IG Metall kämpft auch in Lemwerder und Berne um gleichen Lohn für gleiche Arbeit auf den Werften 'Ein Leiharbeiter wird bestellt wie Material'

Von Georg Jauken
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Von Georg Jauken

Lemwerder·Berne. Seit fast sechs Monaten läuft die bundesweite Kampagne 'Gleiche Arbeit - Gleiches Geld' der IG Metall. Wie weit der Weg zu diesem Ziel ist, zeigt unter anderem die jüngste Aktion der IG Metall Wesermarsch in Lemwerder. Gewerkschaftssekretär Jochen Luitjens hatte zusammen mit Betriebsräten vor den Werft-Toren von Abeking & Rasmussen sowie Lürssen Sprechstunden abgehalten. Interessierte Leiharbeiter konnten sich über Tarifverträge für Leih- und Zeitarbeiter sowie die neueste Rechtsprechung informieren.

Das Interesse sei groß gewesen, berichtet Luitjens, aber auch der Frust. 'Ein Leiharbeiter wird bestellt wie Material.' Viele von ihnen wüssten außerdem von den großen Unterschieden zwischen dem, was die Werften an die Leiharbeitsunternehmen zahlen, und dem, was davon bei ihnen ankommt. 'Die Verleiher bekommen zwischen 26,80 Euro und 35 Euro. Bei den Mitarbeitern kommen nur noch 10,16 Euro an.' Doch die sind nicht garantiert. Ein solcher Stundenlohn entspreche der Lohngruppe vier des Tarifvertrages, den die DGB-Gewerkschaften mit der Leiharbeitsbranche abgeschlossen hat. 'Das ist der Mindeststandard. Es gibt noch wesentlich schlechtere Tarifverträge', weiß Luitjens.

Was die Leiharbeitsfirmen ihren Beschäftigten zahlen, hängt davon ab, welchem Branchenverband sie angehören und ob sie überhaupt einem Verband angehören. Darum versuchen IG Metall und die Betriebsräte über die Entleihfirmen Druck zu entwickeln, um die Situation für die Leiharbeiter zu verbessern. Sie setzen darauf, dass kaum ein Unternehmen den Schaden fürs Image riskieren will, der durch Bekanntwerden unlauterer Methoden entstehen könnte.

Es bleiben erhebliche Unterschiede

Dass so etwas geht, zeigen die Motzener Fassmer-Werft sowie Abeking & Rasmussen, wo allein knapp 100 Leiharbeiter beschäftigt werden. Sie erhalten den branchenübliche Tariflohn von 10,80 Euro je Stunde. Die gleiche Zeitarbeitsfirma schicke aber auch Leute zu Lürssen - für weniger Geld. 'Da haben wir leider keine Vereinbarung', bedauert Luitjens. Wenn Lürssen die Verleihunternehmen nicht zwinge, ihren Beschäftigten Tariflöhne zu zahlen, 'dann machen die das nicht'. Immerhin: Die Gespräche über eine Verbesserung für die rund 230 Leiharbeiter bei Lürssen seien angelaufen.

Doch auch wo es der IG Metall gelingt, die Mindeststandards per Betriebsvereinbarung, durchzusetzen, bleiben die Einkommensunterschiede erheblich. Wo ein fest angestellter Schiffbauer 2700 Euro brutto verdient, wird ein Leiharbeiter, der häufig genug über Jahre die gleiche Arbeiten verrichtet, mit rund einem Drittel weniger nach Hause geschickt. Dem Ziel gleicher Lohn für gleiche Arbeit erheblich näher kommt daher eine Regelung, wie sie bei den Flugzeugbauern Airbus und Premium Aerotec getroffen wurde. Ab dem vierten Monat bekommen Leiharbeiter dort genauso viel Geld wie die Stamm-Kollegen. Für die Stahlkocher im Nordwesten konnte die IG Metall Anfang des Monats sogar einen Tarifvertrag durchsetzen, nach dem die Leiharbeitnehmer vom Januar 2011 an ab dem ersten Arbeitstag genauso bezahlt werden wie ihre festangestellten Kollegen.

So weit ist die Metall- und Elektrobranche noch nicht. Die Aktionen in Lemwerder waren dennoch nicht umsonst. So hat Luitjens erfahren, dass selbst die Verantwortlichen in den Betrieben vielfach gar nicht wussten, wie wenig Lohn bei ihren Leiharbeitern ankommt, und er hat beobachtet, dass manche Verleiher durch die Aktion 'aufgeschreckt' wurden. 'Die fragen sich, was passiert da, und geraten ein bisschen unter Druck.'

Außerdem wurden weitere Daten gesammelt für das von der Gewerkschaft geplante 'Schwarz-Weiß-Buch'. Unternehmen, die sich nicht an gesetzliche Vorgaben halten, die Dumpinglöhne anbieten oder ihre Mitarbeiter falsch eingruppieren, um Kosten zu sparen, sollen als 'schwarze Schafe' benannt werden. Die Leiharbeiter, die meist keine andere Wahl hätten, als dort nach einem Job zu suchen, sollen wissen, was sie bei welcher Zeitarbeitsfirma erwartet.

Auch Luitjens ist klar, dass Leiharbeiter in bestimmten Betrieben gebraucht werden, um Auftragsspitzen abzuarbeiten, und dass die Leiharbeitsbranche nicht ausschließlich aus 'schwarzen Schafen' besteht. So gebe es Verleihunternehmen, die ihren Mitarbeitern 15 Euro pro Stunde zahlen, ohne dass sie selbst mehr erhalten als die Konkurrenz. Andere würden den entsandten Mitarbeitern Reisekosten und Spesen bezahlen. 'Doch das ist die Ausnahme.' Wer die Wahl bekomme, zur Stammbelegschaft zu wechseln, solle daher genau nachrechnen, ob die Festanstellung nicht auf Dauer günstiger sei, rät der Gewerkschafter. Dieser 'Klebeeffekt' stellt sich Luitjens zufolge allerdings nur selten ein. Ein Kollege, mit dem Luitjens am Stand vor der Lürssen-Werft sprach, hatte einen solchen Festvertrag erhalten - nach zehn Jahren als Leiharbeiter.

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