Vor dem Abriss des Medienhauses Ein Ort für Kreative verabschiedet sich

Bald gehen im Medienhaus die Lichter aus, der letzte Mieter steht vor dem Absprung. Seit 1988 war das Gebäude ein Hort der Digital- und Kreativwirtschaft, diese Ära endet mit dem nahenden Abriss.
02.09.2018, 19:07
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Ein Ort für Kreative verabschiedet sich
Von Frank Hethey

Die Illumination des Weser-Towers sollte so etwas sein wie ein Abschiedsgruß: Das Neue erweist dem Alten seine Referenz, das Hochhaus schmückt sich für das Medienhaus. Und umgekehrt das gleiche Spiel, das Medienhaus erstrahlt noch einmal in alter Pracht, eine Grußbotschaft quer durch die halbe Stadt. „Damit wollten wir ein bisschen Trauerarbeit leisten“, sagt Björn Portillo, Vorstand der Digitalagentur HMMH, die ihre Anfänge im Medienhaus hatte und seit 2009 im Weser-Tower residiert.

Nun schlägt bald das letzte Stündlein des Medienhauses. Schon jetzt ist das Gebäude so ziemlich verwaist, nur noch ein Mieter hält die Stellung. Aber nicht mehr lange, noch im Laufe dieses Monats wird auch diese Firma ihr altes Domizil verlassen. Für Portillo ein guter Grund, an längst verflossene Zeiten zu erinnern. Nicht nur durch die doppelte Illumination von Weser-Tower und Medienhaus, sondern auch in Form einer Feier an alter Stätte. Am Freitagabend war es so weit, ein letztes Mal stießen die Freunde des Hauses auf den früheren Hort der Digital- und Kreativwirtschaft an.

Allerdings sollte es von vornherein kein rauschendes Fest sein. Kein Happening wie die legendären Partys in den späten 1990er-Jahren, die Portillo noch bestens in Erinnerung sind. „Wir wollten keine Abrissparty“, sagt der 48-Jährige, „sondern einen würdevollen Abschied“. Zu diesem eher besinnlichen Event fanden sich denn auch zahlreiche Gäste ein: alte Freunde des Hauses, ehemalige Bewohner, Lieferanten und Nachbarn. Darunter Detlef Hanke, der Gründer des Hanke Multimediahauses, heute kurz und bündig HMMH.

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Vor gut einem Jahr wurden die Abrisspläne für das markante Gebäude an der Schwachhauser Heerstraße 78 bekannt. Unter den Anwohnern gab es Proteste, doch es half alles nichts. Zumal das altehrwürdige Bauwerk mit seinen prägnanten Säulen entgegen anderslautenden Mutmaßungen nicht unter Denkmalschutz steht. Als maßgeblichen Grund führt Landeskonservator Georg Skalecki „gravierende Veränderungen“ im Gebäudeinneren an, macht aber gleichzeitig keinen Hehl daraus, wie sehr er den Abbruch des Medienhauses bedauert.

Seine düstere Prognose: Der Neubau – dem Vernehmen nach ein Appartementgebäude mit 25 Wohnungen und einer Tiefgarage – werde „mit Sicherheit kein Zugewinn“ sein. In den Streit um Erhalt oder Abriss des Medienhauses will sich Portillo nicht einmischen. „Davon grenzen wir uns klar ab“, sagt er. „Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, als wollten wir das Haus retten.“ Ihm geht es vielmehr um ein Treffen alter Weggefährten aus den Jahren, da die frühere Arztvilla als Medienhaus überregional ein Zeichen setzte.

Das Medienhaus war ein magischer Ort

Portillo spart nicht mit Superlativen, wenn er versucht, die Bedeutung des Medienhauses in Worte zu fassen. „Das Medienhaus war ein magischer Ort“, sagt er. „Ein Inkubationsraum für Kreative und Vorreiter von Start-ups und Coworking-Spaces, wie wir sie heute kennen.“ Darum kommt es für ihn einer „echten Ikone“ gleich. Mit dem geplanten Abbruch verliere Bremen eine Wirkungsstätte der Kreativität und den Ursprung seiner digitalen Entwicklung.

Seit seinem Start vor 30 Jahren beherbergte der Prachtbau mit dem neo-klassizistischen Portikus etliche kreative Köpfe. Portillo selbst machte ein Jahr später als blutjunger Praktikant seine erste Bekanntschaft mit dem Gebäude. Damals stieg er bei Werbedesign Hanke ein, um sich auf sein Studium als Grafikdesigner vorzubereiten.

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Wenn Portillo an jene Jahre zurückdenkt, spricht er vom „Aufbruch in die digitale Transformation“. Viele verschiedene Projekte hätten im Medienhaus ihren Anfang genommen. Nicht nur der erste deutsche Online-Shop habe dort seinen Einstand gefeiert, auch der Otto-Katalog sei an der Schwachhauser Heerstraße erstmals auf CD gepresst worden. Einmal abgesehen von den zahlreichen Werbefilmen und Computeranimationen, die im Medienhaus ausgetüftelt wurden.

Der Platz zum Zusammenkommen

Als Garant für den Erfolg seines mittlerweile auf 300 Mitarbeiter angewachsenen Unternehmens sieht Portillo den alten Empfangsbereich rund um den Kaffeetresen. „Es war der Platz, um zusammenzukommen und sich zu unterhalten.“ Das sei vor allem wichtig gewesen, als noch zusätzliche Büros auf der gegenüberliegenden Straßenseite angemietet wurden. „An diesem Ort wurde Vernetzung gelebt.“

Da ist es ein kleiner Trost, dass das Medienhaus am neuen Firmenstandort gewissermaßen weiterlebt. Acht Etagen belegt HMMH im Weser-Tower – und eine Etage beherbergt Kaffeemaschinen, Sitzecken und Konferenzräume. „Dort findet viel interne Kommunikation über neue Projekte statt“, sagt Portillo. „Das haben wir vom Medienhaus gelernt und aufs neue Gebäude übertragen.“

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Zum Abschied sollten beide Bauten in Magenta illuminiert werden, der Farbe des Logos am Eingang des Medienhauses. Bei Letzterem klappte das auch, beim Weser-Tower versagte dagegen die Technik, statt in Magenta leuchtete das Hochhaus bläulich.

Nicht mehr auf dem neuesten Stand ist ausgerechnet die Website des Medienhauses. Noch immer werden elf Firmen als Bewohner des Hauses aufgelistet, der letzte Blogeintrag ist sechs Jahre alt. Nur allzu wahr auch die Mitteilung über die Kapazitäten des Gebäudes. „Zurzeit sind in unterschiedlichen Etagen Räume frei“, heißt es da.

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