Modehaus Ristedt

Ein eleganter Teil der Stadtgeschichte

Das Modehaus Ristedt in der Ansgaritorstraße feiert sein 150-jähriges Bestehen. Seit Generationen kaufen die Bremerinnen unter anderem ihre Cocktail- und Abendmode in dem Damen-Modegeschäft.
09.10.2017, 21:04
Lesedauer: 5 Min
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Von Sigrid Schuer

„Mode ist Emotion und Verführung. Und sie ist immer auch Inszenierung und Ausdruck eines Lebensgefühls“, sagt Jens Ristedt, in fünfter Generation Geschäftsführer und Eigentümer des traditionsreichen Damen-Modegeschäftes. Das ist in dem Modehaus nicht anders als bei den Fashion Weeks in Berlin und Mailand.

Der Name Ristedt hat in Bremen seit nunmehr 150 Jahren einen guten Klang. Seit Generationen kaufen die Bremerinnen ihre Cocktail- und Abendmode, aber auch Pret-à-porter-Kleidung für jeden Tag bei Ristedt. Der 49-Jährige, der das Haus in der Ansgaritorstraße seit 2002 führt, lebt seine Mode-Leidenschaft mit Herz und Seele.

Qualität und gute Beratung durch Fachpersonal

Damit ist er bestens gerüstet gegen die großen Herausforderungen und tief greifenden Veränderungen, mit denen sich die schnelllebige Modebranche seit Jahren konfrontiert sieht, ein Stichwort: zunehmender Online-Handel. Jens Ristedt, der sein Metier in den USA bei der Mode-Ikone Klaus Steilmann gelernt hat, aber auch in der Schweiz und in London war, weiß, wie wichtig es ist, sich immer wieder neu zu erfinden und auf Trends schnell und flexibel zu reagieren.

„Da sind wir mit unserer Größe gut aufgestellt. Wir haben unser Sortiment auf den Standort zugeschnitten“, sagt er. Es mache ihm immer noch sehr viel Spaß, „und langweilig wird es hier sowieso nicht“. Den Herausforderungen stellt er sich mit einem 20-köpfigen Team. Qualität und eine gute Beratung durch Fachpersonal – damit bietet Ristedt der Anonymität und dem Online-Handel Paroli.

Das große Jubiläum, das am Montag, 16. Oktober, um 18 Uhr mit einem Empfang gefeiert wird, wirft bereits seine Schatten voraus: Die Fensterfront wird für Marc Cain gerade in poppigem Pink ausgemalt. Wer einen Blick auf die neueste Kollektion des Edel-Modelabels wirbt, kann erahnen, dass der Modeherbst bunt und, im Raubkatzen-Look, wild wird.

Eine Reise durch die Modewelt

Das seitliche Schaufenster ist bereits fertig dekoriert, ein Papp-Konterfei von Johann Heinrich Ristedt, der 1867 das Modegeschäft gründete, schwebt darin in einer Mini-Montgolfière vorbei. Zur Feier des Jubiläums wird außerdem in einer Modenschau der Wandel der Mode in 150 Jahren gezeigt.

Auch in den Wochen des Jubiläumsverkaufs können die Kundinnen anhand sogenannter „Pop ups“ eine Reise durch die Modewelt unternehmen – von der Belle Epoque des „Sommers in Lesmona“ über die Roaring Twenties und die poppigen Swinging Sixties bis heute.

Und am Mittwoch, 8. November, 18 Uhr, begibt sich der Historiker Hartmut Roder auf einen Streifzug durch 150 Jahre Mode. Jens Ristedt freut sich, dass sowohl Bürgermeister Carsten Sieling als auch Handelskammer-Präses Harald Emigholz beim Jubiläumsempfang dabei sein wollen. Denn ein solches Firmenjubiläum hat inzwischen Seltenheitswert.

Markante Edelholz-Fassade

Bauermann, Röben, Dieckhoff, H.W. Meyer und auch Wachendorf, diese Namen des Bremer Einzel-Fachhandels gehören inzwischen der Vergangenheit an. Ristedt wurde schon vor Jahren von einem Fachmagazin als Biotop Bremensis bezeichnet, es ist das älteste und letzte Inhaber-geführte Modegeschäft in der Hansestadt und gehört zu den wenigen, die es bundesweit überhaupt noch gibt.

