Polsko-deutscher Kurier Ein bisschen Heimat aus dem Supermarkt

Bremen. Der WESER-KURIER gibt am Sonnabend, 5. Oktober, eine zweisprachige Beilage heraus, den "Polsko-deutschen Kurier". Hier gibt es schon einmal einen Einblick in das Angebot.
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Ein bisschen Heimat aus dem Supermarkt
Von Silke Hellwig

Bremen. Der WESER-KURIER gibt am Sonnabend, 5. Oktober, eine zweisprachige Beilage heraus, den "Polsko-deutschen Kurier". Hier gibt es schon einmal einen Einblick in das Angebot.

Mit Heimat verbinden die meisten Menschen nicht nur die Sprache und die Landschaft, sondern auch das Essen. Wer große Sehnsucht nach Polen hat, kann sie über den Gaumen etwas stillen – im polnischen Spezialitätengeschäft. Eines davon gehört zur Kette „Lukullus“ und liegt in Huchting. Die Verkaufsschlager: Wurst, Kuchen und saure Gurken.

Die Architektur fällt auf, das muss man schon sagen: Das flache Gebäude an der Heinrich-Plett- Allee ist wie aus einer anderen Welt gefallen; großformatige Bilder schmücken die holzvertäfelten Außenwände – glückliche Kühe, glückliche Gänse, liebliche Landschaften. Die Fotos könnten irgendwo im Mittelhessischen gemacht worden sein, wo sich die Hügel sanft wellen, sie stammen aber allesamt aus Polen, versichert Kamil Binkowski. Denn was außen Appetit macht, verkaufen Binkowski und sein Team im Inneren: polnische Lebensmittel; Kindheitserinnerungen zum Essen, sagt Binkowski.

Die Regale biegen sich unter der Importware: rund 3500 Artikel, polnische Bonbons und Kekse, eingelegte Gurken und Sauerkraut im Fass, Piroggen – gefüllte Teigtaschen – mit oder ohne Fleisch, mit oder ohne Obst, Wodka, polnisches Bier, Sahne und Quark, Schmalz und Graupen, Flaki, Zurek und Borschtsch, Vegeta, ein Gewürz, auf das polnische Hausfrauen schwören. Sowie frische Ware: Dill in Mannshöhe, Gurkengewürz im Bund. Und Gurken, auch säckeweise – Gurken einlegen ist in Polen so etwas wie hierzulande Marmelade einkochen. Wer etwas auf sich hält, macht das selbst und stapelt den Keller mit eingelegten Gurken voll. Eine Gurkenbestellung von mehreren Kilo ist keine Seltenheit. Gestern hat jemand ganze 50 Kilogramm weggefahren.

Die Kunden kommen aus ganz Bremen und aus der Region. In Blockdiek gibt es noch ein Geschäft mit polnischen Waren, auch in manchen Supermärkten sind ein paar Regalmeter gefüllt, aber „Lukullus“ ist laut Inhaber der größte polnische Supermarkt in der Stadt. An der Kuchen- und an der Fleischtheke stauen sich mittlerweile die Kunden. Der Kuchen wird Tag für Tag aus Polen angefahren, Wurst ist für den polnische Magen außerordentlich wichtig – das Land gehört zu den Nationen mit dem höchsten Fleischkonsum weltweit. Über die ausgelegten Waren schauen Grazyna und Pawel Wiszniewski aus Delmenhorst. Das Paar lebt seit 24 Jahren in Deutschland, hat aber nie ganz auf polnisches Essen verzichten mögen. Früher hätten sie von Polen-Besuchen große Mengen Lebensmittel über die Grenze geschafft. Inzwischen sind die beiden Stammkunden in Huchting. „Hier schmeckt alles wie hausgemacht“, sagt Grazyna Wiszniewski. „Man kann das schlecht erklären, der Geschmack ist ganz anders, würziger, eben wie bei uns zu Hause.“

Der Geschmack von zu Hause kann auch Generationen überdauern: Kundin Sarah Franiak ist in Deutschland geboren, ihre Eltern stammen aus Polen. Auch sie mag aber weder auf polnische Wurst noch auf polnischen Kuchen verzichten, und die Schlagsahne, schwärmt die junge Frau – ganz anders als die deutsche. Oder Karpatka – traditioneller polnischer Sahnekuchen –, „der schmeckt wie der, den meine Großmutter macht“. Ein bisschen auf Polnisch plaudern, Landsleute treffen, ein paar Süßigkeiten und Krakauer mitnehmen – für Bogdan Karbowski, der seit 27 Jahren in Bremen lebt, ist der polnische Supermarkt „ein bisschen Heimat“. Nur Thaddäus Kerner räumt ein, den Laden wegen der „schönen polnischen Frauen“ zu besuchen. Er zwinkert einer Mitarbeiterin zu.

Zehn Mitarbeiter hat Binkowski, vor allem Frauen, darunter seine rechte Hand, Filialleiterin Anna Zielinska. Alle sprechen deutsch und polnisch; zwar wird im Geschäft vor allem polnisch gesprochen, aber es gibt auch eine ganze Reihe deutscher Kunden und viele Russen – die russische und die polnische Küche ähneln sich sehr, sagt Anna Zielinska. Nur der Chef kann noch kein Deutsch, das ist ihm ein bisschen unangenehm. Aber er besucht vormittags einen Intensivkursus. Der Laden hat erst vor wenigen Monaten aufgemacht – Binkowski hatte noch keine Zeit für die neue Sprache. Anna Zielinska übersetzt.

Polnische Franchise-Kette

In Warschau hat der 26-Jährige Marketing-Management studiert. Er wollte Auslandserfahrungen sammeln, Deutschland bot sich an, als er auf „Lukullus“ aufmerksam wurde. Eine Lebensmittelmarktkette mit Hauptsitz in Polen auf Expansionskurs. Es gibt mittlerweile mehr als ein Dutzend Filialen in zwölf deutschen Städten – neben Bremen in Hannover, Gelsenkirchen, Düsseldorf, Leverkusen, Oberhausen – und in den Niederlanden. Die Geschäfte sehen immer gleich aus: viel Holz innen und außen, und üppige Deko – alles, was Heimatgefühle weckt.

Er sei mit seinen Gedanken ganz und gar in Bremen, sagt Kamil Binkowski. Nur ab und an plage ihn die Sehnsucht nach seiner Heimat. Doch Polen sei ja nicht aus der Welt. Und: „Das hier“, sagt er und weist aus dem kleinen Büro nach nebenan, „ist ja mein kleines Polen.“ Das lindere die schlimmsten Qualen. Doch ein kleines Polen reicht Binkowski nicht: Ende des Jahres eröffnet er ein zweites Geschäft mit polnischen Spezialitäten und viel Holz drum herum – in der Graubündener Straße in Osterholz.

Hier finden Sie den Text in polnischer Sprache.

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