Jens Böhrnsen spricht in Jens Schmidtmanns Talkshow über seinen Rücktritt als Bürgermeister, jetzige Aktivitäten und die Stille an Karfreitag

„Ein jegliches hat seine Zeit“

Schwachhausen. „Ich wusste, ich werde viele enttäuschen“, sagte Jens Böhrnsen in Jens Schmidtmanns Senioren-Talkshow über die Reaktionen auf seinen Rückzug aus der Politik. Seine Entscheidung gegen eine weitere Amtszeit als Bürgermeister begründete er aber nicht ausschließlich politisch: Es sei an der Zeit gewesen, befand er in der Talkshow.
24.03.2016, 00:00
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Von CHRISTIANE MESTER
„Ein jegliches hat seine Zeit“

Im Schwachhauser Restaurant Geerdes am Sendesaal sprach Jens Schmidtmann (links) in seiner 659. Senioren-Talkshow mit Bremens Bürgermeister a. D. Jens Böhrnsen.

Petra Stubbe

„Ich wusste, ich werde viele enttäuschen“, sagte Jens Böhrnsen in Jens Schmidtmanns Senioren-Talkshow über die Reaktionen auf seinen Rückzug aus der Politik. Seine Entscheidung gegen eine weitere Amtszeit als Bürgermeister begründete er aber nicht ausschließlich politisch: Es sei an der Zeit gewesen, befand er in der Talkshow.

Bei der Bürgerschaftswahl im vergangenen Jahr hatte Jens Böhrnsen fast 94 000 Direktstimmen von den Wählerinnen und Wählern erhalten. Am Tag nach der Wahl mussten die erfahren, dass er sich aus der Politik zurückziehen wird. Das tragen ihm noch heute viele nach, denn wer auf dem Wahlzettel gezielt „Böhrnsen“ angekreuzt hatte, bekam am Ende Carsten Sieling als neuen Bürgermeister. Was die Bremerinnen und Bremer im einzelnen davon halten, sagten sie ihm tagtäglich auf der Straße, erzählt der ehemalige Senatspräsident den Gästen bei Schmidtmanns Talkshow im Restaurant Geerdes am Sendesaal, ohne dabei weiter ins Detail zu gehen.

Am Rande ließ er aber anklingen, dass die persönliche Enttäuschung der Menschen, für die er durchaus Verständnis habe, nicht ohne die Wahlrechtsänderung zu erklären sei: „Seit 2011 haben wir Personenwahl in Bremen. Ich wusste, ich werde viele enttäuschen.“ Näher ausgeführt bedeutet das: Wer bei der Wahl alle fünf Stimmen dafür eingesetzt hat, dass Jens Böhrnsen wieder Bürgermeister wird, der empfindet seine Absage an die Politik womöglich eher als eine persönliche Ablehnung, als jemand, der wie bis zur Wahlrechtsänderung üblich, die Parteiliste der SPD angekreuzt hat. Nichtsdestotrotz stand Böhrnsen aber auch hier als Spitzenkandidat auf Platz eins, und so forderte Talkmaster Jens Schmidtmann ihn gezielt dazu auf, sich in dieser Sache erneut zu erklären.

Zehn Jahre Präsident des Senats

„Mich hat bei der Bürgerschaftswahl erschrocken, dass so wenige Menschen wählen gegangen sind“, kommentierte dieser daraufhin noch einmal die niedrigste Wahlbeteiligung, die es bis dato je in einem westdeutschen Bundesland gegeben hat. Kaum mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten hatte von ihrem Recht auf freie Wahl Gebrauch gemacht. Damit einhergegangen war das historisch schlechte Abschneiden seiner Partei – die SPD verzeichnete an der Weser ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik. Daraus habe er die Konsequenzen ziehen müssen, wiederholte Böhrnsen den Inhalt seiner offiziellen Rücktrittserklärung vom Tag nach der Wahl, fügte dann aber hinzu: „Das war nicht der einzige Grund.“ In einer Demokratie seien Politiker eben nicht auf Lebenszeit gewählt. „Meine beiden Vorgänger haben genau wie ich zehn Jahre gemacht. Nur Wilhelm Kaisen und Hans Koschnick waren länger im Amt.“ Mit den Worten „ein jegliches hat seine Zeit“ schloss er dieses Kapitel und kam auf sein Leben nach der Politik zu sprechen.

