Rundgang mit dem Bausenator auf dem BWK-Gelände

Ein bisschen Überseestadt

Blumenthal. In dieser Pförtnerloge sitzt kein Pförtner. Der Platz hinter der Scheibe ist schon seit Langem leer.
02.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein bisschen Überseestadt
Von Christian Weth
Ein bisschen Überseestadt

Stippvisite auf dem früheren BWK-Gelände: Bauamtschef Maximilian Donaubauer (links) und Senator Joachim Lohse schauen sich an, wie sich das Areal entwickelt hat.

Christian Kosak

In dieser Pförtnerloge sitzt kein Pförtner. Der Platz hinter der Scheibe ist schon seit Langem leer. Stattdessen kleben Firmenschilder mit Telefonnummern hinterm Glas: für Lastwagenfahrer, die nicht genau wissen, wo sie mit ihrer Lieferung hin sollen. Das Pförtnerhaus steht am Eingang zu einem Gelände, das so groß ist wie 44 Fußballplätze. Und das mehr werden soll als wieder eine Geschäftsadresse für Betriebe – ein Teil Blumenthals, der Vielfalt bietet, damit nicht bloß Geschäftskunden kommen.

Joachim Lohse und Maximilian Donaubauer sagen, dass sie sich das sehr gut vorstellen können. Der grüne Bausenator und der Chef des Nordbremer Bauamtes stehen zwischen roten Backsteinbauten, die einmal zu einem einzigen Konzern gehörten: Hier die Registratur der Bremer Woll-Kämmerei, dort der kaufmännische Verwaltungssitz, hier die Spinnerei, dort die Lagerhallen. Donaubauer zeigt auf Gebäude, die noch stehen, und auf Plätze, auf denen mal Gebäude standen. Manche wurden für den Neuanfang nach dem Konzernende abgerissen. Sieben Jahre ist das her.

Lohse meint, dass sich seit seinem letzten Besuch viel verändert hat. Anderthalb Jahre liegt der jetzt zurück – „so ungefähr“. Damals hat der Bausenator die BWK Chemiefaser GmbH besucht, die den Namen Bremer Woll-Kämmerei zumindest noch als Kürzel beibehalten hat. Und damals, sagt Lohse, war auf dem Gelände kaum ein Durchkommen: „Überall standen Bauzäune.“ Der Behördenchef breitet die Arme aus.

Jetzt ist alles offen. Kein Tor am Eingang, kein Pförtner, keine Zäune und keine schweren Baumaschinen, die Mauern ein- oder den Boden aufreißen. Das, sagt Lohse, ist schon mal gelungen: „Das Gelände hat sich Besuchern geöffnet.“ Er und Donaubauer gehen die sogenannte historische Achse ab, die fast von der Landrat-Christians-Straße bis hinunter zur Weser reicht und das frühere Konzernterrain mit dem Stadtteil verbinden soll. Eine Art Boulevard. Nur dass bei diesem Boulevard die Geschäfte, Restaurants, Cafés, Kneipen und kulturellen Angebote fehlen. Und damit auch die Menschen, die sonst einen Boulevard bevölkern.

Kalkulation in Jahren

Der Senator und der Bauamtschef sind an diesem frühen Nachmittag die einzigen, die auf dem schwarzen Straßenpflaster laufen. Auch den hat es bei Lohses letzter Stippvisite auf dem früheren BWK-Grundstück noch nicht gegeben. Wann es dort das erste Restaurant, wann vielleicht sogar einen Supermarkt oder eine Kulturstätte geben wird, darüber können die beiden Männer nur spekulieren. Sie rechnen in Jahren. Der Chef des Bauressorts sagt, dass er davon ausgeht, dass es mindestens wohl noch fünf Jahre dauern wird, bis es so weit sein könnte.

Bislang sind es vor allem Firmen, die sich auf dem Gelände niedergelassen haben. Mittlerweile ein Dutzend: vom Werftzulieferer bis zum Metallbaubetrieb, von der Spedition bis zur Tischlerei. Rund 200 Menschen arbeiten auf dem früheren Woll-Kämmerei-Gelände. Der Bausenator schließt nicht aus, dass schon bald weitere hinzukommen könnten. „Es gibt eine Menge Anfragen von Unternehmen.“ Und es gibt inzwischen auch Nutzer von Gebäuden und Flächen, die keine Firmen sind. Bauamtschef Donaubauer bleibt vor einem Tor zu einem Backsteinbau stehen, das mal als Lager diente und in dem jetzt Oldtimer untergestellt sind. „Die Hallen“, sagt er, „lassen sich vielseitig nutzen.“

Auch kurzfristig und vorübergehend: Der Mann spricht von Kontakten zur Zwischenzeitzentrale, die immer wieder leer stehende Räume für einen begrenzten Zeitraum sucht. Mal für die Dauer eines Projektes der Kreativwirtschaft, mal für die Inszenierung eines Theaterstücks der Kulturszene. Ob es schon Interessenten gibt, kann er nicht sagen. Nur dass es schwerer ist als in der Innenstadt welche zu finden: „In die City wollen alle, nach Blumenthal will nicht jeder.“ Dabei, meint er, haben die Gebäude im Nordbremer Stadtteil ein genauso großes Potenzial wie die Gebäude im Stadtzentrum.

Oder wie die Schuppen in der Überseestadt: Es ist nicht nur der Bauamtschef, der diesen Vergleich zieht. Für den Bausenator ist das frühere BWK-Areal ebenfalls ein bisschen so, wie die Überseestadt mal angefangen hat. Auch dort, sagt er, gab es zunächst viel freie Fläche. Auch dort hat es gedauert, bis das erste Restaurant, der erste Kulturbetrieb, der erste Supermarkt eröffnet wurden. Und auch dort kommt man der Weser nahe wie in Blumenthal. Lohse steht an der Spundwand und blickt aufs Wasser. Sie soll irgendwann versetzt werden, damit sich der Hochwasserschutz erhöht.

Nur eines wird es auf dem ehemaligen Konzern-Gelände nicht geben, was es in der Überseestadt gibt: Wohnungen. Das ehemalige Kämmerei-Gelände ist teils Gewerbe-, teils Industriegebiet. Donaubauer sagt, dass deshalb Wohnen nicht vorgesehen ist. Allein die Leitungen des Heizkraftwerks, die streckenweise oberirdisch über das Gelände verlaufen, verursachen Geräusche in einer Lautstärke, die in einem Wohngebiet nicht zulässig sind. Der Bauamtschef bleibt unter einer Leitung stehen. Ein Summenton ist zu hören: „Nichts zu machen.“ Auch wenn sich manche Gebäude, wie er meint, sicherlich zu Lofts umbauen ließen: „Die historischen Gebäude haben schließlich ihren Charme.“

Dass der weitere Firmen und andere Nutzer anziehen wird, ist für ihn und Lohse im Grunde nur eine Frage der Zeit. Genauso die Entwicklung des Geländes, die sich auf Blumenthal auswirken soll. Donaubauer: „So ist der Plan.“

Interview Seite 3

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