Ausstellung von Jochen Stoss

Ein Löwe im Rathaus

Das Bremer Staatsarchiv zeigt Aufnahmen des Pressefotografen Jochen Stoss aus einem halben Jahrhundert. Darauf zu sehen: große Ereignisse und skurrile Momente.
20.06.2017, 20:42
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Ein Löwe im Rathaus
Von Antje Stürmann

Jochen Stoss drückt auf den Auslöser. Es ist der Moment, in dem Bürgermeisterin Annemarie Mevissen zurückschreckt und die Contenance verliert. Ein Zirkuslöwe hat seine Pranken vor ihr auf den Tisch gesetzt. „Solche Momente sind nicht wiederholbar, da muss man schnell sein“, sagt der ehemalige Zeitungsfotograf. 45 Jahre hat Stoss für den WESER-KURIER wichtige Ereignisse und das Leben der Bremer dokumentiert. Chefredakteur Moritz Döbler, Bürgerschaftspräsident Christian Weber und der Leiter des Staatsarchivs haben am Dienstag im Festsaal der Bürgerschaft die Ausstellung „Jochen Stoss - Pressefotografie 1958-2011“ eröffnet.

Zu sehen sind 80 ausgewählte Schwarzweiß- und Farbfotografien, die das Bremer Leben im Wandel der Zeit und in all seiner Intensität zeigen: die „Lila Eule“ noch als Jazz-Schuppen, Michail Gorbatschow in der Bürgerschaft und Miroslav Klose beim Torjubel. Kinder, die im Schnoorviertel zwischen Trümmern spielen, Tina Turner auf der Bühne. Als besonders empfindet Stoss nicht, dass er es war, der all diese Momente festgehalten hat. „Ich habe meine Arbeit gemacht: Termin erfassen, umsetzen, weiter“, sagt er vor der Ausstellungseröffnung. „Herumhantieren, das war nicht so meins.“

Viele seiner 750.000 Fotos sind so entstanden. Stoss betont den Unterschied zwischen Zeitungsfotografie und Kunstfotografie: „Wir Zeitungsfotografen müssen auf den Punkt da sein.“ Künstler dagegen ließen sich Zeit und komponierten. Viele Versuche, um das Motiv in Szene zu setzen, habe er nie gebraucht. „Fünf Fotos, drei waren druckbar“, brachte es der Leiter der Fotowerkstatt im Staatsarchiv, Joachim Koetzle, auf den Punkt.

Material sparen, denn das war damals teuer. Doch Stoss hat auch den „Blick“ fürs Motiv. „Mit diesem Blick kann man alles machen“, sagt er. Auch ohne teure Kamera. Wichtig sei auch eine gute handwerkliche Ausbildung. Die genoss Stoss im Druckhaus des Schünemann-Verlags. Während seiner Ausbildung zum Reproduktions- und Industriefotografen lernte er alles Nötige. Sein erstes Foto, erinnert sich der 74-Jährige, habe er mit 16 Jahren an den WESER-KURIER verkauft.

1967 bis 2011 arbeitete Stoss dann auch als Pressefotograf für den WESER-KURIER. In den gut fünf Jahrzehnten dokumentierte er für die Lokalredaktion Bremen, aber auch für die Redaktionen im Umland das Zeitgeschehen „eindrucksvoll und kunstvoll“, wie Christian Weber anlässlich der Ausstellungseröffnung sagte.

Stoss ist anderes wichtig: „Ich habe bei meiner Arbeit viele Leute kennengelernt. Dafür bin ich sehr dankbar“. Mit dem einen oder anderen - egal, ob aus Politik oder Fußball - verbindet ihn Freundschaft. Besonders gern erinnert er sich an die Zeit mit dem SV Werder Bremen. „Ich habe Werder von der ersten Meisterschaft 1965 an begleitet, bis zum Pokalfinale 2004“.

Vor zwei Jahren hat Jochen Stoss sein privates Archiv dem Staatsarchiv übergeben. Für das Staatsarchiv ein Glücksfall – zumal es seit über drei Jahrzehnten keinen eigenen Fotografen mehr beschäftigt. Archivleiter Konrad Elmshäuser: „Es ist der erste umfangreiche, geschlossene Nachlass, den ein Fotograf der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.“ Jochen Stoss habe 50 Jahre an der kollektiven Erinnerungsbildung mitgewirkt. „Bei gewissen Bildern macht es ,klick' und man erinnert sich an das Ereignis.“

Die Schau im Haus der Bürgerschaft hat Stoss mit Unterstützung der Hollweg-Stiftung vorbereitet. Zur Eröffnung gratulierten viele Weggefährten, Kollegen und Freunde – auch Henning Scherf. Christian Weber erinnerte an den Besuch der Queen, die Straßenbahnproteste und das Gladbecker Geiseldrama, die Stoss dokumentierte, lobte die „stoische Authentizität“ der Aufnahmen und ihre Qualität. Moritz Döbler, Chefredakteur des WESER-KURIER, sagte: Es sei eine Kunst, den richtigen Moment einzufangen. Jochen Stoss sei dazu fähig.

Die Schau ist bis zum 10. August montags bis freitags, 10 bis 17 Uhr, geöffnet. Den Bildband zur Ausstellung gibt es für 19,50 Euro in den Verkaufsstellen des WESER-KURIER.
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