Harald Beckers Arbeitsplatz ist der Fluss Ein Leben auf dem Wasser

Bremen. Harald Becker ist seit Jahrzehnten auf Deutschlands Flüssen unterwegs. Am Fährtag am Sonntag steuerte er die Fahrradfähre „Pusdorp“ über die Weser.
28.04.2014, 06:00
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Ein Leben auf dem Wasser
Von Kathrin Aldenhoff

Harald Becker ist seit Jahrzehnten auf Deutschlands Flüssen unterwegs. Am Fährtag am Sonntag steuerte er die Fahrradfähre „Pusdorp“ über die Weser.

Seit 53 Jahren ist Harald Becker auf dem Wasser unterwegs. Früher fuhr er bis Hamburg, Stettin oder Basel. Heute fährt er auf der Weser. Eine Hand am Steuerrad, in der anderen einen Zigarillo, schippert der Kapitän mit der „Pusdorp“ zwischen Pier 2, dem Molenturm und dem Lankenauer Höft hin und her. „Ich bin immer an der frischen Luft, da kannste nicht meckern“, sagt der 67-Jährige und nimmt einen Zug von seinem Zigarillo.

Am Fährtag, dem Auftakt der Fährsaison in Bremen, müssen sich Becker und die „Pusdorp“ den Anleger an Pier 2 mit vier anderen Schiffen teilen. Da heißt es schon mal eine Schleife extra drehen, damit die große „Oceana“ vorbeikommt. Halb so wild, auf dem Wasser kennt er sich aus.

Unterwegs auf dem eigenen Schiff

Mit seinen Eltern fuhr Becker 30 Jahre mit dem eigenen Binnenschiff quer durch Deutschland, seit 1992 arbeitet er bei der Reederei „Hal över“. Am Wochenende und feiertags fährt er die „Pusdorp“, die vor allem Fahrradfahrer von Gröpelingen zur Überseestadt, nach Woltmershausen und zurück bringt, an anderen Tagen die Sielwallfähre. Er mag seinen Beruf, auch wenn die Fährstrecken auf der Weser keine großen Überraschungen bereithalten. Die meiste Zeit seines Lebens hat er auf dem Wasser verbracht.

Gerade hat er mit einem wohl kalkulierten Rumms an Pier 2 angelegt, 19 Fahrradfahrer und Spaziergänger hat er nun an Bord, weiter geht’s. „Halt“, ruft ihm ein Kollege über Funk zu, „da kommen noch zwei!“. „In Ordnung“, brummt der Kapitän und wartet noch einige Sekunden, bevor er an seinem großen Steuerrad dreht und den Gashebel nach vorne zieht.

„Das ist sehr gut, das Ding“, meint Becker und nickt anerkennend zum Steuerrad. Über Öldruck funktioniere das ganz leicht. „Ich kann das auch auf geradeaus stellen und mir zwischendurch einen Kaffee kochen“, sagt er und lacht.

In Wahrheit verlässt er sein Kapitänshäuschen natürlich nicht. Zum An- und Ablegen hat er immer einen Matrosen dabei, zu zweit bringen sie bis zu 48 Passagiere über die Weser. Bei schönem Wetter kann das Boot schon voll werden, erzählt Becker. Zum Beispiel im vergangenen Jahr, als die Fähre den ersten Tag auf dieser Strecke fuhr: „Da ging keine Maus mehr an Bord.“

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Über dem Hafen ziehen Drachen Schleifen am Himmel, Möwen kreischen und die Sonnenstrahlen schaffen es immer wieder durch die Wolkendecke. Als Harald Becker am Lankenauer Höft anlegt, schallen ihm Seemannslieder von einer kleinen Bühne entgegen. Eine Gruppe von Radfahren wartet schon.

Beim Molenturm kreuzt die „Oceana“ den Weg der „Pusdorp“. Sie kann bis zu 700 Fahrgäste transportieren und mit 25 Kilometern pro Stunde mehr als doppelt so schnell fahren wie die kleine „Pusdorp“. Wer Vorfahrt hat, ist also klar.

Am Fährtag ist Erwin Paschke Chef an Bord der „Oceana“. Der kleine Mann mit dem kurzärmligen weißen Kapitänshemd und dem weißen Bart fährt seit 31 Jahren auf der Weser, davor war er auf dem Rhein unterwegs. „Irgendwann kommt der Tag, wo man näher zu Hause sein will“, sagt der Bremer. Auch wenn die Weser im Vergleich zum Rhein tot ist, wie er meint. 77 Jahre ist er alt. Aber die Reederei fragt den Rentner immer wieder, ob er noch eine Runde auf der „Oceana“ fahren könne. Es gebe zu wenig Nachwuchskapitäne, sagt Erwin Paschke und zuckt mit den Schultern.

Stadtführung vom Kapitän

Er ist gerne hier. Den Fahrgästen erzählt er über das Bordmikrofon, dass die „Treue“, die an der Schlachte liegt, aus Beton gebaut ist, weil Stahl damals knapp war; Paschke weist auf die grauen Hallen der Atlas-Werke hin, auf denen 1937 die „Oceana“ gebaut wurde, und er erzählt vom neuen Stadtviertel, der Überseestadt. Dann wirft er einen Blick auf seine Armbanduhr, zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Ich sabbel mich hier schon wieder fest und vergesse, dass wir um halb an der Waterfront sein sollen!“ Entschlossen schiebt er den Gashebel nach vorne.

Der Umgang mit den Menschen ist es, was beide Kapitäne an ihrer Arbeit an Bord so lieben. Auch wenn die Tage lang sind: Um halb neun hat Harald Becker angefangen. Er hat sein Schiff erst noch aus dem Hohentorshafen in den Getreidehafen gebracht. Die letzte Überfahrt am Fährtag endet um 18.30 Uhr an Pier 2, Pause gibt es keine. Danach bringt Becker die „Pusdorp“ an den Zollanleger, wo sie über Nacht liegen bleibt, und fährt nach Hause. Mit dem Fahrrad.

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