Bremen

Ein holpriger Lebensweg

September 2016, ein Wiedersehen nach drei Jahren: Im Juni 2013 hatte Michael Frönner* in einem Gespräch mit dem WESER-KURIER darüber berichtet, wie es sich anfühlt, ohne Abschluss von der Schule abzugehen. 20 Jahre alt war er damals.
02.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein holpriger Lebensweg
Von Ralf Michel

September 2016, ein Wiedersehen nach drei Jahren: Im Juni 2013 hatte Michael Frönner* in einem Gespräch mit dem WESER-KURIER darüber berichtet, wie es sich anfühlt, ohne Abschluss von der Schule abzugehen. 20 Jahre alt war er damals. Eine bewegte Schulkarriere voller Brüche hinter sich, vor sich nichts als Ungewissheit. „Ich fühl‘ mich einfach nur scheiße. Ich weiß, ich hab‘ nichts geschafft im Leben“, sagte er damals. Und, dass er endlich was machen wolle. „Egal was. Hauptsache nicht mehr zu Hause sitzen.“

Kurz vor dem Gespräch im Sommer 2013 hatte er an der Erwachsenenschule Bremen eine Aufnahmeprüfung abgelegt. Ob er sie bestanden hatte, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch was diese Prüfung für ihn bedeutete, war ihm nur zu bewusst: „Das ist meine letzte Chance, wenn ich das wieder nicht hinkriege…“

Heute ist Michael Frönner 23 Jahre alt. Einiges hat sich zum Positiven geändert in seinem Leben. Eine Erfolgsgeschichte ist es trotzdem nicht. „Die Prüfung damals habe ich ohne Probleme geschafft“, greift er den Gesprächsfaden von vor drei Jahren auf. Und auch den erweiterten Hauptschulabschluss hat er inzwischen in der Tasche. Doch bis dahin war es ein hartes Stück Arbeit. Nicht nur für ihn. „Die hatten es nicht leicht mit mir“, räumt er freimütig ein und lobt die Erwachsenenschule. „Ich hätte nicht gedacht, dass die so viel Geduld mit mir haben.“

Wie schon zuvor als Jugendlicher auf der Regelschule, waren es immer wieder private Probleme, die ihn aus der Bahn warfen – Ärger mit der Freundin, Ärger mit dem Vermieter, Geldsorgen… „Und durch diesen privaten Stress gab es dann natürlich auch Stress in der Schule.“

Das Lernen an sich habe ihm eigentlich nie Mühe bereitet, erzählt er. Morgens pünktlich zum Unterricht anzutreten, dagegen schon. Und mit dem regelmäßigen Schulbesuch sei das auch so eine Sache gewesen. „Ich bin dann immer seltener hingegangen, meistens zwei, drei Stunden zu spät gekommen und habe auch nicht mehr wirklich mitgearbeitet.“

Als deutlich wurde, dass Vormittagsunterricht nicht funktioniert, habe man sich auf Nachmittagsunterricht verständigt. Doch wieder funkten persönliche Umstände dazwischen. Die Trennung von seiner Freundin, ein Umzug zu Onkel und Tante, die weit außerhalb wohnen. „Ich hatte oft nicht das Geld fürs Bahnticket“, sagt Frönner und schiebt mit der ihm eigenen Ehrlichkeit hinterher: „Und ich war wohl auch einfach zu faul.“ Letztlich egal: „Auch das mit dem Nachmittagsunterricht hatte sich bald erledigt“.

Noch einmal setzten sich die Verantwortlichen der Erwachsenenschule mit ihm zusammen. „Als letzte Lösung haben wir es dann mit einem externen Weg versucht.“ Frönner bereitete sich außerhalb der Schule auf die Prüfung vor. „Das hat funktioniert“, erzählt er. „Ich habe die Prüfung zur erweiterten Berufsbildungsreife geschafft.“ Ein Schulabschluss, der dem früheren Hauptschulabschluss nach zehn Jahren entspricht.

Dieser Weg sei zwar nicht der Regelfall, komme aber ab und zu mal vor, ordnet Peter Müller, Leiter der Erwachsenenschule Bremen, diese Geschichte ein. „Unser Zweck ist es ja gerade, Menschen, die aus verschiedenen Gründen gescheitert sind und nicht in das Regelsystem reinpassen, einen Abschluss zu ermöglichen.“ Und manchmal sei eben nicht der Lernstoff das Problem, sondern der regelmäßige Schulbesuch.

In solchen Fällen gebe es die Möglichkeit, den Betroffenen eine Prüfung für Externe anzubieten. Dafür müssten sie sich aber von der Schule abmelden. „Sie dürfen kein Schüler mehr sein“, erklärt Müller das System. Die Schule unterstütze die Betroffenen durch Beratung und Materialien, aber auf die Prüfung vorbereiten müssten sie sich dann allein. „Das schaffen lange nicht alle“, erklärt Müller. „Wir empfehlen das auch nur, wenn wir denken, dass es klappen könnte.“

Für Michael Frönner war es der richtige Weg und er ist dankbar dafür. „Find‘ ich gut, dass die mich nicht aufgegeben haben“, sagt er heute. „Die haben wohl das Potenzial in mir gesehen und nicht nur, dass ich immer zu spät gekommen bin.“

Doch auch mit Schulabschluss schwenkte sein Leben zunächst nicht auf ruhigere Bahnen ein. Im Gegenteil. Wieder Beziehungsstress, dazu Ärger mit seinen Verwandten. Zwischenzeitlich wurde Frönner sogar obdachlos, schlug sich nur noch mit Hilfe von Freunden durch.

Ein Wendepunkt wurde dann in diesem Jahr die Nachricht, dass seine Freundin schwanger war. „Da habe ich ihr versprochen, dass ich einen Job finde.“ Schon wenig später konnte er dieses Versprechen einlösen, seit fünf Monaten arbeitet er für eine Zeitarbeitsfirma als Lagerist. 40 Stunden die Woche, Frühschichten inklusive.

Dass es plötzlich so schnell geklappt hat mit einem Job, findet er selbst nicht ungewöhnlich. „Ich bin ja schließlich nicht ganz blöd.“ Als er von der Schwangerschaft erfuhr, habe er sich gesagt, dass es jetzt einfach klappen müsse. „Wahrscheinlich hat mir dieser Druck vorher gefehlt.“ Seine Freundin bringt es auf einen einfachen Nenner: „Es hat bei ihm ‚klick‘ gemacht.“

Besonders toll sei sein Job aber nicht und außerdem zeitlich auf ein Jahr befristet, fügt Frönner hinzu. Er würde gerne eine Ausbildung machen, vielleicht als Elektriker. „Aber im November kommt das Baby, da wird das schwer.“ Seine Lebenslage habe sich enorm verbessert, sagt der 23-Jährige bestimmt. Alles ein wenig holprig, doch er habe erreicht, was er wollte. Jetzt noch eine Ausbildung, das wäre schön. „Aber alles in allem bin ich zufrieden.“

Noch keine Erfolgsgeschichte. Aber vielleicht ja der Anfang dafür.

*Name von der Redaktion geändert

„Manchmal ist der regelmäßige Schulbesuch das Problem.“ Peter Müller, Leiter Erwachsenenschule
„Find' ich gut, dass die mich nicht aufgegeben haben.“ Michael Frönner
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