175 Jahre AG Weser Ein fast vergessenes Jubiläum

Eigentlich hoffte Daniel Sokolis auf eine Dauerausstellung zur AG Weser im Einkaufszentrum Waterfront. Doch daraus wurde nichts, jetzt erinnert der Hobbyhistoriker in eigener Regie an das Jubiläum der Werft.
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Ein fast vergessenes Jubiläum
Von Frank Hethey

Gern hätte Daniel Sokolis zum 175. Geburtstag der AG Weser etwas Großes auf die Beine gestellt. Ein Zeichen gesetzt, um an den Gründungsakt vom 8. November 1843 zu erinnern. Zumal auch genau 35 Jahre vergangen sind, seit die AG Weser 1983 ihre Pforten schließen musste. An sich wähnte sich der rührige Hobbyhistoriker auf einem guten Weg. Das Einkaufzentrum Waterfront, das sich heute auf dem früheren Betriebsgelände befindet, schien anfangs nicht abgeneigt, zur Feier seines zehnjährigen Bestehens in diesem Sommer eine Dauerausstellung zur AG-Weser-Geschichte einzurichten.

Der Grundstock: rund 16 000 Aufnahmen, mehrere Stunden Film und sonstige Devotionalien vom Hammer bis zum Helm, die Sokolis im Laufe der Jahre zusammengetragen hat. Voller Eifer machte sich der 28-Jährige ans Werk, nur um plötzlich eine Absage zu erhalten. „Es hieß, der Fokus habe auf der Veranstaltung zum Zehnjährigen liegen sollen“, sagt Sokolis. Für alles Weitere sei kein Geld vorhanden. Die ernüchternde Bilanz: „Und wieder eine Woche Arbeit in den Sand gesetzt.“

Frustrierend auch, dass sich kein Museum für das Jubiläum erwärmen konnte. Kopfschüttelnd quittiert der junge Werftenkenner das Desinteresse, er könne es „absolut nicht erklären“, schreibt er auf seiner Facebook-Seite AG „Weser“ Werftarchiv. Unterkriegen lassen will sich Sokolis aber nicht. Erhält er keine Plattform in der analogen Welt, will er eben digital dagegen halten. Mit einem etwa zehnminütigen Kurzfilm, der ab diesem Donnerstag auf dem Videoportal Youtube laufen soll.

Einblicke in die historischen Hintergründe

Zu viel dürfe man allerdings nicht erwarten, es würden keine bewegten Bilder gezeigt, sondern nur eine Bilderdokumentation, die von der Gründung bis zur Schließung reichen soll. Eine sonore Erzählstimme – nicht seine, vielmehr die eines Bekannten – wird dazu Einblicke in die historischen Hintergründe geben.

Einen Vorgeschmack auf die unbewegten Bilder des Kurzfilms liefern schon jetzt die Online-Auftritte von Sokolis. Immer dienstags und donnerstags veröffentlicht der AG-Weser-Experte einen Bildbeitrag auf seiner Facebook-Seite, bisweilen auch am Wochenende: Mal liefert er Daten zu einem Stapellauf, mal kommentiert er einen Schiffsneubau.

Seine Einträge für die mehr als 1600 Follower publiziert der 28-Jährige immer um 6 oder 6.30 Uhr – „pünktlich zum Arbeitsbeginn auf der Werft“. Für besonders eingefleischte AG Weser-Fans gibt Sokolis seit drei Jahren einen Tischkalender heraus. Das neueste Exemplar dokumentiert die Periode zwischen 1960 und 1983.

Erinnerungen an die untergegangene Traditionswerft

Mit regelmäßigen Mitteilungen auf seiner Facebook-Seite, dem umfangreichen Online-Archiv seiner Website und neuerdings auch im Online-Dienst Instagram hält Sokolis seit 2013 die Erinnerung an die untergegangene Traditionswerft wach. Trotzig macht er auf Facebook einen „großen Vorteil“ im Vergleich zu anderen Einrichtungen aus: „Wir sind unabhängig, frei und wir bekommen Hilfe von den richtigen Institutionen und Menschen.“

Freilich ist die Pluralform ein wenig irreführend, tatsächlich ist Sokolis als Betreiber der digitalen Auftritte ein Einzelkämpfer. Da sei dauerhafte Präsenz gefragt. „Wenn ich nichts mache, bekomme ich ganz schnell Mail-Nachfragen.“ Auch bei Rückfragen zur Geschichte der AG Weser muss er sich allein über Wasser halten. „Die Anfragen zu bearbeiten ist schon viel Arbeit“, bekennt er.

