Serie "Hinter verschlossenen Türen" Teil 1 Ein Jagdzimmer für Entdecker

Bremen. In einer Bremer Villa an der Schwachhauser Heerstraße gibt es einen Raum von knapp 25 Quadratmetern, der so viele Details bietet, dass ein Besuch nicht reicht, sie alle zu entdecken - das Jagdzimmer.
07.07.2010, 06:00
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Ein Jagdzimmer für Entdecker
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. In einer Bremer Villa an der Schwachhauser Heerstraße gibt es einen Raum von knapp 25 Quadratmetern, der so viele Details bietet, dass ein Besuch nicht reicht, sie alle zu entdecken - das Jagdzimmer.

Da liegt sie, wie hingegossen, eine junge Frau mit bloßem Leib, die sich im tiefen Gras an einem See bettet. Auf dem Rücken trägt sie Pfeil und Bogen, und das ist in diesem Raum schon Hinweis genug. Bei der Frau handelt es sich um die Göttin der Jagd, im Griechischen Artemis genannt, im Römischen Diana. Und das Zimmer, genau, ist ein Jagdzimmer. War es mal und ist es jetzt wieder. Ein neu entdeckter Schatz, der jahrelang im Verborgenen schlummerte, als das Zimmer eine Rumpelkammer war.

In dem Haus an der Schwachhauser Heerstraße kurz vorm Concordia-Tunnel sind die Leute früher ein- und ausgegangen. Unten drin war ein kleines Lebensmittelgeschäft, Feinkost Wendt, bekannt vor allem für seine Wurstwaren. 80 Jahre lang ging dort die Salami über den Tresen; bis 2002, da wurde das Haus verkauft und der Laden geschlossen.

Den Waffenschrank zurückgeholt

Der Käufer, Jens-Torsten Bausch, ein Bremer Immobilienkaufmann, konnte anfangs nur ahnen, was für ein Kleinod ihm da mehr zufällig in die Hände geraten war. 'Die Zeichnungen an den Wänden waren nur noch schemenhaft zu erkennen, manche konnte man gar nicht mehr sehen', beschreibt er den Zustand des Jagdzimmers.

Es fehlten Stücke vom ehemaligen Mobiliar, der Waffenschrank zum Beispiel, den die Vorbesitzer mitgenommen hatten. Bausch holte ihn zurück: 'Ich hab? denen gesagt, sonst kaufe ich das Haus nicht.' Handlungsbedarf auch bei den Holzvertäfelungen, sie mussten dringend restauriert werden.

Alles getan, alles erledigt, und nun ist aus dem knapp 25 Quadratmeter großen Raum ein wahres Schmuckstück geworden. Einziger Schönheitsfehler: das Fenster. 'Ein großer Stilbruch', bedauert Bausch. Der Rahmen aus Plastik, die Farbe weiß, das passt hier gar nicht. Wenig Stil auch bei den bisherigen Mietern. 'Die ersten haben hier einen Kicker aufgestellt.' Zuletzt ist ein Finanzdienstleister eingezogen, 'früher nannte man die Versicherungsvertreter', sagt Bausch ein wenig abschätzig. Sie kamen und gingen schnell wieder, seitdem wird das Jagdzimmer nicht mehr genutzt.

Und lädt ein, es mal eingehender zu inspizieren. Das gesamte Haus stammt von 1871, dem Jahr der deutschen Reichsgründung, gut möglich, dass es gleich mit dem Jagdzimmer ausgestattet war. Eine Rückzugsmöglichkeit für den Patron und seine Freunde. 'Hier wurde geraucht und gesündigt', glaubt Bausch, und er hat guten Grund dafür.

Hauchdünn hingetupfte Szenen

Dass die Herren hier mit Lust Zigarren gequarzt haben, konnte man vor der Restaurierung an den Wänden ablesen, die an manchen Stellen fast schwarz waren. Verborgen damals und nun wieder zu bewundern: Hauchdünn hingetupfte Wald- und Wiesenszenen mit Auerhähnen, Rehen, Fischottern, Schnepfen und einem röhrenden Hirsch. Dazu das Wildschwein in der Ecke mit seinen vier Frischlingen. Und ein Fuchs, der sich an Rebhühner heranschleicht. Der Jagdhund schließlich, mit einer vom Himmel geschossenen Stockente, die er stolz im Maul trägt.

In der gefächerten Holzdecke finden sich Motive, die auf große Gelage hindeuten: Weinreben, Gläser, Krüge und Bacchus natürlich, der Gott des Weines. Woanders geht es ums Spiel - Schach, Billard und Karten: Kreuz, Pik, Herz und Karo markieren an der 3,50 Meter hohen Decke die Ecken im Raum. Auf anderen Bildern wird der Säbel geschwungen und die Armbrust gespannt. Und dann ist da ja noch Diana...

Symbolisch gestützt wird die Decke von lauter kleinen Köpfen. Sie sind sehr filigran aus Holz geschnitzt, immer die gleiche Form, immer ein anderer Ausdruck. Mal lacht das Gesicht, mal feixt es. Mal schaut es stumm, mal versonnen oder grimmig. So unterschiedlich, wie die Stimmung sein kann in diesem Jagdzimmer oder ganz woanders.

Jens-Torsten Bausch sollte hier bei Gelegenheit mal einen Spieltisch aufstellen. Schwere Vorhänge vors hässliche Fenster, Kerzen an und die Karten raus. Dann noch ein paar Flaschen vom guten Wein in der Nähe, und der fidele Männerabend wäre perfekt. Nur das Rauchen sollten sie sein lassen, der Lungen wegen und weil es auf Dauer schade wäre, man hat das ja gesehen. Schade um den schönen Raum.

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