Kommentar zum Wirken von Christian Weber

Ein Mann mit Haltung

Die Haltung, die Christian Weber verkörperte, verschwindet nicht. Seine Nachfolger werden ihren Platz in der Politik finden, weil sie gebraucht werden, schreibt WESER-KURIER-Chefredakteur Moritz Döbler.
12.02.2019, 21:53
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Ein Mann mit Haltung
Von Moritz Döbler
Ein Mann mit Haltung

Christian Weber wird Bremen fehlen.

Carmen Jaspersen/dpa

Er hatte sich so sehr gewünscht, noch einmal in dieses Amt gewählt zu werden. Es war am Ende wie maßgeschneidert für ihn, hier hatte er in seinen späten Jahren seine Berufung gefunden. Früher stand er durchaus für Konfrontation, für Provokation und das Taktische in der Politik. Doch als Präsident der Bürgerschaft, als höchster politischer Repräsentant der Freien Hansestadt Bremen, reifte er im Laufe von fast 20 Jahren zum Staatsmann und Landesvater, weil diese Rolle vakant war.

Er wurde zum Mann des Ausgleichs, der langen Linien und der Gelassenheit. Mit Sorge hat er auf seine geliebte SPD geblickt, die ihm zuletzt verkopft und wenig bodenständig vorkam. Dass sie, die älteste Partei Deutschlands, sich in den vergangenen Jahren ständig selbst in Krisensituationen brachte, tat ihm weh. Der Anspruch, eine Volkspartei zu sein, war für ihn keine demoskopische, sondern eine programmatische Frage. Er wünschte sich mehr Vernunft.

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Die SPD hat einige solcher Männer hervorgebracht, die im Alter populärer wurden, als sie in jüngeren Jahren je hätten sein können. Helmut Schmidt wirkte als Bundeskanzler nicht so überzeugend wie der spätere Kommentator, der zwischen zwei eleganten Sätzen über den Zustand der Welt an einer Mentholzigarette zog. In Bremen fiel Hans Koschnick in diese Kategorie und eben Christian Weber, auch wenn dessen Bühne viel kleiner blieb. Aber Vernunft und politische Leidenschaft, Disziplin und Lebenslust, Distanz und Nahbarkeit, Verzicht und Genuss, diese Gegensätze einen solche Persönlichkeiten.

Manchmal scheint es, als ob dieser Typus der Vergangenheit angehört. Aber bei vielen Menschen – bei den Wählern – herrscht so brennende Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Gradlinigkeit, dass die Nachfrage das regeln wird. Die Haltung, die Christian Weber verkörperte, verschwindet nicht. Vielleicht werden seine Nachfolger im Geiste nicht auf eine ordentlich gebundene Krawatte Wert legen, aber sie werden ihren Platz in der Politik finden, weil sie gebraucht werden.

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Zu wünschen wäre, dass diese liberale, demokratische Haltung, in der Anstand und Verantwortung die wesentlichen Kategorien sind, schon am Anfang politischer Karrieren steht und nicht erst an deren Ende. Denn die Rehabilitierung des Berufspolitikers ist dringend nötig, wenn die Gesellschaft nicht auseinanderbrechen soll. Christian Weber wird Bremen fehlen.

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