Ein Jahr nach Anschlag auf Friese Ausschuss informiert sich über Jugendzentren in der Östlichen Vorstadt

Vor etwa einem Jahr wurde ein Brandanschlag auf das Jugendzentrum Friese verübt. Der Sozialausschuss des Beirates hat sich nun über den Zustand der Jugendzentren in der Östlichen Vorstadt informiert.
15.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

„'Rechte Angriffe' ist ein Thema, das uns im Beirat beschäftigt“, sagt Annika Port (Linke) vom Fachausschuss Soziales, Kultur und Wirtschaft des Beirates Östliche Vorstadt. Und das spätestens seit den Brandanschlägen, die vor nahezu einem Jahr das Jugendzentrum Friese in der Friesenstraße verwüsteten.

„Im Oktober hat der Beirat die Friese besichtigt – die materiellen Schäden sind behoben, das Trauma und die Angst sind aber geblieben“, sagt Port weiter. „Die Betroffenheit, die ich empfunden habe, wurde dann von Dankbarkeit abgelöst, weil sich die Friese und die anderen Einrichtungen nicht zurückziehen.“

Gesprächsrunde zu Angriffen auf Zivilgesellschaft

Die Sitzung des Ausschusses war dieses Mal eine Gesprächsrunde: „Rechte Angriffe auf zivilgesellschaftliches Engagement in der Östlichen Vorstadt“ wurde sie betitelt, denn auch das Viertel ist von solcher Gewalt betroffen. Und nicht nur das Viertel, weiß André Aden von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBT) zu berichten – davon zeugt auch die Website www.keine-randnotiz.de, die das MBT-Team zusammen mit Soliport, einer Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt, betreibt. Dort werden die bekannten Fälle rechter Gewalt in eine Bremenkarte eingetragen und dokumentiert. „Wir können aber nur zeigen, was öffentlich bekannt ist, denn es gibt ein großes Dunkelfeld“, sagt Aden.

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Die Aktionsformen der extremen Rechten richten sich einerseits mittels Demonstrationen oder rechten Festivals nach außen – „es geht inhaltlich um Präsenz in der Öffentlichkeit als Demonstration eigener Stärke“, sie richten sich aber auch nach innen mittels Theoriebildung, Gedenkveranstaltungen oder Märtyrerkult.

Einschüchterungsversuche erfolgten unter anderem über Briefe mit verdächtigem Pulver: „Über 30 Briefe mit antisemitischem und rassistischem Inhalt wurden 2020 verschickt, anfangs primär an Parteien.“ Im gesamten Bundesland seien diese Briefe aufgetaucht, ein Schwerpunkt sei dabei die Neustadt und Mitte gewesen. Seit 2021 habe es sieben Briefe gegeben, die in Bremen und im Umland verschickt wurden. Außerdem gab es Farbanschläge in Form von Hakenkreuzen, SS-Zeichen oder Runen sowie Bedrohungen in schriftlicher und körperlicher Form. „Und Brandanschläge, wo der Anschlag in der Friese der bekannteste war. Dort wurden Aufkleber von Parteien der extremen Rechten hinterlassen, die Polizei hat den Anschlag inzwischen als extrem rechten Anschlag gewertet“, sagt Aden. Der Anschlag reihe sich inzwischen ein in eine Reihe weiterer Brandanschläge, „das Spiel mit dem Feuer ist für die Akteure inzwischen standardisiert.“

Zwei Brände in einer Nacht

Holger Lauster von der Friese war in der Nacht des Anschlags vom 15. auf den 16. Februar vor Ort, eine Band spielte. „In der Nacht war alles normal, doch dann brach die Hölle los. Zwei Mal hat es gebrannt, es wurden Leute aus der rechten Szene im Haus gesichtet.“ Emotional sei es nach wie vor schwer, dass es noch immer kein abschließendes Ergebnis gibt: „Wenigstens ist nun bestätigt, dass es Brandstiftung war.“ Auch für die Jugendarbeit sei es schwierig, die Räume seien zwar teilweise renoviert, „doch wie soll man so ein Haus sicher betreiben? Da fühlt man sich nicht sonderlich sicher, wenn man eine offene Tür betreibt.“ Ein Hochsicherheitstrakt wolle er jedenfalls nicht.

