Rotkreuz-Schwester Irmgard geht nach 48 Dienstjahren in den Ruhestand Ein Leben im Krankenhaus

Neustadt. „Verraten Sie dem Fotografen bloß nicht, wo wir sitzen!“, ruft Irmgard Washausen ihrer Kollegin mit einem Zwinkern zu, bevor sie das Büro verlässt. Die Presse ist da, und die lebenslustige Rotkreuz-Schwester ist nicht besonders erpicht darauf, als Fotomodell herzuhalten.
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Von Karin Mörtel

„Verraten Sie dem Fotografen bloß nicht, wo wir sitzen!“, ruft Irmgard Washausen ihrer Kollegin mit einem Zwinkern zu, bevor sie das Büro verlässt. Die Presse ist da, und die lebenslustige Rotkreuz-Schwester ist nicht besonders erpicht darauf, als Fotomodell herzuhalten. Im Rampenlicht zu stehen ist nicht so ihre Sache. Dabei hat sie viel zu erzählen und es gibt kaum einen der 624 Mitarbeiter am Rotes Kreuz Krankenhaus (RKK) in der Neustadt, der Schwester Irmgard nicht kennt: Als junges Mädchen hat Washausen zum ersten Mal das RKK an der Weser betreten und ihre Arbeit als Schwestern-Schülerin aufgenommen – am Freitag verlässt sie die Klinik nach 48 Dienstjahren als Rentnerin.

In der Zwischenzeit hat sie unzählige Ärzte und etliche Chefärzte kommen und wieder gehen gesehen, drei Pflegedienstleiterinnen und fünf Oberinnen der Schwesternschaft haben sich die Klinke in die Hand gegeben – Schwester Irmgard blieb. „Als junge Frau hätte ich nie gedacht, dass ich so lange an einem Ort bleiben würde“, gesteht die heute 65-Jährige. Doch es habe sich ständig um sie herum so viel an ihrem Arbeitsplatz verändert, „da musste ich gar nicht gehen, damit es nicht langweilig wird“, sagt sie mit einem Lächeln.

Bereits nach der sechsten Klasse stand für sie fest, dass sie Krankenschwester werden will. „Woher dieser Berufswunsch kam, weiß ich nicht mehr, ich wollte einfach Menschen stützen, denen es nicht gut geht“, sagt sie heute. Dass sie dafür schon vor ihrem 18. Geburtstag von ihrem Elternhaus ins damalige Schülerinnenheim neben das Krankenhaus ziehen musste, fiel ihr leicht: „Als Einzelkind war es für mich ein großes Erlebnis, so viele junge Menschen um mich zu haben“, erzählt Washausen, die zuvor als Flüchtlingskind ihrer schlesischen Mutter in der Neuen Vahr aufgewachsen ist.

Auch die strengen Regeln in der Unterkunft haben sie nicht gestört: Selbst „Männerbesuche“ des Vaters wurden überwacht, arbeiten von früh bis spät gehörte zum Alltag und Ausgehzeiten gab es nur in Ausnahmefällen. „Wir haben schon Wege aus dem Haus gefunden und haben uns dann gegenseitig gedeckt, wenn wir Unfug angestellt haben“, berichtet sie vom Zusammenhalt der Schwesternschülerinnen. Zu einer Zeit, als junge Menschen erst mit 21 Jahren als Volljährig galten, sei die strenge Überwachung völlig normal gewesen. „Heute ist so etwas natürlich undenkbar, doch damals gehörte das einfach dazu.“

Nach drei Jahren Ausbildung mit anschließendem Staatsexamen hat sie einige Jahre in der Pflege gearbeitet – in dicke graue Strumpfhosen, einen züchtigen Rock und weiße Haube gekleidet. Chirurgie und Innere Medizin waren ihre Stationen. Im Operationssaal war das Blut dann einmal aber doch etwas zuviel und sie ist in Ohnmacht gefallen. „Wenn man ehrlich ist, passiert das fast jedem einmal“, sagt sie rückblickend und wischt das Erlebnis mit einer lässigen Handbewegung fort. Mit dem Leid, das sie täglich zu Gesicht bekommt, versucht sie professionell umzugehen – „trotzdem berühren mich manche Dinge auch heute nach all den Jahren noch und das ist gut so“, findet Washausen. Denn der enge Draht zu den Patienten ist ihr wichtig.

In einem Krankenbett des RKK findet sie auch ihre große Liebe: Der Mann, der darin liegt, führt sie später vor den Traualtar. Wen wundert es da noch, dass auch das erste, was der gemeinsame Sohn Ende der 1970er-Jahre in seinem Leben erblickt, die gynäkologische Abteilung des Krankenhauses ist.

Wenn Schwester Irmgard heute durch die Flure geht, gleicht fast nichts mehr ihrem damaligen Arbeitsplatz. Viele der technischen Geräte sind neu und sie hat auch noch den Altbau erlebt, der vor seinem Abriss dort stand, wo sich heute der Parkplatz befindet. „Der Umzug mit den Patienten, Akten und allem Pipapo war ein ganz schöner Kraftakt, bei dem uns sogar die Bundeswehr helfen musste“, erinnert sie sich an frühere Tage. Und an das wochenlange Wummern der großen Ramme an der Piepe, die das Fundament für den Neubau vorbereiten sollte.

Dass sie trotz Kind ihren Beruf nicht aufgeben wollte, war damals ungewöhnlich. Ihre Anfrage nach einer halben Stelle stieß nicht nur auf Gegenliebe in der Chefetage. Die Lösung hieß zunächst Nachtarbeit, bis sie dann halbtags als Unterstützung der Pflegerischen Leitung eingesetzt wurde. Buchhaltung statt Blutdruckmessen. „Da haben mir erst einmal ganz stark die Patienten gefehlt.“ Doch Stück für Stück hat sie sich die Kontakte zurückerobert. Und kümmert sich auch um skurrile Fälle wie verschwundene Zahnprothesen, die in der Hektik einer Notoperation schon einmal passieren können.

Darüber hinaus begleitet sie Generationen von Zivildienstleistenden und jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Praktikum oder den Bundesfreiwilligendienst am RKK absolvieren. Manche kommen als Ärzte wieder, andere schicken Babyfotos. „Die Aufgabe ist schön, weil die meisten ganz verändert und reifer von hier weggehen“, hat sie beobachtet. Hunderte müssen es im Laufe der Jahre gewesen sein und nicht selten passiert es ihr am Bahnhof oder in der Fußgängerzone, dass jemand laut ruft: „Schwester Irmgard – Sie gibt es ja auch noch!“ Schön ist das, und ein bisschen peinlich zugleich, wenn dann viele Augen sich auf sie richten, sagt sie. Zu viel Aufmerksamkeit für die Schwester, die für so viele Menschen ein offenes Ohr hat und immer viel Herzblut in ihre Arbeit steckt. Das bescheinigen ihr zumindest ihre Mitschwestern.

Nur das frühe Aufstehen, das war immer ein Graus für sie. Darum freut sich Irmgard Washausen darauf, ab morgen endlich ausschlafen zu können. Und dennoch: „Ich hätte bis zu meinem letzten Arbeitstag mit keinem anderen Beruf tauschen wollen.“

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