Bremer Kinderkrankenschwester

Ein Engel kommt auf Hausbesuch

Dass schwerstkranke Kinder frühzeitig die Klinik verlassen und in ihr Zuhause zurückkehren, ist das Ziel der Bremer Engel. Inga Buchholz ist eine der Krankenschwestern, die dies ermöglichen.
18.06.2018, 15:47
Lesedauer: 5 Min
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Von Solveig Rixmann
Ein Engel kommt auf Hausbesuch

Inga Buchholz verbringt viel Zeit im Auto. In ihrer grauen Tasche hat sie alles dabei, was sie für die Versorgung ihrer schwerstkranken Patienten braucht.

Christina Kuhaupt

Inga Buchholz ist ein Engel für zu Hause – ohne Flügel zwar, aber mit ganz viel Empathie und Fachwissen. Die Kinderkrankenschwester macht Hausbesuche bei schwerstkranken Kindern. So ermöglicht sie es den kleinen Patienten, frühzeitig die Klinik zu verlassen und in ihr vertrautes Zuhause zurückzukehren. Zugleich erspart man ihnen beschwerliche Wege zur Untersuchung. Inga Buchholz ist eine Krankenschwester der Initiative Bremer Engel.

Die Frühbesprechung der Bremer Engel in der Prof.-Hess-Kinderklinik ist beendet. Inga Buchholz schultert ihre graue Tasche und macht sich auf den Weg. Sie ist groß, blond und trägt die Haare zu einem lockeren Zopf geflochten. Mit ihrer Jeans, dem blau-weiß-gestreiften T-Shirt und ihrer dunkelroten Bremer-Engel-Fleecejacke sieht sie nicht aus wie eine Krankenschwester.

Die Bremer Engel – das ist eine mobile Familienhilfe für schwerstkranke Kinder und ihre Angehörigen, die 2005 von der Erika-Müller-Stiftung gegründet wurde. Die Bremer Engel schaffen die Voraussetzungen dafür, dass die Kinder wesentlich schneller aus der Klinik entlassen werden können und nach Hause kommen. Bei ihren Hausbesuchen stellen sie sicher, dass die kleinen Patienten medizinisch gut versorgt sind, helfen der ganzen Familie und leisten aber auch Aufklärungsarbeit in den Kindergärten und Schulen der Patienten.

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Auf dem Parkplatz deutet Inga Buchholz ihrer Kollegin an, diese solle zuerst fahren. Sie will noch ihr Navi programmieren. „Ich fahre immer nach Navi – egal wohin“, sagt die 37-Jährige lachend und steigt ins Auto.

Inga Buchholz ist früh dran. Es ist kurz nach neun Uhr. Die erste Patientin schlafe gerne länger, erzählt sie. „Ich habe ihr gesagt, dass ich früh komme.“

Drei Riegel werden umgelegt, dann öffnet Sara Müller* die Tür. Ihre Mutter, Andrea Müller*, steht hinter ihr. „Ich ziehe schon gar keine Jacke mehr an“, sagt Inga Buchholz und schlüpft flink aus ihren schweren Stiefeln. Sara Müller ist 17 Jahre alt und hat Leukämie – nicht zum ersten Mal. Vor neun Jahren war die Jugendliche schon einmal an Krebs erkrankt. Krankenschwester und Patientin nehmen im Wohnzimmer auf der Ledercouch Platz.

Inga Buchholz will Blut abnehmen, damit später im Labor der Hämoglobinwert analysiert wird. Vom Wert des roten Blutfarbstoffs hängt nämlich ab, ob weitere Therapieschritte unternommen werden können. Buchholz legt sich ihr Arbeitsmaterial bereit und zieht blaue Handschuhe über. Sie pikst ihrer Patientin mit einem kleinen Instrument in den Finger. Doch das Blut läuft nicht richtig ins Röhrchen. Sara Müller lässt alles geduldig über sich ergehen. Beharrlich streicht Inga Buchholz den Finger aus, kämpft um jeden Tropfen. Sollte das Blut nicht für die Analyse ausreichen, müsste Sara Müller extra in die Klinik kommen.

Eine große Erleichterung für die Kinder

„Das ist schon eine große Erleichterung, dass Inga kommt“, sagt Andrea Müller. Für den Bremer Engel dauert dieser Einsatz nur etwa eine halbe Stunde, für Sara wäre der Aufwand größer: Sie müsste den mitunter langen Weg in die Klinik bewältigen und dort im Wartezimmer sitzen, bis sie dran ist – und das in ihrem geschwächten Zustand. Durch die Hausbesuche wird auch der Heilungsprozess positiv unterstützt.

Im Juli 2015 wurde Inga Buchholz ein Bremer Engel. „Ich habe erst überlegt, ob ich das machen soll: wegen der Fahrerei“, sagt sie. Schließlich stehe man auch viel im Stau. Dafür, dass den Kindern beschwerliche Wege erspart bleiben, nehmen die Bremer Engel weite Strecken auf sich: Sie sind in der gesamten Region Nordwest im Einsatz. 179 Kinder haben sie im vergangenen Jahr betreut und für die Hausbesuche 71 757 Kilometer zurückgelegt.

Dank der Bremer Engel müssen die Patienten für das Blutabnehmen nicht extra ins Krankenhaus fahren.

Dank der Bremer Engel müssen die Patienten für das Blutabnehmen nicht extra ins Krankenhaus fahren.

