Der Film „Endlich zu Hause“ dokumentiert den Weg Behinderter vom Wohnheim in die eigene Wohnung

Ein Jahr mit der Kamera begleitet

Buntentor/Bahnhofsvorstadt. Bruno ist sich ganz sicher: „Himmelblau wird das Schlafzimmer. Das wurde auf der Pressekonferenz so beschlossen“, verkündet er voller Überzeugung.
08.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Timo Thalmann
Ein Jahr mit der Kamera begleitet

Freuen sich auf die Filmpremiere am 10. Mai: Filmemacher Jürgen J. Köster (von links), Heinz Kassens vom Martinsclub und Bewohner Danyel Efe.

Walter Gerbracht

Bruno ist sich ganz sicher: „Himmelblau wird das Schlafzimmer. Das wurde auf der Pressekonferenz so beschlossen“, verkündet er voller Überzeugung. Es ist Brunos erste eigene Wohnung, und nicht nur für ihn ist das eine große Sache. Auch 18 weitere Mitbewohner Brunos ziehen erstmals in die eigenen vier Wände.

Sie alle haben bis November vorigen Jahres im Haus Huckelriede gewohnt, einem „Wohnheim für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung“. Das ist eine Bezeichnung, die Bruno übrigens diskriminierend findet. „Das geht gar nicht!“, sagt er bestimmt in die Kamera von Jürgen J. Köster. Der Bremer Filmemacher hat zusammen mit Elisabeth Dieth im Auftrag des Martinsclubs gut ein Jahr den Weg von Bruno und seinen Mitstreitern in ein autonomeres Leben begleitet. Am Mittwoch, 10. Mai, wird der so entstandene, rund einstündige Dokumentarfilm „Endlich zu Hause“ um 20.30 Uhr im Kino 46 in der Birkenstraße öffentlich uraufgeführt.

Nun ambulante Betreuung

Der Hintergrund ist die im Zuge der angestrebten Inklusion schon 2011 beschlossene Auflösung des Wohnheims. Hohe Investitionen unter anderem für den Brandschutz wären für das schon in den 70er-Jahren errichtete Gebäude am Niedersachsendamm ohnehin fällig gewesen, sodass die Bremer Werkstatt Martinshof als Betreiber des Heims bis 2013 und ab dann der Martinsclub als Träger ein gute Gelegenheit erkannten, aus der stationären Unterbringung ihrer Schutzbefohlenen eine ambulante Betreuung zu machen, wenn man die entsprechenden Gelder nicht mehr in das alte Gebäude steckt. Mit dem Bau des im vorigen Jahr eröffneten Quartierszentrums Huckelriede direkt gegenüber dem nun ehemaligen Wohnheim wurde die Realisierung des Vorhabens möglich.

Kösters Film erzählt in drei Akten und mit vielen Interviews von der großen Umstellung für alle Beteiligten. Denn neben den Bewohnern müssen sich auch die Mitarbeiter des Heims neu orientieren. „Nach zum Teil 30 Jahren in stationärer Unterbringung in die eigene Wohnung zu ziehen, das wird sicher nicht ohne Probleme ablaufen“, bringt es eine der Betreuerinnen im Film auf den Punkt. Man werde Geduld brauchen, meint eine andere, denn statt einfach vor dem Eintreten an die Zimmertüren ihrer Klienten zu klopfen, heißt es nun: klingeln und warten, bis die Wohnungstüren geöffnet werden. Heinz Kassens, pädagogischer Mitarbeiter des Martinclubs und im Film zu sehen, gibt aber zu, dass zur Sicherheit Ersatzschlüssel bereitliegen. Das sei jedoch nicht anders, wie in anderen Wohnblocks auch, wo der Hausmeister über Zweitschlüssel verfügt. „Alle unsere Bewohner haben dazu ihre Einwilligung gegeben“, betont er.