Erst kürzlich habe sich ein früherer Häftling gemeldet, der in Kriegszeiten auf der Werft malochen musste. Dennoch: Ganz allein auf weiter Flur ist er nicht. „Will jemand etwas ganz Bestimmtes wissen, kann ich auf die Hilfe des Arbeitervereins setzen.“ Gemeint ist „Use Akschen“, der Verein ehemaliger AG-Weser-Mitarbeiter. Sokolis nimmt auch eine Art Mittlerfunktion wahr. „Der Verein ist sehr für sich, die meisten Mitglieder sind älter als 60 Jahre, die haben es nicht so mit dem Internet.“

Die Leidenschaft für die Traditionswerft kommt nicht von ungefähr. Sokolis stammt aus einer Werftarbeiterfamilie, schon sein Großvater verdiente sich seine Brötchen bei der AG Weser. Auch sein Vater war als Lehrling noch auf der Werft beschäftigt, sogar über das Ende hinaus. „Nach der Schließung ging die Ausbildung auf dem Werftgelände noch weiter“, berichtet Sokolis.

Da war es fast selbstverständlich, dass er selbst ebenfalls in die Fußstapfen seiner Altvorderen trat. Sokolis ist gelernter Schiffbauer, seine erste Station im Berufsleben war eine Werft in Lemwerder. Inzwischen arbeitet er als Fachlagerist einer Spedition in Gröpelingen. Das entspricht zwar nicht seiner Ausbildung, aber Sokolis macht das nichts aus. Vielleicht ja auch, weil sich das Unternehmen auf dem ehemaligen Werftgelände angesiedelt hat.

Stundenlang kann man mit Sokolis über die Geschichte der AG Weser philosophieren. Noch immer ein „großes Thema“ ist das Aus, die wütenden Proteste mitsamt Werftbesetzung im Herbst 1983 lassen die frühere Belegschaft nicht los. „Der eine sagt, die Werft ist pleite gegangen. Und der andere, es seien noch Aufträge da gewesen“, so Sokolis. Seine eigene Ansicht: „Es war immer ein Grundkapital von 45 Millionen DM im Pott, als Polster.“

Doch Krupp als Eigner habe die Produktion wegen zu geringer Gewinnaussichten nicht fortführen wollen. Den damaligen Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) nimmt er in Schutz: „Als Politiker hatte er keine Handhabe gegen die Schließungspläne.“

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Reichlich Redestoff bieten auch die frühen Jahre der Werft. Denn streng genommen wird die AG Weser gar nicht 175 Jahre alt. Tatsächlich wurde das Unternehmen erst 1872 aus der Taufe gehoben. Allerdings ging die Firma Waltjen & Co. in der neuen Werft auf, und die gab es seit 1843. Kurzum, die AG Weser wurde gern älter gemacht, als sie in Wirklichkeit war. Doch Sokolis will mit der schönen Tradition nicht brechen. In der einschlägigen Literatur wie auch im kollektiven Bewusstsein sei 1843 als Gründungsjahr fest verankert.

Ein schönes Beispiel dafür ist das Protestplakat gegen die Schließung, das Sokolis auf seiner Facebook-Seite gepostet hat. „Die Werft wird 140 Jahre alt, Killer machen sie jetzt kalt“, reimte damals der Verfasser. Sokolis‘ Idee, wie die Klippe des nicht ganz korrekten Gründungsjahrs zu umschiffen wäre: „Vielleicht kann man von Geburtsstunde sprechen, wenn von 1843 die Rede ist.“

Wenn er auch von der AG Weser nicht lassen will, so hat sich Sokolis neuerdings doch einem anderen Schwerpunkt zugewendet: der Getreideverkehrsanlage. Ein Bezugspunkt liegt vor. „Da habe ich mal gearbeitet“, sagt Sokolis. So ganz weit entfernt vom alten Steckenpferd ist die Anlage auch rein geografisch nicht. Das Werftgelände befand sich in direkter Nachbarschaft. Ein Thema, das nahelag.

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Mehr unter ag-weser-werftarchiv.jimdo.com

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