Ehemalige Obdachlose in Bremen-Lesum Ein Euro Taschengeld

Im Adelenstift der Inneren Mission finden ehemalige Obdachlose ein Zuhause. Die Heimleitung versucht, die Lethargie der Bewohner zu durchbrechen, aber dazu fehlt es vor allem an finanziellen Mitteln.
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Ein Euro Taschengeld
Von Patricia Brandt

Wecken, frühstücken, Taschengeld und Bier holen, im Zimmer sitzen. Die Tage im Adelenstift sind immer gleich. Die Heimleitung versucht zwar, die Lethargie der ehemals obdachlosen Bewohner in ihrem neuen Zuhause zu durchbrechen, aber dazu fehlt es vor allem an finanziellen Mitteln.

Wecken. „Guten Morgen, Herr K.“, ruft Heimleiterin Verena Kattlus kurz vor sieben Uhr und klopft laut an eine weiß gestrichene Tür. Als von drinnen nichts zu hören ist, schließt sie auf, wirft einen Blick ins dunkle Zimmer. Es riecht nach Alkohol. Im Bett rührt sich jemand. Er ruft etwas Unverständliches. Die Stimme klingt fast bellend. Kattlus lässt die Tür schnell ins Schloss fallen.

Die Heimleiterin weckt jeden Einzelnen der 60 Bewohner des Adelenstifts persönlich, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut geht. „Nicht, dass jemand krank oder gestürzt ist“, sagt die Frau mit dem fürsorglichen Blick. Seit der Eröffnung des Adelenstifts 1988 betreut sie dessen Bewohner. Die meisten sind vom Leben auf der Straße und vom Alkohol gezeichnet. Viele seien zu alt und zu gebrechlich, um ihr Leben noch allein zu meistern, sagt Verena Kattlus. „Unser Ziel ist es, diesen Menschen ein Zuhause zu bieten.“

Frühstücken. Stimmengewirr. Nach und nach tauchen die Bewohner im Frühstückssaal des Hauses aus dem vorigen Jahrhundert auf. Der Alkoholgeruch ist hier weniger aufdringlich, er wird von Kaffeeschwaden aus roten Thermoskannen überdeckt. Ein Mann stützt sich schwer auf seinen Rollator, so wackelig ist er auf den Beinen. Am Buffetwagen gibt ihm eine Mitarbeiterin mit Plastikhaube auf dem Kopf und Plastikhandschuhen an den Fingern Brot, Wurst und Butter aus. Das Frühstück türmt sich auf der Ablage des Rollators. Zielsicher steuert der Mann einen mit Tannengrün geschmückten Tisch an. Jeder hat hier seinen Stammplatz. Wehe, der ist besetzt. Dann kommt es zu Reibereien. Es sei eine Gemeinschaft von Einzelgängern, hatte die Heimleiterin beim Vorgespräch erzählt. Auch deshalb würden Projekte wie „Martin trifft Adele“ gebraucht. Ehrenamtliche wollten die Bewohner durch kleine Ausflüge und Kochgruppen aus ihrer Lethargie reißen. Sie zusammenbringen. Doch noch fehle Geld.

An einem Tisch ruft einer laut, dass er unsichtbar sei. Niemand könne ihn sehen. Die anderen kennen das schon. Ein paar am Tisch lachen. Bei Heike M. (54) reicht das Lachen nicht ganz bis zu den Augen. Die schmale Frau mit den dunklen, langen Haaren und dem blassen Gesicht hat alles verloren. Der Alkohol hat ihr bisheriges Leben zerstört. Ihre Geschichte geht so: Erst ging ihre Ehe kaputt, dann musste sie ihre Kinder in Pflegefamilien geben. Zuletzt riss auch der Kontakt zu den eigenen Geschwistern ab. „Irgendetwas muss aus dem Ruder gelaufen sein“, überlegt sie jetzt. Was das gewesen sein könnte, fällt ihr augenscheinlich nicht sofort ein. Inzwischen ist Heike M. trocken, sie hilft dem Küster. Zu Weihnachtsfeiern der Familie werde sie dennoch nicht eingeladen. „Aber Weihnachten“, sagt sie , „ist ja sowieso nur was für kleine Kinder.“

Auf dem Flur hängen Fotos einer früheren Weihnachtsfeier im Adelenstift. Einige Bewohner sind darauf mit Schlips und Kragen zu sehen. Die meisten sind gar nicht gekommen, sondern nach dem Abendbrot gleich in ihren Zimmern verschwunden. „An Weihnachten erinnern sie sich an das, was sie nicht mehr haben“, meint die Heimleiterin mit Blick auf die Bilder. „Wir hängen Weihnachten deshalb nicht so hoch.“

Taschengeld holen. Ein knappes Dutzend Männer steht schweigend vor einer Bürotür im Erdgeschoss. Wer an der Reihe ist, dem wird hinter der Tür Taschengeld ausgezahlt. Viele bekommen einen Euro, niemand mehr als fünf. So kann niemand das Geld, das ihm von Amts wegen zusteht, auf einen Schlag in Alkohol und Zigaretten investieren. Trinken in Maßen hingegen ist im Adelenstift erlaubt.

