Schwester Irmgard Washausen nach 48 Dienstjahren pensioniert Ein Leben im Krankenhaus

Neustadt·Vahr. „Verraten Sie dem Fotografen bloß nicht, wo wir sitzen!“, ruft Irmgard Washausen ihrer Kollegin mit einem Zwinkern zu. Im Rampenlicht zu stehen, ist nicht so ihre Sache.
28.12.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Karin Mörtel

„Verraten Sie dem Fotografen bloß nicht, wo wir sitzen!“, ruft Irmgard Washausen ihrer Kollegin mit einem Zwinkern zu. Im Rampenlicht zu stehen, ist nicht so ihre Sache. Dabei hat sie viel zu erzählen, und es gibt kaum einen der 624 Beschäftigten am Rotes Kreuz Krankenhaus (RKK) in der Neustadt, der oder die Schwester Irmgard nicht kennt: Als Schwestern-Schülerin hat sie ihre Arbeit im RKK aufgenommen – und nach 48 Dienstjahren hat sie die Klinik als Rentnerin verlassen.

In der Zwischenzeit hat sie ungezählte Ärzte und etliche Chefärzte kommen und wieder gehen gesehen, drei Pflegedienstleiterinnen und fünf Oberinnen der Schwesternschaft. „Als junge Frau hätte ich nie gedacht, dass ich so lange an einem Ort bleiben würde“, gesteht die heute 65-Jährige. Doch es habe sich ständig um sie herum so viel an ihrem Arbeitsplatz verändert, „da musste ich gar nicht gehen, damit es nicht langweilig wird“, sagt sie mit einem Lächeln.

Nach drei Jahren Ausbildung mit anschließendem Staatsexamen hat sie einige Jahre in der Pflege gearbeitet – in dicken grauen Strumpfhosen, züchtigem Rock und weißer Haube. Chirurgie und Innere Medizin waren ihre Stationen. Im Operationssaal war das Blut dann einmal aber doch zu viel, und sie ist in Ohnmacht gefallen. „Wenn man ehrlich ist, passiert das fast jedem einmal.“. Mit dem Leid, das sie zu Gesicht bekam, versuchte sie professionell umzugehen – „trotzdem berühren mich manche Dinge auch heute nach all den Jahren noch, und das ist gut so.“ In einem Krankenbett des RKK hat sie auch ihre große Liebe gefunden: Der Mann, der darin lag, wurde ihr Ehemann. Und der gemeinsame Sohn ist in der gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses zur Welt gekommen.

Heute gleicht fast nichts mehr ihrem damaligen Arbeitsplatz. Viele der technischen Geräte sind neu. Und der Altbau stand dort, wo sich heute der Parkplatz befindet. „Der Umzug mit den Patienten, Akten und allem Pipapo war ein ganz schöner Kraftakt, bei dem uns sogar die Bundeswehr helfen musste.“

Dass sie trotz Kind ihren Beruf nicht aufgeben wollte, war damals ungewöhnlich. Ihre Anfrage nach einer halben Stelle stieß nicht nur auf Gegenliebe in der Chefetage. Die Lösung hieß zunächst Nachtarbeit, bis sie dann halbtags als Unterstützung der Pflegerischen Leitung eingesetzt wurde. Buchhaltung statt Blutdruckmessen. „Da haben mir erst einmal ganz stark die Patienten gefehlt.“ Stück für Stück hat sie sich die Kontakte zurückerobert. Darüber hinaus begleitete sie Generationen von Zivildienstleistenden und jungen Leuten, die ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Praktikum oder den Bundesfreiwilligendienst absolvierten.

Nur das frühe Aufstehen war ihr immer ein Graus. Darum freut sich Irmgard Washausen darauf, endlich ausschlafen zu können. Und dennoch: „Ich hätte bis zu meinem letzten Arbeitstag mit keinem anderen Beruf tauschen wollen.“

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