Ein Ex-Bremer als Neu-Tiroler „Die Leute sind hier deutlich gelassener“

Tirol gilt sowohl der Bundesregierung in Berlin als auch jener in Wien wegen der häufig auftretenden Corona-Mutationen als Risikogebiet. Ein Ex-Bremer sagt, warum er sich hier trotzdem sicher fühlt.
16.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Die Leute sind hier deutlich gelassener“
Von Joerg Helge Wagner

Seit wann haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt in Tirol?

Nicolas Scheidtweiler: Seit dem 30. Januar.

Sie wohnen in Reutte, direkt hinter der Grenze. Wie spürt man dort die Abriegelung?

Persönlich bekomme ich davon nicht viel mit. Der größte Arbeitgeber hier sind die Metallwerke Plansee, und ich weiß, dass dort auch viele Deutsche arbeiten, die zur Zeit nicht über die Grenze kommen.

Sie selbst können als Deutscher aber unbehelligt hin- und herfahren, richtig?

Bei der Einreise wurde ich nicht angehalten, aber auf der Gegenfahrbahn habe ich massive Polizeipräsenz gesehen, vier Mannschaftswagen. Am vorigen Freitag hätte ich einen Termin in Starnberg gehabt, den habe ich aber verschoben, denn nach der Rückkehr aus Deutschland muss man auch hier zehn Tage in Quarantäne. Wenn man sich testen lässt, sind es allerdings nur fünf Tage.

Kann man sich denn schnell testen lassen?

Das ist toll organisiert. Man sucht sich auf der Website „Tirol testet“ das nächstgelegene Testzentrum, gibt seine persönlichen Daten samt Handynummer und ein Zeitfenster an. Dann bekommt man per SMS einen Code, mit dem man zum Testzentrum fährt. Dort wird er gescannt. Das ist wie ein Drive-In, es gibt keine Wartezeiten. Nach 30 Minuten bekommt man das Ergebnis wieder per SMS aufs Handy geschickt. Ich hatte es schon, bevor ich wieder zu Hause angekommen war.

Was kostet das?

Die Tests sind kostenlos. Ich habe mich hier schon zweimal testen lassen.

Mussten Sie sich schon von Ihren österreichischen Nachbarn Vorwürfe anhören, die eigentlich der deutschen oder bayerischen Regierung gelten?

Ja, aber das ist eher humorvoll. Erstaunlich ist, wie bekannt die deutschen Politiker hier sind. Vor allem Söder wird eher belächelt für seinen generellen Umgang mit dem Virus.

Was läuft im Kampf gegen Covid-19 in Österreich anders als in Deutschland?

Die Ski-Lifte sind offen, seit Kurzem auch wieder der Einzelhandel. So konnte ich Innsbruck Möbel für meine neue Wohnung erst einmal anschauen und anfassen, bevor ich sie kaufte. Ein schönes Gefühl. Die Leute sind hier deutlich gelassener, wenn sie wissen, dass sie nicht zu einer Risikogruppe gehören. Die Telekom-Technikerin hat mich gleich gefragt, ob sie die Maske abnehmen könne. Aber ansonsten sind die Maßnahmen ähnlich: FFP2-Masken sind in geschlossenen Räumen vorgeschrieben, die AHA-Regeln gelten sowieso.

Tirol hat aber auch einen Konflikt mit der Regierung in Wien. Um was geht es dabei?

Die südafrikanische Variante des Covid-19-Virus ist hier am häufigsten in ganz Österreich vertreten. Deshalb sollte Tirol innerhalb der Republik isoliert werden, wogegen sich die Landesregierung gewehrt hat. Es lief auf eine Art Reiseverbot für die Bevölkerung hinaus, aber mein Nachbar findet den Kurs der Landesregierung gut.

Fühlen Sie sich denn sicher in Tirol?

Ja, denn die Krankenhäuser sind hier nicht voller als im Rest der Republik, es gibt keine Übersterblichkeit. Es gibt hohe Inzidenzwerte, aber das liegt eben auch daran, dass sich viele Tiroler häufig testen lassen, weil es rasch geht und kostenlos ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich nicht zur Risikogruppe gehöre, überwiegend digital arbeite und auch noch nicht viele Kontakte habe – das Vereinsleben ruht ja.

Was schätzen Sie in Österreich, was Ihnen in Deutschland gefehlt hat?

Die Gelassenheit der Menschen, die leben hier noch. Die Infrastruktur ist gut, vieles ist aufgeräumter und besser organisiert. Und alles, was ich gerne mache, ist in 45 Minuten erreichbar: Klettern, Eistouren, Skilaufen. Ich habe quasi einen riesigen Abenteuerspielplatz vor der Wohnungstür.

Das Gespräch führte Joerg Helge Wagner.

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Zur Person

Nicolas Scheidtweiler

ist Geschäftsführer der Bremer Consus Marketing GmbH und Gründer der Beratungsfirma Scheidtweiler PR. Der 44-Jährige ist passionierter Bergsteiger.

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Zur Sache

Grenzkontrollen in Deutschland

Die deutschen Grenzkontrollen und Einreiseverbote sorgen für Staus und Kritik. Die EU-Kommission bekräftigte am Montag ihr Missfallen und warnte vor Störung der Freizügigkeit. Zuvor hatte es auch von den Regierungen Österreichs und Tschechiens Kritik gegeben. Die Bundesregierung verteidigte ihre Linie mit Blick auf die Ausbreitung der Virusvarianten in den beiden Nachbarländern.

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