Bis zu einem ersten Abgeordnetenmandat Mitte der 90er-Jahre war er 17 Jahre lang als Richter am Verwaltungsgericht tätig, und so sei er heute „Partner in einer großen Bremer Anwaltskanzlei“. Darüber hinaus engagiere er sich unter anderem für die evangelische Kirche. Im nächsten Jahr werde 500 Jahre Reformation gefeiert, sagte Böhrnsen. Er wolle nun seinen Teil dazu beitragen, dieses Ereignis „in die Seelen und die Herzen der Menschen zurückzubringen“. Ein Anliegen, das bei Seemannspastorin Jutta Bartling – ebenfalls zu Gast bei Schmidtmanns Talkshow – auf viel Zustimmung traf. Im Fortlauf der Veranstaltung plädierte sie eindringlich dafür, kirchliche Feiertage zu achten. Dass Ulrich Mäurer (SPD) in seiner Rolle als „Marktsenator“ die Osterwiese vergangenes Jahr an Karfreitag geöffnet habe, kritisierte sie scharf: „Wenn man die Öffnung haben will, dann muss man das in einem demokratischen Prozess erörtern und die Kirchen einbeziehen. Karfreitag ist der höchste Feiertag, den wir haben.“ Und zu diesem Anlass gedenke man nicht nur dem gekreuzigten Jesus, sondern „auch dem Leid und dem Unrecht, das den Menschen widerfährt.“

Vor diesem ernsten Hintergrund sei „völlig unvorstellbar“, dass es an einem stillen Feiertag laut von der Osterwiese schalle. Das verletze ihre religiösen Gefühle und die aller anderen Christen, die es in Bremen zahlreich gebe. Der Ausspruch von Böhrnsen, ein jegliches habe seine Zeit, gelte auch in diesem Zusammenhang und man dürfe nicht alles dem Interesse am Geldverdienen opfern. Aus Sicht der Arbeitnehmer ergänzte sie ihre Ausführungen dann mit der Zuspitzung: „Der Mensch muss sich auch nicht bis zum Letzten ausbeuten lassen.“

Dieser Vorgang aus dem vergangenen Jahr falle noch in seine Amtszeit, reagierte Böhrnsen als ehemaliger Senatspräsident auf die Vorwürfe gegen Senator Mäurer und bezog Stellung: Dass die Osterwiese an Karfreitag nicht wie sonst üblich geschlossen gewesen sei, sei eine einmalige wetterbedingte Ausnahme gewesen: „Wir hatten in den Tagen davor Sturm, Hagel und Regen, und da haben wir mit Zustimmung der Kirche gesagt, wir öffnen ab 18 Uhr.“ Ansonsten gelte nach wie vor: Wer an Karfreitag alles so haben wolle, wie an einem regulären Werktag, der müsse sich eben für die Abschaffung dieses Feiertags einsetzen. „Dann können sie an diesem Tag normal arbeiten und danach zur Osterwiese gehen.“

Weitere Gäste in Schmidtmanns Talkshow waren diesmal die Hemelinger Stadtteilmanagerin Birgit Benke, die gemeinsam mit Hans Schüler aus Stuhr die Nachtwanderer-Initiative vorstellte, und Michael Schönfelder, der viele Jahre für die Gebühreneinzugsstelle von Radio Bremen tätig war.

Jens Schmidtmanns nächste Senioren-Talkshow ist am Mittwoch, 13. April, um 15.05 Uhr im Weserhaus, Hinter der Mauer 5. Der Eintritt kostet fünf Euro.

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