NS-Lager Bahrsplate Ein dunkles Kapitel der Blumenthaler Geschichte wird erforscht

Der Historiker Karsten Ellebrecht erforscht die Geschichte der Bahrsplate. Dort befand sich zur Zeit des Nationalsozialismus ein Lager für Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.
03.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kristina Bumb

Der Historiker Karsten Ellebrecht erforscht die Geschichte der Bahrsplate. Dort befand sich zur Zeit des Nationalsozialismus ein Lager für Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.

Wo heute Spaziergänger ihre Runden drehen, herrschte während der Zeit des Nationalsozialismus Schrecken und Not: Auf der Bahrsplate, der zentralen Blumenthaler Grünfläche, befand sich ein Lager für deportierte Ostarbeiter, Kriegsgefangene und später eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme. Der Historiker Karsten Ellebrecht widmet sich der Erforschung dieses dunklen Kapitels.

Ein Denkmal erinnert auf der Bahrsplate an die gequälten und gestorbenen KZ-Häftlinge, doch die Gesamtgeschichte des Lagergeländes sei noch nicht aufgearbeitet. „Ich habe festgestellt, dass noch viel Forschung zu leisten ist. Besonders die Kenntnisse über das Ostarbeiterlager und das Lager für sowjetische Kriegsgefangene weisen große Lücken auf“, sagt Karsten Ellebrecht. Der pensionierte Geschichts- und Französischlehrer aus Grohn beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Seine neuen Forschungsergebnisse sind im kürzlich erschienenen Bremischen Jahrbuch, Ausgabe 2016, veröffentlicht worden. Das Jahrbuch wird vom Staatsarchiv in Zusammenarbeit mit der Historischen Gesellschaft Bremen herausgegeben.

Karsten Ellebrecht zeigt eine Karte, auf der zahlreiche Rechtecke eingezeichnet sind. Es handelt sich um die Grundrisse von Baracken, in denen die Deportierten untergebracht waren. In Windeseile wurde das Lager in den letzten Kriegsjahren aus dem Boden gestampft. „Nach dem Scheitern des Blitzkrieges musste der NS-Staat 1942 die Rüstungsanstrengungen vermehren und brauchte dafür schnell neue Arbeitskräfte“, schildert Karsten Ellebrecht. „Das waren ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.“

Zwangsarbeiter im Bunker Valentin

In Bremen sollte ein neues U-Boot-Waffensystem gebaut werden, für das dezentral produzierte Teile in der Bunker-Werft „Valentin“ an der Weser in Farge zusammengesetzt werden sollten. Die Deutsche Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft (Deschimag), deren Hauptwerft die AG Weser war, sowie das Rüstungskommando des Wehrkreises X bewirkten daher, dass ein Lager für 2000 Personen angrenzend an das Blumenthaler Zentrum errichtet wurde. Die zum Krupp-Konzern gehörige AG Weser war damals der größte Rüstungsbetrieb der Hansestadt und beschäftigte bis zu 20.000 Arbeiter, die zunehmend nicht aus Deutschland stammten.

Bedenken gegen die Barackenbebauung gab es nur in – aus heutiger Sicht – zynischer Weise: das Gesundheitsamt monierte Seuchengefahr, weitere Einwände waren rassistisch begründet. „Die Ideologie der Nationalsozialisten basierte auf der Einteilung und Bewertung von Menschengruppen“, erläutert der Historiker. „Die arischen Herrenmenschen waren am meisten wert. Menschen sowjetischer Herkunft standen weit unten in der Rangliste und durften entsprechend behandelt werden.“ Ein Gauleiter hätte daher Bedenken geäußert, dass der Bevölkerung in Blumenthal nun eine so große Zahl von „Untermenschen“ zugemutet werde. Die Zwangsarbeiter mussten Abzeichen an der Kleidung tragen, damit die Bevölkerung sie entsprechend einordnete.