Manchmal kommt es bei der Taschengeldausgabe zu Auseinandersetzungen um die Geldeinteilung. „Aber richtig böse ist noch nie jemand geworden“, sagt Svenja Reins aus dem Ammerland, während sie ein paar Münzen über den Tisch reicht. Sie absolviert hier ein Freiwilliges Soziales Jahr. Dann kramt sie nach einem Kugelschreiber. Der Mittfünfziger vor ihr schenkt ihr ein breites Lächeln: „I love You, baby“, ruft er der Frau beim Hinausgehen über die Schulter zu. Er braucht den Schreiber für ein Kreuzworträtsel.

Bier holen. Bei Christian Apsel ist nix los. Der Bewohner gibt regelmäßig nach dem Frühstück Wasserflaschen an alle aus. Er hilft der Heimleitung der Abwechslung wegen. Schade sei, dass so wenige von dem Wasser-Angebot Gebrauch machten. Er müsste Alkohol anbieten, dann wäre mehr los, feixt sein Kumpel.

Draußen nieselt es. Vis-à-vis dem Parkplatz des Adelenstifts sind die Schaufenster eines Supermarkts hell erleuchtet. Der Regen hält die Bewohner auch an diesem dunklen Dezembermorgen nicht davon ab, sich dort Bier zu holen. Einer stakst mit steifen Beinen den Hang hinab, in der Hand einen zerknitterten Jutebeutel.

Viel weiter als bis zu Netto oder Aldi trauen sich die meisten gar nicht. Sogar ein begleiteter Arztbesuch ist oft Grund zur Panik: „Viele wissen, wie sehr der Alkohol ihnen zugesetzt hat. Sie haben Angst zu hören, wie es wirklich um sie steht“, hatte einer der Pädagogen im Adelenstift, Frank Heinlein, beim Frühstück erzählt. Er versorgt die Bewohner regelmäßig mit von Ärzten verschriebenen Medikamenten. Und mit Bekleidung. Aber nachdem er einmal versucht hat, mit einer kleinen Gruppe in der Waterfront einzukaufen, hat er es gleich wieder sein lassen. „Die standen bloß da. Sie konnten mit der Flut von Menschen nichts anfangen.“ Jetzt erledigt Heinlein die Einkäufe meist allein.

Im Zimmer sitzen. Gegen neun sind die Flure wieder menschenleer. Die Bewohner sind in ihren Zimmern verschwunden. Im Vorbeigehen fällt der Blick durch eine geöffnete Tür: Dahinter sitzt ein Mann auf seinem Bett und starrt die Wand an. Fast das gleiche Bild ein paar Zimmer weiter. Es ist eines mit einem Gummibaum in der Ecke, an der Wand hängt eine Fliegenklatsche. Vor dem Bewohner steht ein Glas Bier. Der Röhrenfernseher läuft, aber der Sender wird von einer Schlagerschnulze aus dem Radio übertönt.

Vor Kurt K. liegen ein Konsalik und die Lesebrille. Der frühere Seemann nimmt einen Schluck und erinnert sich, wie es war, als sein Sohn einen Bremsenstich hatte. Er redet schnell, beinahe unverständlich. Kurt K.‘s Themen wechseln so schnell wie die Worte aus seinem Mund. Gerade fallen ihm die Kängurus ein. Denen habe er in Australien in den Allerwertesten getreten. Hinaus könne man ja derzeit nicht, sagt er plötzlich und schaut aus dem Fenster. „Alles vereist.“ Kurt K. – gefangen in einer anderen Welt.

Im Treppenhaus ist Werner K. gerade im Begriff, die Stufen nach oben zu nehmen. Sein Zimmer liegt unter dem Dach. Werner K. sagt, er möge es, wenn die Sonne durch die Fenster flutet. Er sei früher schon viel ,rausgegangen, um die Sonne zu sehen. Wie viele Jahre er schon im Adelenstift lebt? „Zwei oder drei Jahre“, schätzt der Mann, der in seinem früheren Leben beinahe Maschinenbauingenieur geworden wäre. Und muss sich korrigieren lassen. Es ist schon mehr als zehn Jahre her, dass man ihn bei Minusgraden auf einer Parkbank fand, die Füße bereits verfroren.

Werner K. zuckt die Achseln. Die Zeit scheint für ihn keine rechte Bedeutung mehr zu haben. Auch an sein Geburtsdatum erinnert er sich nur undeutlich. Wie er zum Alkohol kam? Werner K. lacht. „Ich bin nicht zum Alkohol gekommen. Der Alkohol kam zu mir.“

Er geht langsam die Stufen hoch. Unter seinem Arm klemmt die Zeitung. Die braucht er. Sie ist sein Fenster zur Welt. „Damit ich weiß, was in der Welt vorgefallen ist. Das muss ja sein.“

Der Lesumer Christoph Seidl sammelt für das Adelenstift. Für das Beschäftigungsprojekt „Martin trifft Adele“ wurde bei der Inneren Mission ein Spendenkonto bei der Sparkasse Bremen (IBAN DE 22 2905 0101 0001 0777 00) eingerichtet.

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