Die Familien Ristedt und Schöler, Inhaber des Schuh-Fachgeschäftes Wachendorf, sind befreundet, seitdem sie mit ihren Geschäften am Ostertorsteinweg nach dem Zweiten Weltkrieg Nachbarn wurden. „Schon Mitte der 1950er-Jahre, noch bevor die Diskussion um die Mozart-Trasse begann, wurde dort allerdings ein Bebauungsstopp verhängt, sodass mein Großvater sein Geschäft nicht erweitern konnte“, erinnert sich Jens Ristedt.

Zum Domizil wurde dann das neu erbaute Modehaus mit der markanten Edelholz-Fassade. 1963 wurde es unter großem Zuspruch der Bremer Bevölkerung eröffnet. Die Ära von Klaus H. Ristedt, dem Vater des jetzigen Inhabers, begann in der Blütezeit des innerstädtischen Handels. Für eine Belebung auf dem Ansgarikirchhof sorgte damals das Kaufhaus Hertie, das 1986 geschlossen wurde.

Pferde und Geschäftsfuhrwerk waren der ganze Stolz

Jens Ristedts Ururgroßvater Johann Heinrich Ristedt, der ursprünglich aus Barrien bei Syke stammt, hatte das Tuch- und Manufacturengeschäft 1867 gegründet. Dazu musste er allerdings erst einmal das Bremer Bürgerrecht erwerben. „Damals gab es ja noch keine Textil-Industrie, die Bekleidungsstücke wurden einzeln hergestellt“, erzählt sein Nachfahre.

Johann Heinrich Ristedt erwarb ein stattliches Haus mit schöner Giebelfassade in der Wachtstraße. Das musste jedoch weichen, als die Bremer Baumwollbörse gebaut wurde. Bis diese 1898 eröffnet wurde, durfte Ristedt bei dem befreundeten, benachbarten Unternehmen Hinrichs & Bollweg residieren. Anschließend logierte das Geschäft im Parterre der Baumwollbörse und präsentierte das größte Spezialangebot, das es damals in Bremen gab, in sechs Schaufenstern.

Erfreut über die neuesten Entwicklungen in der Bremer City

„Der ganze Stolz meines Ururgroßvaters waren die Pferde und das Geschäftsfuhrwerk, mit dem die Waren ausgeliefert wurden. Die Pferde waren damals in eigenen Stallungen in der Steinstraße untergebracht“, weiß Jens Ristedt und blättert in der Familienchronik. 1902 beschäftigte das Unternehmen 20 Verkaufskräfte, zwei Kassierinnen und zusätzlich bis zu 80 weitere Mitarbeiterinnen wie Schneidermeisterinnen, Direktricen, Modistinnen und Absteckerinnen.

Eine erste Zäsur in der Erfolgsgeschichte des Modehauses war der Erste Weltkrieg. Mangelwirtschaft mit Papierkleidung und Bezugsscheine waren naturgemäß nicht gut fürs Geschäft. Als das Nutzungsrecht in der Baumwollbörse auslief, waren in der Zeit zwischen den Weltkriegen die Kaiserstraße (heute Bürgermeister-Smidt-Straße) und die Sögestraße weitere Standorte, dort wurde das Modehaus 1944 ausgebombt.

An der Chronik des Unternehmens lässt sich ablesen, dass es immer ein elegantes Stück Bremer Stadtgeschichte repräsentiert hat. Umso erfreuter ist Jens Ristedt über die neuesten Entwicklungen in der City, in die nun endlich Schwung zu kommen scheint.

"Wir brauchen mehr attraktive Rundläufe."

„Ich setze darauf, dass sich das konkretisiert. Wir begrüßen das sehr und werden als City-Initiative das konstruktive Gespräch mit Herrn Zech und den anderen Akteuren suchen, um uns einzubringen“, sagt der 1. Vorsitzende der City-Initiative Bremen Werbung.

Die Innenstadt habe mit ihrer Lage am Fluss und ihrem Weltkulturerbe „ein fantastisches Potenzial und eine ganz besondere Atmosphäre“, schwärmt Ristedt, fordert aber auch angesichts der großen Einkaufscenter am Rande der Stadt: „Nun muss es darum gehen, das Stadt-Zentrum zu profilieren, das geht nur mit anspruchsvollen, qualitativen baulichen Veränderungen und wertigen, nachhaltigen Konzepten“. Der Einzelhandel trage zur Aufenthaltsqualität und längerer Verweildauer bei. „Wir brauchen mehr attraktive Rundläufe“, resümiert er.

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