Ehrendoktorwürde der Jacobs University

Ein Kopf voller Ribosomen

Die Biologin Ada Yonath revolutionierte die Strukturbiologie und wurde dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Nun erhält sie die Ehrendoktorwürde der Jacobs University in Bremen.
06.06.2019, 20:47
Lesedauer: 3 Min
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Ein Kopf voller Ribosomen
Von Patrick Reichelt
Ein Kopf voller Ribosomen

Die Israelin Ada Yonath erhielt 2009 den Nobelpreis für Chemie.

dpa/Lorenzo

Ihre wirren, lockigen Haare sind in ihrer Heimat Israel mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Solche Frisuren heißen dort „Kopf voller Ribosomen“ – in Anlehnung an ihre Forschung. Diesen Freitag wird die Strukturbiologin und Nobelpreisträgerin Ada Yonath mit der Ehrendoktorwürde der Jacobs University in Bremen ausgezeichnet.

„Als das Thema Ehrendoktorwürde aufkam, ist mir Ada Yonath sofort in den Sinn gekommen“, sagt der Chemieprofessor Ulrich Kortz, der stellvertretend für Yonath die Würdigung entgegen nimmt, da diese kurzfristig nicht kommen kann. Kortz kennt die 79-Jährige schon seit fast zehn Jahren und tauscht sich regelmäßig mit ihr aus. „Sie hat maßgeblich zur Strukturaufklärung von Ribosomen beigetragen“, sagt er.

Ribosomen werden auch als die Kraftwerke der Zellen bezeichnet. Sie bestehen aus hunderttausenden Atomen, aufgeteilt in zwei Untereinheiten. Gemeinsam können sie Proteine herstellen, die dann im Körper vielfache Aufgaben übernehmen. Ada Yonath wollte genau wissen, wie diese Prozesse ablaufen – viele Forscher hielten das angesichts der Größe und Dynamik der Ribosomen für aussichtslos.

Doch Yonath ließ nicht locker, in jahrzehntelanger Arbeit entwickelte sie ein spezielles Verfahren für die Kristallisation von Ribosomen und konnte schließlich deren Struktur entschlüsseln. Ihre Forschung trug dazu bei, einen der grundlegenden Prozesse des Lebens besser zu verstehen: die Entstehung von Proteinen. Zusammen mit zwei weiteren Forschern bekam sie dafür 2009 den Nobelpreis für Chemie.

Aufgewachsen ist Yonath in ärmlichen Verhältnissen in Jerusalem. Ihre Eltern waren zionistische Juden, die schon vor der Bildung des israelischen Staates nach Palästina eingewandert waren. Vater und Mutter unterhielten einen kleinen Lebensmittelladen und waren sehr religiös, die Wissenschaft interessierte sie eher weniger. Gefördert wurde sie von ihrer Kindergärtnerin, die den Eltern riet, sie auf eine der besseren Schule einige Kilometer entfernt zu schicken. „Das war um das Jahr 1946, es gab damals viele Spannungen zwischen Arabern und Juden“, sagte Yonath 2014 in einem Interview mit dem wissenschaftlichen Fachmagazin „The Conversation“. Eine Fahrt mit dem Bus zur Schule wäre also zu gefährlich gewesen, die Kindergärtnerin unterrichtet Yonath kurzerhand selbst.

Nachdem Yonaths Vater starb, zog sie mit ihrer Mutter nach Tel Aviv und besuchte dort die High School. „Mit elf Jahren fragte mich meine Mutter, ob ich ihr bei einigen Formularen helfen könne“, erinnert sich Yonath in dem Interview. „Ich war geschockt – eine Schülerin musste ihrer Mutter bei einfachen Prozentrechnungen helfen“, sagte Yonath. Im Rückblick war das für sie ein Schlüsselmoment: Fortan packte sie die Neugier, sie wollte Wissen anhäufen und die Dinge um sie herum erforschen. Nach dem Militärdienst studierte sie ab 1959 an der Hebräischen Universität in Jerusalem, zunächst Chemie im Bachelor und ab 1962 Biochemie im Master. Nach ihrem Abschluss wechselte sie ans Weizmann-Institut für Wissenschaften in der israelischen Großstadt Rehovot, wo sie auch heute noch tätig ist. 1968 promovierte sie mit einer Dissertation zum Thema Röntgenkristallographie. Es folgten unter anderem Stationen an der renommierten Universität in Cambridge und dem Max-Planck-Institut in Hamburg.

Trotz ihrer zahlreichen Preise und Auszeichnungen, sie hat etwa auch die Ehrendoktorwürde der Universitäten in Hamburg und Berlin, ist sie bescheiden geblieben. „Auf Englisch würde man sagen sie ist down-to-earth, also bodenständig und nahbar“, sagt Ulrich Kortz von der Jacobs University. „Sie geht auf die Leute zu und liebt es, in kleinem Kreis mit jungen Studenten zu diskutieren.“

Yonath ist der Erforschung der Ribosomen treu geblieben. Mittlerweile widmet sie sich der Wirkung von Antibiotika. Diese docken oft an den Ribosomen von Bakterien an, blockieren diese und lassen die Bakterien dann absterben. Eine Herausforderung sind die steigenden Antibiotika-Resistenzen, viele Substanzen wirken nicht mehr. Yonath und ihre Forschungskollegen hoffen, dass ihre Forschung dazu beiträgt, eine neue, wirksamere Generation von Antibiotika entwickeln zu können.

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