Foto: Martin Herrmann

Den Patienten und ihren Familien gibt diese Brückenpflege ein Stück Normalität zurück. „Ich finde diese Kombination sehr gut“, sagt Inga Buchholz. Sie ist eine Vermittlerin zwischen Krankenhaus und Zuhause. „Für die Eltern ist das ganz beruhigend, und die Patienten wissen, sie können ihren Alltag leben.“

Inga Buchholz lacht viel. Wie schafft man es, dass einen diese Arbeit nicht belastet? „Ganz oft geht es ja auch gut aus“, sagt sie. Die 37-Jährige überlegt. „Ich habe, glaube ich, ein sonniges Gemüt – und ich habe ein gutes Umfeld.“

Von ihrer vollen Stelle an der Prof.-Hess-Kinderklinik ist Inga Buchholz mit einer Viertelstelle als Bremer Engel unterwegs. Ihre Engel-Stelle wird durch die Unterstützung der Waldemar-Koch-Stiftung gesichert.

„Ich habe eigentlich schon in der Grundschule gewusst, dass ich Kinderkrankenschwester werde“, erzählt Inga Buchholz. Gebürtig kommt sie aus dem Kreis Rotenburg, mit 17 Jahren begann sie ihre Ausbildung in Celle, anschließend arbeitete sie in Walsrode. „In der Ausbildung wusste ich schon, dass ich die Onkologie gut finde, weil man dort die Kinder länger betreut.“ Aber sie musste Geduld haben: Sie wollte immer nach Bremen, aber dort war keine Stelle frei. Irgendwann hatte sie Glück. Eine Bekannte berichtete ihr von einer freien Stelle an der Prof.-Hess-Kinderklinik. Das war 2010.

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Die zweite Patientin an diesem Vormittag ist Sofya Baghdassarian*. Auch sie ist an Leukämie erkrankt. Die Eltern seien mit der Achtjährigen und ihrem Bruder aus Armenien nach Deutschland gekommen, denn eine geeignete Behandlung für das Kind sei dort nicht möglich gewesen, schildert Inga Buchholz.

Sofya Baghdassarian liegt auf ihrem Bett. Bei ihr muss durch einen Katheter, einen dauerhaften Gefäßzugang, Blut abgenommen werden. „Viele Kinder wollen das immer alles selbst machen“, erklärt Inga Buchholz und packt Pflaster und Kompressen aus. Sofya Baghdassarian hat schnell die entsprechenden Packungen aufgerissen. Inga Buchholz schaut genau hin. „Ich muss aufpassen, dass alles steril bleibt.“ Sofya Baghdassarian weiß, was zu tun ist; Inga Buchholz reicht ihr nur die Utensilien an. „Yeah, super!“, lobt sie am Ende. Zur Belohnung darf das Mädchen in das Vorderfach von Inga Buchholz‘ Tasche greifen und fischt sich ein Tütchen Gummibärchen heraus.

Intensiver Kontakt zu den Familien

Sofya Baghdassarians Mutter bittet Inga Buchholz, auf eine Tasse Kaffee zu bleiben. Sie erkundigt sich nach den Medikamenten, beantwortet weitere Fragen, und dann plaudern die Frauen etwas über den Deutschunterricht der Mutter und das Wetter. Auch so etwas gehört dazu: Den Kontakt zu den Familien halten, Neuigkeiten austauschen. „Das Gute am Engel-Sein ist, dass man den Kollegen auch noch Informationen geben kann.“ Die Patienten und Familien würden zu Hause häufiger ihre Sorgen äußern, als wenn sie in der Klinik liegen, erzählt Inga Buchholz. „Solche Informationen bekommt man nicht, wenn man die Kinder nur im Krankenhaus sieht.“

Als Bremer Engel ist sie viel näher dran: Sie geht bei den Patienten zu Hause ein und aus, sieht, wie die Familien leben. Das macht die Arbeit intensiver. „Man lässt das schon noch mehr an sich ran.“

Inga Buchholz fährt zurück ins Krankenhaus. Sie wird die Blutproben im Labor abgeben. Für den Bremer Engel ist dies nur ein Zwischenstopp: Am Nachmittag warten weitere Kinder auf sie.

*Name von der Redaktion geändert

Info

Zur Sache

Die Bremer Engel ist eine mobile Familienhilfe für schwerstkranke Kinder. Die Initiative wurde 2005 von der Erika-Müller-Stiftung gegründet. Die Stiftung erhält keine staatliche Förderung und finanziert sich in Zeiten mit niedrigen Zinsen fast ausschließlich durch Spenden. Für die Initiative Bremer Engel arbeiten acht Kinderkrankenschwestern, eine Kunsttherapeutin und eine Psychologin. Sie bieten den Patienten medizinische Betreuung und Kontrolle in der Klinik und zu Hause, psychologische Betreuung, Kindertherapie, Kunsttherapie für die Patienten- und Geschwisterkinder, Aufklärungsarbeit in Schulen und Kindergärten der betroffenen Kinder, Einzel- und Familientherapie, Geschwisterbetreuung und telefonische Bereitschaft. Die Erkrankungen der Kinder sind unterschiedlich: Leukämie, Lymphdrüsenkrebs oder verschiedene Arten von Tumoren sind genauso darunter wie Herzerkrankungen, Morbus Crohn, Mukoviszidose, Kurzdarmsyndrom, Früh- und Mehrlingsgeburten oder Diabetes. Die Bremer Engel kommen an vier Kliniken zum Einsatz: an der Prof.-Hess-Kinderklinik am Klinikum Bremen-Mitte, an den Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Links der Weser und am Klinikum Bremen-Nord sowie am Josef-Hospital Delmenhorst.

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