Internationale Hilfe

Ein Leben für Namibia

Die 94-jährige Edith Schütt ist seit 32 Jahren im Verein „Praktische Solidarität International“ ehrenamtlich aktiv
20.02.2018, 16:25
Lesedauer: 3 Min
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Von Isabel d'Hone

Mit 73 Jahren machte Edith Schütt ihre erste Reise. Ohne viel Englisch zu können, flog sie 1996 nach Namibia, um dort ein Jahr lang Hilfsgüter des Vereins „Praktische Solidarität International“ zu verteilen. „Ich wusste nicht, was mich erwartet“, erinnert sich die 94-Jährige. „Weil wir sehr arm waren, konnte ich vorher nie in den Urlaub fahren und plötzlich saß ich im Flugzeug auf dem Weg auf einen anderen Erdteil.“ Zehn Jahre zuvor hatte sie nach dem Tod ihres Mannes den Führerschein gemacht und sich ein Auto mit Anhänger gekauft. Damit fuhr sie durch Bremen und sammelte für den im September 1985 gegründeten Verein Hilfsgüter – beispielsweise Mode der letzten Saison, Arztkittel und Bettwäsche.

Ihr Sohn Harald Schütt war als Solidaritätsarbeiter im südlichen Afrika gewesen und hatte dort die unmenschliche Durchsetzung der Apartheitsgesetze kennengelernt. Als er nach Bremen zurückkam, wollte er sich um Namibia kümmern, das von Südafrika unterdrückt und ausgebeutet wurde. Er gründete den Verein „Entwicklungshilfe von Volk zu Volk“, der heute „Praktische Solidarität International“ heißt. „In Namibia herrschte zu der Zeit absolute Not“, sagt die erste Vorsitzende. „Wir machten mit Infoständen auf die Notlage der Menschen aufmerksam und sammelten Hilfsgüter.“ Viele Menschen spendeten daraufhin. Im November 1989 fanden die ersten freien Wahlen in Namibia statt, doch das Land braucht auch heute noch viel Unterstützung. Eines der Hauptprobleme ist, dass sich die Wüste immer weiter ausbreitet.

Gemeinsam mit ihrer Tochter schrieb Schütt ein Buch, dass mit vielen Illustrationen auf das Waldsterben aufmerksam machen soll. 100 dieser Bücher überreichte Schütt 2005 Nangolo Mbumba, dem damaligen Bildungsminister von Namibia. „Das war ein unvergessliches Erlebnis für mich“, sagt sie. „Als ich ihm die Bücher gab, war er sehr ergriffen.“ Mbumba war wegen politischer Verfolgung 24 Jahre im Exil. Er erzählte ihr, dass er nach seiner Rückkehr kaum den Weg in sein Dorf gefunden habe, weil fast alle Bäume, an denen er sich orientieren konnte, abgeholzt waren. Ringsum gab es nur noch Sand und Steine.

Aus diesem Grund ist Schütt besonders stolz darüber, dass ihr neuestes Projekt im Norden Namibias erfolgreich ist: es ist ihr gelungen, aus Sand fruchtbaren Boden zu machen. Dies funktioniert mithilfe von effektiven Mikroorganismen (EM), die Böden wieder lebendig und fruchtbar machen können. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Photosynthesebakterien, Milchsäurebakterien, Pilze und Hefen. „Als meine Tochter mir 2010 davon erzählte, konnte ich es nicht glauben“, sagt sie. „Deshalb habe ich es erstmal im Garten getestet.“ In eine Kiste mit sterilem Sand gab sie die Mixtur und legte eine Plane darüber. Nach zwei Wochen entfernte sie die Plane und säte Gras. Nach kurzer Zeit war der Kasten voll von dichtem grünem Gras. „Ich war so verblüfft. Das machen wir jetzt in Namibia, habe ich beschlossen. Seitdem bin ich davon besessen.“ Ihr Traum helfe ihr auch, sich von ihrem gebrochenen Bein zu erholen. Davon lebe sie und nehme ihr Kräfte, um wieder laufen zu lernen.

Ihre Hoffnung ist, dass die Menschen durch die EM-Technologie ihr Essen wieder selber anbauen und einen Teil davon verkaufen können. Außerdem würde es weniger Dürren geben, wenn es mehr Grünflächen und dadurch mehr Regen gibt. Als das Projekt 2013 in der Kavango-Region startete, nahmen sie 16 Hofstellen, die alle von alleinerziehenden Frauen bewirtschaftet wurden, in das Projekt auf. Schon nach der ersten Vegetationsperiode hatten sie bessere Ernteerträge und konnten zum ersten Mal Geld verdienen, obwohl es in diesem Jahr die schlimmste Dürre seit 30 Jahren gab. Durch den Gemüseanbau können sich die Menschen gegenseitig unterstützen und es entsteht ein gesellschaftlicher Zusammenhalt. „Es macht mich sehr glücklich, dass ich die Idee hatte“, sagt Schütt. „Ich konnte dort eine ganze Bewegung in Gang bringen. Es ist das erste Projekt, das ich ganz alleine angefangen habe.“ Mittlerweile gibt es 57 Hofstellen mit 618 Bewohnern, die dabei sind, die landwirtschaftliche Arbeit umzustellen und sich selbst zu versorgen. Eine der Frauen konnte 2017 sogar drei Mal anbauen und hat 100 Kilogramm Kohl geerntet – aus ehemaligem Wüstensand.

Neben dem Bodenverbesserungsprogramm freut Schütt sich auch über die Einweihung einer Vorschule und plant ein Traditionsfest für Ende 2018. Bei dem Fest soll es darum gehen, sich an die alten Traditionen zurück zu erinnern. Was trugen die Menschen früher für Kleidung? „Heute tragen sie nur noch abgelegte Second-Hand-Kleidung. Niemand trägt mehr traditionelle Kleidung“, sagt sie. „Mein Wunsch ist, dass ich dann wieder nach Namibia fliegen kann, wenn meine Gesundheit es zulässt.“ Für das Bodenverbesserungsprojekt benötigt der Verein mit den 20 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern Spenden. Für die Bewirtschaftung eines Hofes brauchen die Menschen in Kavango einen Liter EM, der 28 Euro kostet. Um die 57 Höfe ein Jahr führen zu können, benötigt der Verein also 1596 Euro.

Spendenkonto:

PSI Praktische Solidarität International e.V.

Kontonummer: DE13 2905 0101 0016 0831 80

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