St. Johannes: Erst vor der Aufführung wird geprobt / Laienmusiker erleben vierstündigen Orchesterworkshop Ein Experiment zum Kirchweihkonzert

Zum dritten Kirchweihkonzert wagt Organist Karl Unrasch ein Experiment: Elf Laienmusiker treffen sich nur einmal zur Probe, und zwar zum Workshop – vier Stunden vor dem Konzert. Die Leitung der Probe übernimmt Berufsgeigerin Birthe Steffen. Ergebnis: Musiker und Publikum sind gleichermaßen begeistert.
01.07.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Otto

Zum dritten Kirchweihkonzert wagt Organist Karl Unrasch ein Experiment: Elf Laienmusiker treffen sich nur einmal zur Probe, und zwar zum Workshop – vier Stunden vor dem Konzert. Die Leitung der Probe übernimmt Berufsgeigerin Birthe Steffen. Ergebnis: Musiker und Publikum sind gleichermaßen begeistert.

Die St.-Johannes-Kirche gehört zu den geschichtlichen Kleinodien in Schwanewede. Sie wurde 1762 eingeweiht. Anlässlich der 750-Jahr-Feier vor zwei Jahren gab der Organist der Kirchengemeinde, Karl Unrasch, ein Cembalo-Konzert. Der Erfolg ermunterte ihn, im darauf folgenden Jahr wieder ein Konzert, diesmal mit Bach-Kantaten zu veranstalten. „Auch dieses Konzert ist bei den Besuchern gut angekommen“, erzählt der Kantor. So habe er sich entschlossen, künftig um den Johannestag herum „Schwaneweder Kirchweih-Konzerte“ aufzuführen.

In diesem Jahr nun wagte Unrasch einen ganz besonderen Versuch. Für ein Programm mit Orgel-Konzerten bekannter Barock-Komponisten engagierte er elf Laienmusiker. Die fanden sich zu einem Workshop nur Stunden vor der Aufführung zusammen. Unter der Leitung von Birthe Steffen, einer Berufsgeigerin, probten die Streicher, zehn Damen und ein Herr, die fünf Stücke gemeinsam erst am Sonntagnachmittag. Die Musiker kommen aus Bremen und Bremen-Nord, aus Worpswede und Schwanewede. Sie spielen alle in Laienorchestern wie der Camerata Instrumentale oder dem Hastedter Kammerorchester und sind im Ensemblespiel erfahren.

Im Mittelpunkt des Programms standen zwei Konzerte für Orgel und Orchester von Georg Friedrich Händel. Dazu gesellten sich Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Arcangelo Corelli und Franz Tunder, der vor 400 Jahren geboren wurde.

Die vierstündige Probenarbeit fand auf der Empore der Kirche statt. „Obwohl sich die Musiker teilweise vorher noch nicht begegnet waren, ist schnell eine schöne Atmosphäre entstanden“, berichtet der Organist. Sie seien begeistert bei der Arbeit gewesen, hätten konzentriert und aufmerksam gespielt. Stefan Ertel am Kontrabass war der Hahn im Korb. Er war der einzige Mann in diesem Orchester, das sonst von den Geigen über die Bratschen bis hin zum Cello ausschließlich weiblich besetzt war.

Kritische Begleitung

Birthe Steffen begleitete den konzertanten Ablauf kritisch, achtete streng auf Tempo, Dynamik und Akzentuierung. „In Takt 26 und 31 – die Viertel nicht länger aushalten als nötig, sonst klingt das in meinen nächsten Akkord hinein“, forderte sie. Birthe Steffen scheute sich auch nicht, eine Rüge auszusprechen: „Ihr seid ziemlich laut geworden. Die Orgel hat ein wunderbares Register – die Blockflöte, das dürfen die Geigen nicht übertönen.“ Hier und da gibt Steffen auch den Rhythmus vor: „Ram-tata, tam-tata, tam-tata, tam!“

Zu den Kompositionen erläuterte die Konzertmeisterin teilweise den gedanklichen Hintergrund für die musikalische Ausgestaltung. Das Barock beispielsweise sei Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden, als die katholische Kirche zur Zeit der Gegenreformation ein Regelwerk für die Kunst erstellt habe, um das kirchliche Leben aufzufrischen. Die Architektur sollte beeindruckender, die Malerei figürlicher und farbenprächtiger und die Musik vielstimmiger, klangvoller und dynamischer gestaltet werden. Eine Musikerin („Ich bin bloß die Bratsche“) ergänzte lebhaft: „Dabei darf man aber auch den Beitrag der evangelischen Kirche mit Buxtehude und Bach, mit Schütz und Sweelinck nicht vergessen.“

Und so erklangen auch das Präludium von Franz Tunder und das Concerto grosso von Arcangelo Corelli sehr temperamentvoll und dynamisch wechselvoll. „Bachs Orgelkonzert ist die Transkription einer Komposition von Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar“, erläuterte Birthe Steffen. Zu Händels Konzerten für Orgel und Orchester konnte auch Organist Karl Unrasch eine musikgeschichtliche Information beitragen: „Händel hat 1634/35 die Aufführungspraxis von Corelli in Rom studiert. Im Vorwort zu seiner Orgelkonzert-Partitur hat er diese Musik für kleine Kirchen bestimmt.“ So passten diese Konzerte auch gut in die St.-Johannes-Kirche mit ihrer einfachen, bäuerlichen Architektur.

Und schon ging die Probe musikalisch weiter mit einem harmonischen Wechsel zwischen Orgel und Streichern. Auf ein tänzerisch temperamentvolles Allegro folgte ein duftiges Alla Siciliana. „Siciliana ist der musikalische Ausdruck für Arkadien. Das war in der Antike der Inbegriff einer ländlichen Idylle und eines Lebens in unendlicher Harmonie“, so die Konzertmeisterin. Das nahmen sich die Musiker zu Herzen und spielten diesen Satz aus Händels Orgelkonzert in F-Dur in sich schwingend bewegt und mit gefühlvoller Betonung.

Das anschließende Konzert bestätigte den Erfolg dieses gewagten Orchesterworkshops. Das Publikum war begeistert.

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