Kösters Dreiakter – Wohnheim, Umzug und die ersten Monate in der neuen Wohnung – lässt sich ganz auf seine Protagonisten ein. Sie erzählen selbst, was sie bewegt, notwendige ergänzende Informationen liefern Interviewschnipsel mit den Betreuern. Auf einen Kommentar aus dem Off wird vollständig verzichtet. „Es hat vielleicht zwei oder drei Wochen gedauert, dann haben die meisten die Kamera gar nicht mehr sonderlich beachtet“, berichtet Köster. Rund acht Stunden Rohmaterial seien so zusammengekommen. Und natürlich habe es einige stärker ins Rampenlicht gedrängt als andere.

So porträtiert der 61-jährige Filmer aus Walle neben Bruno unter anderem auch Andreas und Simone. Die beiden ziehen aus dem Wohnheim als Pärchen zusammen in eine gemeinsame Wohnung und freuen sich sichtlich darüber. „Hier ist immer so viel Stress“, meint Simone in einer Szene und spielt auf den durchgehenden Lärmpegel an, den die insgesamt 24 Bewohner zwischen 25 und 76 Jahren unter einem Dach mit sich bringen. Ein Umstand, den viele Heimbewohner beklagen. Die Aussicht, einfach mal die eigene Tür hinter sich zu machen zu können, um etwas Ruhe und mehr Privatsphäre zu genießen, setzt daher nicht nur bei ihr große Aufbruchsenergie frei. Kaum ein Bewohner, den die Perspektive des eigenen Herds nicht beflügelt. Niemand trauert dem Wohnheim wirklich hinterher.

Mehr Aufgaben für die Bewohner

„Es zeigt sich die alte Binsenweisheit, dass der Mensch mit seinen Aufgaben wächst“, resümiert Köster. Und neue Aufgaben gibt es reichlich: Wo zuvor eine Gemeinschaftsküche für das Essen und die Wäscherei für saubere Kleidung sorgte, ist nun jeder für sich gefordert, einzukaufen, zu kochen, zu waschen und eine Wohnung in Ordnung zu halten. Manch einer kann dabei souverän mit Geld und Zahlen umgehen, andere wissen um ihre Schwierigkeiten. „Ich kann nur Zahlen bis zehn“, zeigt sich Simone in einer Szene etwas besorgt über die künftige Versorgung. „Auch nach der Auflösung des Wohnheims geht es ohne Betreuung natürlich nicht“, sagt Kassens, aber der Gewinn an Autonomie und Lebensqualität sei unübersehbar, die nun ambulante Hilfe sei punktueller und individueller auf den Bedarf des Einzelnen abgestimmt. „Das ist auch für uns Betreuer ein Lernprozess.“ Ebenso wie die Erkenntnis, dass es auch so starke Beeinträchtigungen gibt, dass fünf der Bewohner nun in anderen stationären Einrichtungen untergebracht sind.

Für Köster ist die Filmerei gemeinsam mit Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten kein Neuland. Er hat vor zwei Jahren mit zahlreichen Mitstreitern hier in Bremen die „Compagnons Cooperative Inklusiver Film“ gegründet, ein Zusammenschluss von Menschen mit und ohne Handicap, die auf unterschiedlichen Ebenen vor und hinter der Filmkamera miteinander arbeiten. Das erklärte Ziel ist es, inklusive Filmarbeit auf allen Ebenen der Produktion zu erreichen: Von der Idee, über das Drehbuch und die Produktionsphase bis hin zur Präsentation sollen die Mitwirkenden „repressionsfrei, kompetenzbezogen und inklusiv wirken können – und dabei ausgehend von ihrem Erfahrungswissen authentische Filme produzieren“, wie es in der Selbstdarstellung heißt. Aktuell produziert er unter dieser Prämisse mit Förderung durch die Aktion Mensch seinen zweiten Spielfilm, der im kommenden Jahr Premiere haben wird.

Der Dokumentarfilm „Endlich zu Hause“ wird am Mittwoch, 10. Mai, um 20.30 Uhr im Kino 46, Birkenstraße 1, gezeigt. Nach dem Film gibt es Gelegenheit für Gespräche mit den Machern und einigen Protagonisten. Der Eintritt kostet neun, ermäßigt 5,50 Euro. Die Hälfte der Einnahmen wird dem Martinsclub gespendet.
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