Kommentar über Reisezwänge

Ein Hoch auf Balkonien

Bremen statt Bali? Warum eigentlich nicht, findet Imke Wrage. Denn Verreisen sollte sich nicht nach Pflicht anfühlen, sondern in erster Linie Selbstzweck sein. Ein Plädoyer fürs Zuhause bleiben.
29.06.2019, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein Hoch auf Balkonien
Von Imke Wrage

Es nervt. „Na, wohin geht die Reise diesmal?“ Schon Wochen bevor der lang ersehnte Urlaub naht, macht sich die unterschwellige Angst vor dieser Frage breit. Pizza und Gelato in Italien? Ein Roadtrip entlang der amerikanischen Westküste? Oder Yoga auf Sri Lanka? Och, druckst man dann herum, eigentlich wollte man dieses Mal einfach nur zuhause bleiben.

„Kannst du dir denn keinen Urlaub leisten?“, fragen die einen daraufhin. „Willst du denn nicht mal wieder raus?“, fragen die anderen. Was sie sagen wollen: Zuhause bist du doch immer! Geh raus, entdecke die Welt! Was aber, wenn ich mir das zwar leisten kann, aber trotzdem lieber bleibe?

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Der gesellschaftliche Optimierungswahn, er hat längst auch den Urlaub erreicht. Für manche ist das Reisen ein Statussymbol, für andere gehört es ganz selbstverständlich dazu, der Rest verspricht sich davon das nächste große Abenteuer. Die Prämisse: Das Maximum aus den freien Tagen rausholen; je ausgefallener desto besser.

Wer stattdessen zuhause bleibt, muss nicht nur damit rechnen, dass Kollegen oder Freunde mitleidig schauen und „ah, ok, dann schönen Urlaub...“ wünschen. Es bleibt auch ein schlechtes Gefühl zurück: Erklärungsnot. Ein Beispiel: Anfang Juni, ein Nachmittag am Bremer Unisee. 24 Grad, am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Fühlt sich wie Urlaub an und sieht auch so aus, denke ich, manche ein Foto und schicke es kommentarlos an eine Gruppe mit mehreren Freunden.

Ein Bild aus der Ferne hat mehr Wow-Faktor

Wenige Sekunden später die ersten Nachrichten: „Woaaaah, ich will auch!“, schreibt eine, „Wo bist du? Italien?“, fragt eine andere. „Am Unisee in Bremen!“, antworte ich und rechne insgeheim mit einer hui-toll-das-Gute-ist-so-nah-Reaktion. Was stattdessen folgt, ist ein ernüchterndes „Oh, ach so“. Fünf Minuten später ein noch frustrierenderes „Trotzdem schön!“.

Ein Bild hat offensichtlich, egal wie idyllisch und schön das Motiv ist, mehr Wow-Faktor, wenn es in der Ferne aufgenommen wurde. Aber bemisst sich der Wert eines Urlaubs oder eines Erlebnisses wirklich an der zurückgelegten Distanz? Das würde heißen: Je weiter man von Zuhause wegfährt, desto besser. Dabei ist ein Ortswechsel noch lange kein Garant für Erholung.

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Ausgefallene Reisen durch die Welt erfordern nicht nur einen vollen Geldbeutel. Sie sind auch oft mit so viel Planung und Stress verbunden, dass man sich im Urlaub erst mal von der Organisation erholen muss – und nach dem hippen Trekkingtrip dann wieder von der Anstrengung des Urlaubs.

Für manche Menschen ist das Erholsamste, was sie sich vorstellen können, deshalb, Zeit in der gewohnten Umgebung zu verbringen. Morgens im eigenen Bett aufzuwachen und ohne Programmzwang in den Tag hineinzuleben. Sich das Lieblingsessen zu kochen und die Orte zu besuchen, an denen man im Alltag blind vorbei läuft. Den Tomaten auf dem Balkon beim Wachsen zuzuschauen, mal wieder die eigene Stadt zu entdecken und all die Dinge zu machen, zu denen man sonst im stressigen 40-Stunden-Arbeitstrubel nicht kommt. Auch das gehört dazu: Mal wieder nichts zu tun.

Blockland statt Bali

Seit einigen Jahren gibt es für diese Art des Urlaubs sogar eine eigene Bezeichnung: „Staycation“, eine Mischung aus „stay“ für bleiben und „vacation“ für Urlaub. Urlaub zu Hause oder Urlaub auf Balkonien, das klingt für viele nach einem Widerspruch in sich – noch dazu zum Gähnen langweilig. „Staycation“ hingegen kommt nicht wie ein Makel, sondern wie ein Trend daher. „Stay“ legt nahe: Bleiben wird zur bewussten Entscheidung, für die man sich nicht zu schämen braucht. Völlig zu Recht, denn Verreisen sollte sich nicht nach Pflicht anfühlen, sondern in erster Linie Selbstzweck sein.

Falls das nun missverständlich war: Urlaub in der Ferne ist toll. Es erweitert den Horizont, holt einen für kurze Zeit aus der Enge des Alltags. Ich liebe es, zu reisen. Man sollte sich bloß nicht dafür rechtfertigen müssen, wenn man es mal nicht tut. Deswegen ist das hier kein Plädoyer gegen das Wegfahren – es ist vielmehr ein Plädoyer dafür, dass das Bleiben für manche Menschen (mindestens) genauso gut funktioniert.

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Statt an einen Ort zu fliegen, den man noch nie gesehen hat, könnte es diesen Sommer mit dem Rad dorthin gehen, wo man es zuletzt schön fand. Blockland statt Bali. Bremerhaven statt Barcelona. Warum eigentlich nicht? Statt sich am Goldstrand von Bulgarien zu bräunen, lässt es sich auch am Werdersee in Bremen gut aushalten. Von dort lässt es sich dann auch gut Bilder verschicken ‒ mit lieben Grüßen aus dem Urlaub.

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