Blumenthal

Ein Bus voller Bücher

Blumenthal. 25 Haltestellen steuert die Bus-Bibliothek in Bremen an. Matthias Weyh, seit elf Jahren Bibliothekar mit Lkw-Führerschein, kennt die meisten der Wartenden. D
01.10.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein Bus voller Bücher
Von Patricia Brandt

Blumenthal. 25 Haltestellen steuert die Bus-Bibliothek in Bremen an. Matthias Weyh, seit elf Jahren Bibliothekar mit Lkw-Führerschein, kennt die meisten der Wartenden. Die Besucher, die sich vom Findorff-Markt immer eine Tasse Kaffee mitbringen und mit der Lektüre vor den Bus setzen genauso wie den Herrn aus Rönnebeck, der seit Jahren alle vier Wochen kommt, um sich einen einzigen Roman auszuleihen.

Eine Frau wartet schon an der Haltestelle in Rönnebeck, die Tasche unterm Arm ist voller Bücher. Sie lächelt freundlich. Glücklicherweise ist der Haltepunkt an der Turnerstraße/Ecke Masurenstraße nicht die "Mord- und Totschlag-Haltestelle". Die Krimi-Leser wohnen laut Büchereiteam in Habenhausen. Hier ist auch nicht die "Zeitschriften-Haltestelle". Die liegt in Kattenturm. Im Stadtteil Blumenthal leihen die Menschen – augenscheinlich anders als in anderen Ecken der Hansestadt – ganz unterschiedliche Medien in der Bus-Bücherei aus.

"Guten Tag, Frau Keutmann", grüßt Bibliothekar und Busfahrer Matthias Weyh jetzt die Stammkundin, die mit Vornamen Sonja heißt und schon sehnsüchtig darauf gewartet hat, dass sich die Bustüren an diesem Nachmittag öffnen. "Das ist hier die einzige Möglichkeit, in der Nähe Bücher auszuleihen. Die möchte ich nicht missen", sagt sie. Nur die Zeit sei knapp bemessen, kritisiert die 58-Jährige. Eine halbe Stunde hält der Bus alle zwei Wochen montags mittags in Rönnebeck, bevor er nach Schwachhausen fährt.

30 Minuten Zeit, um sich mit neuer Belletristik einzudecken. Während sich die Blumenthalerin zwischen Eltern-Ratgebern und Gartenzeitschriften in dicke Schmöker vertieft, prasselt der Regen gegen die Scheiben des Busses. In Rinnsalen fließen die Tropfen das Glas hinab.

Ein kleines Mädchen steigt ein. Sie trägt einen Haufen Bücher bei sich, beugt sich aber trotzdem über eines der Regale in Kniehöhe. Die Mutter drängt sie weiter in Richtung Rückgabe im vorderen Fahrzeugteil: "Erst gibst Du die Bücher zurück, bevor Du Dir etwas Neues aussuchst."

Von der Ausleihe bis zur Rückgabe sind es nur wenige Meter, die eine Abteilung befindet sich hinter dem Fahrersitz, die andere im Heck. Dazwischen liegen dennoch Welten: In Regalen, Drehständern und Schubladen sind nach Angaben der Stadtbibliothek rund 4000 Medien übersichtlich angeordnet, im Umlauf sind sogar 15000 Bus-Medien. Mit dem neuen Fahrzeug, das vor kurzem das betagte Gefährt aus den 1990er Jahren abgelöst hat, hat sich Weyh zufolge nicht nur die Aufenthaltsqualität im Bus erheblich verbessert. Es habe sich auch ein Ausleihplus von rund 20 Prozent eingestellt. 110 Ausleihen pro Öffnungsstunde registriert das vierköpfige Bücherei-Team im Schnitt im Stadtteil.

Neues Fahrzeug, mehr Ausleihen

"Fahr-Bibliotheken sind sehr effizient", meint Weyh. "Die Leute, die hierher kommen, wollen sich auch etwas ausleihen." Mehr ist ohnehin kaum möglich: Es gibt wohl zwei schmale, dunkelblaue Sitzpolster. Aber weder Tageszeitung noch Kaffeeautomat. "Wer eine feste Bibliothek gewohnt ist, ist zumeist erstmal enttäuscht", hat Weyh festgestellt.

Der Bücherei-Bus hat Geschichte in Blumenthal. 1997 wurde bekannt, dass trotz zahlreicher Proteste die Stadtteilbibliothek würde schließen müssen. Deren damalige Leiterin Renate Walter sagte: "Eine über 70 Jahre alte Kultureinrichtung geht zugrunde. Die Bibliothek hat die Inflation und den Krieg überstanden, aber nicht die Bremer Sparpolitik." Klassiker, Krimis und Kurzgeschichten wanderten erstmal zusammen mit dem Personal in andere Büchereien. Quasi als Ersatz kam später der Bücherei-Bus nach Blumenthal.

Über viele Jahre machte der Bus auf dem Blumenthaler Marktplatz Station. Immer montags, drei Stunden lang. "Doch das Umfeld ist zum Problem geworden", berichtet Weyh. "Es kamen immer weniger Leute. Viele Eltern wollten ihre Kinder auch nicht mehr an diesen Platz schicken."

So oder so. Die Bibliothek änderte ihr Konzept. Ging weiter in die Peripherie und steuert seit etwa fünf Jahren auch die Grundschulen in Rönnebeck und Farge an. Das Angebot wird angenommen: "An den Schulen kommen etwa Dreiviertel aller Kinder", rechnet der Bibliothekar hoch. Viele davon sammelten fleißig Punkte für ein Programm zur Leseförderung.

Die Schließung der Stadtteilbibliothek in Brementhal ist längst Geschichte, Vergessen ist sie aber nicht. Es soll sich in Fachkreisen die Auffassung durchgesetzt haben, dass es teurer sei, eine Bücherei zu schließen, als sie zu erhalten. Die Direktorin der Stadtbibliothek, Barbara Lison, weiß von solchen Berechnungen nichts. Sie sagt aber klar: "Jede Bibliothekenschließung ist ein großer Verlust." Stammkundin Sonja Keutmann zum Beispiel würde sich die alte Zweigstelle in Blumenthal zurückwünschen. Wenn sie könnte. Dann müsste sie sich nicht jedes Mal abhetzen, bei der Bücherauswahl.

Hier hält der Bus montags im Zwei-Wochen-Rhythmus: in Farge an der Grundschule Witteborg von 13 bis 13.30 Uhr, aber nur am: 1., 15. und 29. Oktober, am 12. und 26. November sowie am 10. Dezember; in Rekum an der Grundschule an der Rekumer Straße von 13 bis 13.30 Uhr sowie in Rönnebeck an der Turnerstraße von 14 bis 14.30 Uhr, aber nur am 8. und 22. Oktober, 5. und 19. November sowie am 3. und 17. Dezember.

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