Digitalisierung eines Wracks

Die „Seute Deern“ wird gescannt

Das Wrack der „Seute Deern“ ist mit einem 3-D-Scanner vermessen worden. Das soll Erkenntnisse über die Konstruktion liefern – und könnte Basis neuer Ausstellungskonzepte im Deutschen Schifffahrtsmuseum sein.
28.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die „Seute Deern“ wird gescannt
Von Justus Randt
Die „Seute Deern“ wird gescannt

Ein 3-D-Scan der „Seute Deern“. Eine riesige Datensammlung soll die Konstruktionsmerkmale der 101 Jahr alten Dreimastbark dokumentieren, ehe sie abgewrackt wird.

Justus Randt

Der letzte Kapitän ist schon lange von Bord. Und seit der Koch des Restaurantschiffs „Seute Deern“ notgedrungen abgemustert hat, ist klar, wohin die letzte Reise des hölzernen Großseglers geht: Der ausgeweidete Rumpf wird abgewrackt. Die Galionsfigur, das Steuerrad und viele kleine Schiffsteile sollen geborgen und nach Möglichkeit Bestandteile einer späteren Ausstellung werden. Und die könnte bis auf Weiteres unvergleichlich sein: Besucher sollen virtuelle Rundgänge über das Schiff machen, die auf dem Wrack schon nicht mehr möglich sind. Basis dessen kann die kürzlich abgeschlossene dreidimensionale Erfassung des Schiffs sein. Die Daten, die ein 360-Grad-Scanner liefert, dienen allerdings zunächst der – ebenfalls einzigartigen – Dokumentation der „Seute Deern“.

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Wertvolle Informationen bleiben erhalten

Ehe an die Zukunft gedacht werden kann, muss in der Gegenwart aufgeklart werden: „Unabhängig von Nachbauvarianten, über die das Land Bremen und der Bund weiterhin im Gespräch sind, steht somit fest: Auch nach dem Rückbau des Schiffes bleiben wertvolle Informationen über den Holzsegler dauerhaft erhalten“, teilt das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) mit. Das ist dank des Digitalisierungsprojektes möglich, das die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien mit 267.000 Euro finanziert. Das Geld steht laut Museum zur Verfügung für die Dokumentation des Schiffs und seiner Konstruktion, über die es kaum Aufzeichnungen gibt, und für die „Bergung wiederverwendbarer Bestandteile sowie deren Restaurierung und Einlagerung“.

Volker Platen und sein Team von der Firma „denkmal3D“ haben dabei mit modernster Technik Scans der „Seute Deern“ erstellt. Rund um den in einem Sandbett liegenden Rumpf und an Bord der Bark wurde Zentimeter für Zentimeter vermessen. Vier Milliarden Messpunkte, die von 200 Positionen aus gesetzt wurden, und 250 Scans sind das Ergebnis. Diese Daten sind Grundlage eines exakten Abbildes des gegenwärtigen Zustandes.

„Das Projekt ist für heute abgeschlossen, aber nicht für die Zukunft“, sagt die geschäftsführende Direktorin des DSM, Sunhild Kleingärnter. Für sie ist der „Einsatz der Zukunftstechnologie auf dem Sektor des maritimen Naturerbeerhalts ein Novum“. Anliegen des Museums ist es, die „Seute Deern“ als „Teil des denkmalgeschützten Museumshafen-Ensembles so gut wie möglich zu erfassen“. Wann das 360-Grad-Modell der Bark komplett ist, lässt sich derzeit nicht absehen.

Sunhild Kleingärtner, Direktorin des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM), und Lars Kröger, Projektleiter Museumshafen am DSM, mit dem 3-D-Scanner auf dem Achterdeck der „Seute Deern“.

Sunhild Kleingärtner, Direktorin des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM), und Lars Kröger, Projektleiter Museumshafen am DSM, mit dem 3-D-Scanner auf dem Achterdeck der „Seute Deern“.

Foto: Justus Randt

Nach versunkenen Städten ist nun also auch ein zwei Mal in seiner Geschichte gesunkenes und wieder gehobenen Schiffes vermessen und erfasst worden. Allerdings noch nicht ganz. Je weiter das Schiff auseinandergenommen werde, desto mehr lasse sich über seine Entstehung erfahren, sagt Lars Kröger, Projektleiter Museumshafen beim DSM. Tief unter dem früheren Ladedeck, wo sich der Schimmel im durchfeuchteten Holz eingenistet hat, oder zwischen den Spanten, den Rippen des Schiffsrumpfes, gebe es noch einiges zu entdecken, was noch nicht zu sehen sei – und in einem weiteren Durchgang ebenfalls gescannt werden solle.

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Kröger hält die Daten für eine wichtige Grundlage, die Schiffskonstruktion besser zu verstehen. Dabei gehe es auch um Fragen nach Erhalt und Verfall. Eigentlich sei das Material eines Holzschiffes nach 30 Jahren reif für den Austausch, sagt Kröger. Andererseits ist die 1867 gebaute „Grönland“ noch heute als „schwimmende Botschafterin des Museums“ unterwegs.

Die Methode des Scannens sei in der Archäologie Standard, sagte Landeskonservator Georg Skalecki bei der Präsentation der ersten Ergebnisse am Donnerstag in Bremerhaven. „Manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass man ein Objekt verliert.“ Die übliche Dokumentation des letzten Zustandes werde nun durch die digitale Vermessung ergänzt, „sodass man auch später zumindest auf diesem Wege noch eine Ahnung des verlorenen Kulturgutes haben kann“.

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Sanierung war nicht möglich

Im vergangenen Jahr, als die „Seute Deern“ 100 wurde, geriet sie erst in Brand, später sank sie auf den Boden des Hafenbeckens – und wurde von Gutachtern als „konstruktiver Totalschaden“ abgeschrieben. Die Ereignisse, so Denkmalschützer Skalecki, hätten den bereits gefassten Plan, das Schiffsdenkmal gründlich zu sanieren, schlicht überrollt.

Aus der Sicht Sunhild Kleingärtners erlaubt es die Datengrundlage, die „Seute Deern“ wieder „lebendig zu machen, attraktiv für den Gaming-Sektor, für virtuelles Ausstellungsmachen“. Mit Virtual-Reality-Elementen habe das DSM bereits in der Ausstellung „360 Grad Polarstern“ großen Zuspruch erhalten. „Kleine Dinge schiebt man schon mal in den Scanner“, sagt die Museumsdirektorin. Aber ein 75 Meter langes Segelschiff? „Die Größe des Objekts ist schon eine Besonderheit.“

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Info

Zur Sache: Nachdem das Schiff gesunken war, beschloss der Stiftungsrat des Deutschen Schifffahrtsmuseums im Oktober 2019 den Rückbau der „Seute Deern“, das Abwracken. Dafür werden rund drei Millionen Euro veranschlagt. Darüber verhandeln das Land Bremen und die Stadt Bremerhaven. Der Bund hat 46 Millionen Euro für einen Nachbau der „Seute Deern“ zugesagt. In Kürze sei mit dem Ergebnis einer sogenannten Variantenstudie zu rechnen, sagt Sebastian Rösener, Sprecher der Hafensenatorin. Der 101 Jahre alte Holzsegler wurde 1919 in den USA als „Elizabeth Bandi“ gebaut. Seit 1966 lag die „Seute Deern“ als Restaurantschiff in Bremerhaven.
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