in der Schwankhalle, dem Kulturzentrum in der Neustadt. Der Saal ist proppenvoll, einige müssen stehen. Sieh an, der Bremer und die Bremerin interessieren sich also doch, wenn Wahlkampf ist.

Es gibt Rollmops

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„Er will doch nur streiten“, heißt das Format. Axel Brüggemann ist der Moderator, ein quirliger, manchmal auch quengeliger Kulturjournalist. Ein smarter Typ, der auf der Bühne schon deswegen auffällt, weil er ein rotes, flauschiges und irgendwie auch samtiges Jackett trägt. Trés chic!

Rot, die Farbe des Abends. Elisabeth Motschmann trägt ein rotes Kleid unter dem schwarzen Blazer. Kristina Vogt ein rotes Jackett, nur ist der Ton ein wenig blasser. Karoline Linnert hat immerhin einen Stich Rot im Haar. Der Vorhang hinter der Bühne: rot. Und Jens Böhrnsen? Ja, ist er nicht das Rot in Person? Ein linker Sozialdemokrat, überhaupt kein Zweifel. Ein Sozi durch und durch.

Jetzt ist er da. Jetzt kann es losgehen. Aber erst mal ein Weizen. „Mit oder ohne“, fragt Brüggemann. „Mit“, sagt der Bürgermeister. Motschmann trinkt Weißweinschorle, die anderen Wasser. Es gibt Rollmops dazu, Brot und Kartoffelsalat. Irgendwann fängt der Mops an zu stinken und wird abgeräumt.

„Herr Böhrnsen“, geht der Moderator den Bürgermeister an, „was machen Sie eigentlich den ganzen Tag? Frau Motschmann vermisst Sie.“ Den Ball gespielt, der zu spielen war. Böhrnsen bleibt ruhig. „Mich kann man den ganzen Tag über treffen.“ Das sei ja gerade der Vorzug von Bremen, einer Stadt der kurzen Wege. Als Böhrnsen leicht süffisant darauf hinweist, dass Motschmann als Bundestagsabgeordnete nun mal oft in Berlin sei, widerspricht die CDU-Frau vehement: „Das ist mein Wahlkreis, hier bin ich zu Hause, hier sind meine Freunde, und hier verbringe ich die meiste Zeit.“

Dass sie ihren Kontrahenten bisher nicht treffen durfte, ärgert Motschmann, „dabei will ich Ihnen doch nur helfen, ich mag Sie ja!“ Das Publikum lacht, der Moderator rauft sich die Haare: „Das ist hier ja schon wieder die Große Koalition. Zum Knutschen!“ Linnert, die grüne Koalitionspartnerin von Böhrnsen, geht kurz dazwischen: „Ich will dem Bürgermeister nicht helfen, Zusammenarbeit ja, aber so weit geht das nicht.“

Der Bürgermeister geht nicht in Kneipen

Linnert, die Finanzsenatorin, erzählt, dass sie früher eine Anarchistin war. Aha! Motschmanns Metamorphosen sind bekannt und werden kurz aufs Tapet gebracht: Vom moralinsauren Familienapostel hin zur Liberalen in ihrer Partei. „Beim Wahlomat war ich zu 90 Prozent bei der CDU, der Rest war Grüne.“ Kristina Vogt verrät, dass sie bei ihrer Partei, den Linken, beim Wahlomat auf 97,6 Prozent gekommen ist. „Das sind ja schon ZK-Werte!“, staunt der Moderator.

„Und Sie, Herr Böhrnsen?“, fragt Brüggemann, „bei Ihnen ist doch alles so geblieben wie es war, oder?“ Das Image des Bürgermeisters, der ewige Böhrnsen. Er widerspricht. „Ich habe den Kriegsdienst verweigert, sehe Militäreinsätze heute aber differenzierter.“ Später wird er nach Bars und Kneipen gefragt, ganz anderes Thema. Und was sagt er? „Ich gehe nicht in Bars und Kneipen.“

Kunterbunt, die Themen. Und schon liegen sie sich kurz mal in den Haaren. Vogt und Linnert. Die Linke meint, dass Bremen durchaus noch mehr Geld ausgeben könnte, zum Beispiel für neue Lehrer. Die Grüne hält eisern die Kasse zu. Linnert weiß, dass sie sich für jede zusätzliche Ausgabe vor dem Stabilitätsrat in Berlin rechtfertigen muss. Der Bund gibt jedes Jahr 300 Millionen Euro nach Bremen, freilich nur unter strengen Auflagen.

Gespräche mal friedlich, mal gequält

Es ist stickig geworden. Zeit für eine Pause. Die Türen auf. Linnert und Vogt sind wieder friedlich miteinander und unterhalten sich angeregt. Bei Böhrnsen und Motschmann, die nebeneinander sitzen, wirkt das Gespräch etwas gequält. Zwischendurch schweigen sie sich an, bis die Pause viel zu früh zu Ende ist. Wo bleiben die Getränke?

Brüggemann hat einen Film gedreht, den er jetzt zeigt. Etwas über die Wahlplakate der Parteien. Auch die Kandidaten schmunzeln, wenn Passanten die Motive und Parolen kritisieren. „Herr Böhrnsen, was sagen Sie dazu?“, spricht Brüggemann den Pappkameraden am Laternenpfahl an. Die Antwort kommt vom echten Böhrnsen: „Wenn wir keine Plakate kleben würden, wäre die Wahlbeteiligung noch geringer.“ Wahltage als Feiertage der Demokratie, dieser Satz kommt auch noch, Böhrnsen sagt ihn oft.

Dann geht das munter weiter, sehr ernsthaft auch. Die Zukunft Bremens angesichts leerer Kassen. Die Unwucht bei der Steuerverteilung. Die Mängel im Bildungssystem. Armut. Andersherum die Lage der Wirtschaft, wie gut Bremen doch eigentlich dasteht. Ein Parforceritt, das bleibt nicht aus und wird bei allen Spielereien, die der Moderator sich erlaubt, vom Publikum auch erwartet.

Die Menschen gehen hinaus, da ist es längst dunkel. Vielleicht ein Bier an der Theke. Eines. Böhrnsen hat sein Weizen längst intus.

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