Covid-19-Verbreitung

„Das Virus nutzt jede Gelegenheit, um sich zu verbreiten“

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer erläutert im Interview, was man aus den Masseninfektionen in Frankfurt und Leer lernen kann und was es mit Superspreadern auf sich hat.
27.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Das Virus nutzt jede Gelegenheit, um sich zu verbreiten“
Von Silke Hellwig
„Das Virus nutzt jede Gelegenheit, um sich zu verbreiten“

Selbst in Regionen, in denen tagelang keine Neuinfektionen auftraten, kann sich die Lage wieder blitzschnell ändern, so der Virologe Andreas Dotzauer.

María José López / dpa

Herr Dotzauer, was kann man aus den Infektionsherden in einem Restaurant in Leer und einem Gottesdienst in Frankfurt lernen?

Andreas Dotzauer: Man lernt daraus, dass sich selbst in Regionen, in denen seit Tagen keine Neuinfektionen mehr nachgewiesen worden sind, die Lage blitzschnell ändern kann, durch eine einzige Veranstaltung. Das zeigt: Das Virus ist noch da und nutzt gewissermaßen jede Gelegenheit, um sich zu verbreiten.

Die Veranstaltungen gelten als Superspreader-Events. Was ist damit gemeint?

Es handelt sich um Ausgangspunkte für eine Masseninfektion. In Leer wurden bislang 18 Infektionen gemeldet, im Frankfurter Raum rund 112. Auslöser für die Verbreitung war in einen beiden Fällen eine einzige Veranstaltung.

Es gibt Parallelen zu anderen Hotspots: Après-Ski-Partys in Ischgl, der Karneval in Nordrhein-Westfalen, Clubs in Berlin.

So ist es. Durchweg handelt es sich um Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, bei denen man ziemlich eng in Kontakt kommt. Wenn gesungen und getanzt wird, hat das Folgen für die Atmung und die Verteilung von Tröpfchen im Raum und in der Luft.

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Es soll quasi auch menschliche Superspreader geben, also Menschen, die andere eher infizieren als andere.

Das scheint tatsächlich so zu sein, obwohl da noch sehr viele Fragen offen sind. Ein Faktor ist die Zahl der Viren, die Infizierte abgeben. Pro Atemstoß werden zwischen zehn und Zehntausend Viruspartikel ausgestoßen. Die Menge variiert, von Mensch zu Mensch, aber auch von Tag zu Tag. Sie ändert sich zum einen im Infektionsverlauf. Am höchsten ist sie vom Tag, bevor die ersten Symptome auftreten, bis zu fünf Tage danach. Offenbar ist zum anderen von Bedeutung, wo sich die Infektion etabliert, ob es im Rachen, in der Lunge oder in der Nase ist. Auch das Alter spielt eine Rolle, das erklärt die rasche Verbreitung in Senioreneinrichtungen.

Inwiefern spielt das Alter eine Rolle?

Es sieht alles danach aus, als ob die Zellen von älteren Menschen mehr Rezeptoren aufweisen, an die sich das Virus andocken kann, als die von jüngeren. Das hängt mit der Blutdruckregulation zusammen. Um zu hohen Blutdruck auszugleichen, werden mehr Rezeptoren gebildet. Kinder können sich zwar auch anstecken, scheinen aber selbst wenige Viren zu produzieren. Bei ihnen findet der Infekt auch weniger im Atem- als im Darmtrakt statt. Warum das so ist, ist noch nicht geklärt.

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Seniorenchöre sollten sich also keinesfalls zum Singen treffen.

Sie sagen es.

In Zusammenhang mit den Hotspots oder auch Clustern wird weniger vom sogenannten R-Wert geredet, der ausdrückt, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, als vom k-Faktor. Was ist das?

Der R-Wert ist ein theoretischer, statistischer personenbezogener Durchschnittswert, der die Lage in einer bestimmten Region beschreibt. Er zeigt, wie schnell sich das Virus ausbreitet. Der k-Faktor beschreibt die Streuungs- und Ausbreitungsgeschwindigkeit. Er zeigt, nach welchem Muster sich das Virus in einem Netzwerk verteilt, beispielsweise dass ein Infizierter sehr viele Menschen ansteckt, ein anderer nur ganz wenige.

In Zusammenhang mit den Veranstaltungen in Leer und Frankfurt scheint sich abzuzeichnen, dass Aerosole bei der Verbreitung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung beikommt. Können Sie das näher erläutern?

Bei Aerosolen handelt es sich um winzige Atemlufttropfen, die sich wegen ihrer geringen Größe lange in der Luft halten können. Das heißt, ein Infizierter kann einen Raum schon verlassen haben, und trotzdem können sich noch andere durch die Aerosole anstecken, die er in dem Raum hinterlassen hat. Deshalb ist zum einen regelmäßiges Lüften sehr wichtig, zum anderen sollte man sich so wenig und kurz wie möglich mit anderen in einem geschlossenen Raum aufhalten, je kleiner, desto kürzer und schon gar nicht ohne Mund-Nasen-Schutz.

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. . . und beispielsweise auch nicht in einen vollen Bus einsteigen. Eine Busfahrt kann auch ein Superspreader-Event werden.

Das ist richtig. Es wäre wichtig, dass künftig gezielt und regelmäßig überall da getestet wird, wo ein Ansteckungscluster zu vermuten und nicht zu vermeiden ist, wie in Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen, Flüchtlingsunterkünften und Justizvollzugsanstalten zum Beispiel, um Masseninfektionen wie in Frankfurt zu verhindern.

Info

Zur Person

Andreas Dotzauer (59) leitet das Laboratorium für Virusforschung an der Universität Bremen. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Aufklärung von Mechanismen bei der ­Entstehung von Viruserkrankungen.

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