Bis zu 800 Deportierte in den Baracken des Ostarbeiterlagers

Das „Lager Deschimag“ auf der Bahrsplate war in drei Bereiche aufgeteilt. Die Unterkünfte der russischen, weißrussischen und ukrainischen Zwangsarbeiter befanden sich im Osten. Organisatorisch gehörte in diesen Bereich auch ein Desinfektionslager mit Quarantäneeinrichtungen des Bezirksgesundheitsamtes. Im Westen gab es einen Bereich für sowjetische Kriegsgefangene.

Bis zu 800 Deportierte wurden laut Ellebrecht in den Baracken des Ostarbeiterlagers zusammengepfercht. Sie verrichteten in Werkstätten der AG Weser, die auf dem benachbarten Gelände der Bremer Wollkämmerei eingerichtet worden waren, schwere körperliche Arbeit. Viele waren allein durch die wochenlange, entbehrungsreiche Anreise in prekärer gesundheitlicher Verfassung und starben schon kurz nach ihrer Ankunft.

Für die beiden Folgejahre sind etliche Todesfälle durch Erkrankungen verzeichnet, war doch der Aufenthalt im Lager von Hunger, Misshandlung, mangelnder medizinischer und materieller Versorgung gekennzeichnet. „Viele Männer wurden in ihrer Heimat mitten aus dem Leben gerissen, lediglich mit dem, was sie gerade am Körper trugen, in Güterwaggons gesetzt und nach Deutschland geschickt“, sagt Karsten Ellebrecht. Nur wenige der Verschleppten besaßen warme Kleidung und Schuhwerk, das der Arbeit in der Rüstungsindustrie angemessen war.

Morde an sowjetischen Kriegsgefangenen

Im Westen der Bahrsplate waren sowjetische Kriegsgefangene untergebracht. Wegen der abnehmenden Arbeitsleistung der ausgezehrten sowjetischen Kriegsgefangenen, die unter widrigsten Bedingungen die U-Boot-Werft Valentin errichten mussten, veranlasste die Oberbauleitung ein medizinisches Gutachten, das unter anderem Hungerödeme konstatierte. 60 Todesfälle hat die Forschung bisher dokumentiert. Auf drei Personalkarten heißt es „Am 31.5.44 in Bremen-Blumenthal erschossen“.

Die Anzahl der Ostarbeiter in der Barackenstadt auf der Bahrsplate nahm in den Jahren 1943 und 1944 ab. In nicht belegte Unterkünfte seien nun französische Kriegsgefangene, deutsche und nicht deutsche Patienten unter Infektionsverdacht und deutsche Flüchtlinge aus dem Osten verlegt worden. Im August 1944 wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen vermutlich im Lagerbereich der U-Boot-Werft untergebracht. Ihre Unterkünfte in Blumenthal wurden nunmehr als Außenlager des KZ Neuengamme genutzt, in dem bis zu 1000 Menschen zusammengepfercht wurden.

Forschung als Zeichen gegen das Vergessen

Über ein Jahr habe er für den Aufsatz im Bremischen Jahrbuch recherchiert, sagt Karsten Ellebrecht. Erster Anstoß zu seiner Beschäftigung mit den Gräueln des Nationalsozialismus in Bremen-Nord war eine Begegnung mit ehemaligen KZ-Häftlingen, die ihn nicht mehr losließ. Bis heute steht er mit einem ehemaligen Insassen in Kontakt. Seine Forschung sieht er als Zeichen gegen das Vergessen.

„Die Erinnerung an das Lager der Deschimag ist in den Nachkriegsjahren verblasst“, schreibt er in seinem 43-seitigen Beitrag im Bremer Jahrbuch. Die Errichtung der Gedenkstätte „Rosen für die Opfer“ und ihre Erweiterung durch den „Stein der Hoffnung“ mit Namensschildern Gestorbener würdige das Schicksal der KZ-Häftlinge. „Ausführliche Hinweise auf das Schicksal der beiden anderen Opfergruppen, der Ostarbeiter und der sowjetischen Kriegsgefangenen, gibt es bislang nicht.“

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