Nils Aschenbeck stellt sein Buch über den Bremer Buchhändler-Spross Leuwer vor

Ein Leben in vielen Rollen

Manche Lebensläufe bieten Stoff für ein halbes Dutzend Biografien. Frank Lynder, Sohn einer Bremer Buchhändler-Familie, schlüpfte in eine Vielzahl von Rollen: Er war Buchhändler, Comic-Schreiber, Auslandskorrespondent, Geheimdienstagent, Schwager des Presse-Tycoons Axel Springer – und nebenher noch Familienvater und rastloser Galan. Nils Aschenbeck hat dieses Leben aufgezeichnet. Am Dienstag stellt er sein Buch in Bremen vor.
14.04.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert

Manche Lebensläufe bieten Stoff für ein halbes Dutzend Biografien. Frank Lynder, Sohn einer Bremer Buchhändler-Familie, schlüpfte in eine Vielzahl von Rollen: Er war Buchhändler, Comic-Schreiber, Auslandskorrespondent, Geheimdienstagent, Schwager des Presse-Tycoons Axel Springer – und nebenher noch Familienvater und rastloser Galan. Nils Aschenbeck hat dieses Leben aufgezeichnet. Am Dienstag stellt er sein Buch in Bremen vor.

Bahnhofsvorstadt. Schon 2004 ist der Autor und Kunsthistoriker Nils Aschenbeck auf die Figur des Frank Lynder alias Franz Josef Leuwer gestoßen. Damals schrieb er für die Buchhandlung Leuwer am Wall eine Firmen-Chronik. Später sollte ihm eine Lebensgefährtin aus Lynders Berliner Zeit ein unvollendetes biografisches Manuskript in die Hand drücken.

Endgültig elektrisiert wurde Aschenbeck durch einen Bericht im Magazin "Der Spiegel", nach dem der umtriebige Sohn angesehener Bremer Buchhändler während des Eichmann-Prozesses 1961 in Jerusalem Akten aus dem Zimmer eines DDR-Anwalts stahl.

Aschenbeck recherchierte und fügte die verschiedenen Bruchstücke eines intensiven Lebens zu einem Puzzle zusammen, das zwischen Dokumentation und Fiktion pendelt. Am Dienstag, 16. April, wird er es um 19.30 Uhr in der Reihe "Autoren in der Residenz" in der DKV-Residenz, Am Wandrahm 40, vorstellen. Beruta Adolf von der Georg-Büchner-Buchhandlung aus dem Steintor hat den Autor aus Bad Kissingen für die Lesung gewonnen.

1938 Flucht nach London

Der 1916 geborene Sohn des Buchhändlers Franz Hendrik Hubert Leuwer sollte eigentlich das Geschäft später übernehmen. Doch als Halbjude und von den Nazis bedroht, hatte er keine Zukunft in Bremen. 1938 floh er nach London. Dort heuerte ihn der britische Geheimdienst an, und im Sommer 1940 kämpfte er in Frankreich gegen die Deutschen. Später wurde Lynder Journalist, schrieb Romane und arbeitete für die britische Nachrichtenagentur Reuters, für die er aus dem Nachkriegsdeutschland berichtete.

Lynder fuhr durch das bombenzerstörte Bremen, kletterte über die Trümmer der Buch- und Kunsthandlung Leuwer in der Obernstraße, blickte auf das Kaufhaus Karstadt, das nur noch eine leere Hülle war. Lynder kam aus dem Ausland, fast schon als Besatzer in der eigenen Heimat, in der Zeit nach dem Holocaust. "Ich habe mit dir geschlafen, um es wiedergutzumachen", lässt Aschenbeck eine Hilde sagen, die so ein seltsames Verständnis von Schuldverarbeitung offenbart.

Lynder begegnete dem Verleger Axel Cäsar Springer, arbeitete für das Hamburger Abendblatt und die Bild-Zeitung, heiratete schließlich Springers Schwester Inge. Seine erste Frau Beryl Leuwer war da schon vergessen. Als rechte Hand des Pressezaren erledigte er allerhand publizistische Jobs, entwickelte sich aber auch zum Mann fürs Grobe, etwa als er die Verbrechen der Baader-Meinhof-Bande in den 1970er-Jahren gegen die Sozialdemokraten instrumentalisierte.

Aschenbecks fiktionale Dokumentation ist hier sehr fragmentarisch. Die Gründe für die Wut der Linken auf den Springer-Konzern bleiben unerwähnt. Kein Wort über die journalistische Hetze der Bild-Zeitung gegen die kritische Jugend, kein Hinweis auf das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke durch den passionierten Bild-Zeitungsleser Bachmann.

Nils Aschenbeck, der an der Universität Vechta Architektur- und Design-Theorie lehrt, bestätigt die lückenhafte Darstellung dieser Zeit. Er rechtfertigt sie aber mit der Anlage seines Romans: Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Josef Leuwer alias Frank Lynder, und der sei nun mal ein entschiedener Bewunderer des Verlegers gewesen. Zudem, sagt Aschenbeck, hätten ihn die Lynder-Töchter in London und Kopenhagen umfangreiches privates Material zur Verfügung gestellt, vom Führerschein bis zum Testament, und so der Perspektive eine bestimmte Richtung gegeben.

Auf diese Weise ist ein 290-seitiges Buch über ein knappes halbes Jahrhundert deutscher Geschichte entstanden, "mehr Roman als Geschichtsbuch, aber eng an den Fakten orientiert", wie Aschenbeck es formuliert. Mit einem umfangreichen Bildteil, der die schillernde Figur des Frank Lynder den Lesern auch optisch näherbringt. Wobei manche Ereignisse trotz belletristischer Verarbeitung im Nebel bleiben. Beschränkte sich sein Job als Mann fürs Grobe allein auf Propaganda – oder hatte er gar Blut an seinen Händen?

Nils Aschenbeck: "Agent wider Willen. Frank Lynder, Axel Springer und die Eichmann-Akten", Marixverlag 2012, Aschenbeck liest am Dienstag, 16.April, um 19.30 Uhr in der DKV-Residenz, Am Wandrahm 40-43, aus seinem Buch und beantwortet Fragen. Näheres unter 32290. Der Eintritt für Gäste beträgt drei Euro.

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