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Hendrik Sorgalla vom BDP-Haus am Hulsberg sagt, der Anschlag auf die Friese sei eine schockierende Erfahrung gewesen: „Wir betätigen uns auch politisch und betreiben ein offenes Haus, da sind solche Ereignisse beunruhigend.“ Auch am BDP-Haus habe es bereits Schmierereien und Besucher aus dem rechten Milieu gegeben – „und dass die Geschichte noch nicht aufgeklärt ist und sich die Opfer rechtfertigen müssen, ist ebenfalls beunruhigend.“ Dabei sei eine entsprechende Schulung wichtig, sagt der Bildungsreferent: „Rechtsextremismus startet in sozialen Medien über Propaganda. Viele Jugendliche sind sich nicht bewusst, wie sie damit umgehen sollen, da gibt es einen großen Nachholbedarf.“

Jana Sämann von der Buchte sagt: „Als Buchte erleben wir das Problem eher in den sozialen Netzwerken, Verleumdungen etwa.“ Physische Angriffe habe es aber noch nicht gegeben.

Immer wieder gibt es auch Vorwürfe, die Arbeit der Jugendhäuser orientiere sich am Linksradikalismus: Die Unterstellungen, sich nicht auf dem Boden demokratischer Prinzipien zu befinden und Vorwürfe, „sogenannt linksextrem“ zu sein, wirkten vorbereitend und rechtfertigend und so, als wenn Feindbilder skizziert werden würden, so Sämann. „Einrichtungen mit einem emanzipatorischen Anspruch betrifft das besonders“, sagt sie.

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Steffen Eilers von den Grünen meint anschließend: „Das berührt und macht deutlich, wie wichtig es ist, gemeinsam gegen extreme Rechte zu stehen und niemanden allein dort stehen zu lassen.“ Für Oliver Schmolinski (SPD) steht fest, dass die Wortbeiträge die Relevanz des Themas zeigen. Maria Busch von der Initiative Leben im Viertel meint, dass die drei Häuser linke Jugendliche anziehen, „die ,Spießer‘ gehen da nicht hin.“ Wünschenswert wäre jedoch „eine gewisse Präventionsarbeit für Jugendliche, die etwas anders drauf sind.“ Holger Lauster sagt, er wisse nicht, welche politische Richtung die Jugendlichen hätten, die das Haus betreten: „Das muss in das Bewusstsein der Behörde gelangen, dass wir kein linksextremes Zentrum sind.“ André Aden sagt dazu: „Mittlerweile wird all das als links angesehen, das sich gegen rechts stellt. Davor warne ich eindringlich.“

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Zur Sache

Bremens rechte Gruppierungen

In Bremen selbst sind diverse Parteien des rechten Spektrums mehr oder weniger präsent, berichtet André Aden: Die NPD und die Republikaner etwa seien kaum noch wahrnehmbar, wogegen Die Rechte inzwischen zu einer Wahlpartei herangewachsen und bei den Wahlen zur Bürgerschaft und dem Europaparlament angetreten ist. Die AfD hat ihre Räumlichkeiten mittlerweile nach Stuhr verlegt und ist von internen Streitigkeiten geprägt. Die Partei Der Dritte Weg ist dem neonazistischen Spektrum zuzuordnen und ist laut Aden ein Auffangbecken verbotener Organisationen. „Wir müssen davon ausgehen, dass hier ein Stützpunkt gegründet wird“, sagt Aden. Zudem seien verstärkt Aufkleber der Partei in der Östlichen Vorstadt aufgetaucht.

Zudem gruppiert sich die extreme Rechte in Kameradschaften wie etwa „Phalanx 18“, auch gibt es eine recht agile Rechtsrockszene in Bremen. Außerdem gibt es in der Stadt eigens Sportstudios, wo sich Kampfsportler für eigene Kämpfe in Form bringen, aber auch für den Umsturz trainieren.

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