Die isländische Musikerin Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir gibt in Bremen-Nord Unterricht Ein Herz und eine Harfe

Vegesack. Dass Kinder Lust haben, ein Instrument zu spielen, ist eigentlich nichts ­Ungewöhnliches. Wenn man allerdings auf Island lebt und sich noch vor der Einschulung in den Kopf setzt, unbedingt Harfe spielen zu wollen, dann kann das zu einem ­unlösbaren Problem werden.
07.03.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulrike Schumacher

Vegesack. Dass Kinder Lust haben, ein Instrument zu spielen, ist eigentlich nichts ­Ungewöhnliches. Wenn man allerdings auf Island lebt und sich noch vor der Einschulung in den Kopf setzt, unbedingt Harfe spielen zu wollen, dann kann das zu einem ­unlösbaren Problem werden. Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir hatte diesen Wunsch.

Sie muss fünf, sechs Jahre alt gewesen sein, blickt die heute 27-Jährige zurück, als sie den Drang verspürte, die geschwun­gene Form einer Harfe in die Hand zu nehmen und mit ihren Fingern an den Saiten zu zupfen. Aber: „Es gab auf Island keine Musiklehrer, die dieses Instrument unterrichteten.“ Nicht einmal in der Hauptstadt Reykjavík, wo Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir geboren wurde und aufwuchs. „Für Island war das damals völlig exotisch.“ Man fragt sich, wie dem Kind angesichts dieser Harfen-nicht-Präsenz im isländischen Alltag überhaupt ein solches Instrument in den Sinn kam. „Wahrscheinlich habe ich irgendwo ein Bild von einer Harfe gesehen“, vermutet die ­junge Frau, die inzwischen mehrere Harfen besitzt und Kindern und Erwachsenen bei der Freien Musikschule Bremen-Nord näherbringen möchte, wie man darauf spielt.

Das Bild hatte die junge Sólveig zwar im Kopf, aber begnügen musste sie sich mit einem Klavier. Der Klavierunterricht, den sie erhielt, gefiel ihr. Aber ihr Herz für die Harfe schlug weiter. Der Traum erfüllte sich schließlich in Arizona. Dorthin zog die Familie, als Sólveig zehn Jahre alt war. Dort erhielt das Mädchen den ersten Harfenunterricht, und als die Thoroddsens zwei Jahre später nach Island zurückkehrten, gab es dort schließlich doch jemanden mit ebensolcher Liebe zu dem Saiteninstrument.

„Es war eine Französin, bei der ich für mehrere Jahre Harfenunterricht nehmen konnte.“ War es anfangs noch das Bild von der anschmiegsamen Form des Instruments, hatte inzwischen längst auch der sanfte Klang den Weg in ihr Herz gefunden. Für Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir war es keine Frage, dass die Harfe auch nach dem Abitur ihr Leben bestimmen sollte.

Das Studium führte sie nach Wales. In ein Land, das „eine besonders lange Harfentradition hat“. Vier Jahre lang studierte sie dort und entdeckte dabei ihre Freude an Alter Musik. Sie beschloss, in diese Richtung weiterzugehen und speziell Alte Musik zu studieren. Die Bremer Hochschule für Künste ist einer der wenigen Orte, an denen das möglich ist. Die Studenten kommen aus der ganzen Welt. So kam auch sie vor dreieinhalb Jahren an die Weser, studierte hier im Hauptfach historische Harfe und war dabei zeitweise die einzige Studentin. Im Juli vergangenen Jahres schloss sie ihr Studium ab. Jetzt lebt die Musikerin eine Mischung aus Konzertauftritten und Unterrichten.

An diesem Nachmittag bereitet sie sich in der Freien Musikschule in Vegesack auf die Stunde mit ihrer bislang ersten Nordbremer Schülerin vor. Das Bremer Schietwetter hat Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir nicht die gute Laune vermiest. Aus ihrem – von langen dunkeln Haaren umrahmten – Gesicht strahlt einem ein vergnügtes Lachen entgegen. Und gegen die Kälte hilft ein grob gestrickter Norwegerpullover, den sie lässig zu Rock und warmen Stiefeln trägt. Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir geht ans Klavier und schlägt einen Ton an. Die keltische Harfe – eine Musikliebhaberin aus Bremen-Nord hat sie der Musikschule zur Verfügung gestellt – muss noch etwas gestimmt werden. Den Klavierton im Ohr eilt sie zur Harfe und greift konzentriert in die Saiten.

Gegenüber einer klassischen Harfe ist dieses Instrument wesentlich kleiner. Wer mit dem Harfenspiel beginnt, lernt es häufig an dieser keltischen Form, erklärt die Dozentin, die für interessierte Schüler unter der Telefonnummer 01 57/54 25 43 53 erreichbar ist. Bei der keltischen Harfe gibt es ein Haken­system. Die Saiten lassen sich mittels Haken um einen Halbton erhöhen. „Bei einer klassischen Harfe machen das die Pedale“, erklärt die Musikerin. Überhaupt ist die klassische Schwester der keltischen ­Harfe eine Herausforderung für den ganzen Körper. Wenn Arme und Füße damit beschäftigt sind, den Saiten einen Klang zu ent­locken, wissen die Muskeln, was sie getan haben. „Geige spielen ist leichter.“

Bei sich zu Hause hat sie beim Musizieren die Wahl zwischen einer klassischen Pedal­harfe, „einer sehr schönen keltischen Harfe, die ich besitze, seit ich elf bin“ und einer italienischen Tripelharfe mit dreireihigem Saitenbezug.

Mehrere Stunden am Tag ist Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir mit ihren Instrumenten in Kontakt. Zum Beispiel, wenn sie sich auf ein Konzert vorbereitet. Doch nach dem Üben kann sie auch Harfe Harfe sein lassen und sich schmökernd aufs Sofa setzen. Sprachen und Literatur – vor allem die klassische – mag sie genauso gern wie den Klang der Harfenwelt.

„Es gab auf Island keine Musiklehrer für dieses Instrument.“ Sólveig Thoroddsen Jónsdóttir
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