Forschungsprojekt gestartet: Beim St. Magnuser Bewegungstag steht die Mobilität von Senioren im Mittelpunkt

Ein paar Schritte mehr

St. Magnus. Im Alter etwas für Beweglichkeit und Mobilität tun, nette Menschen treffen und dabei vielleicht die eine oder andere bislang verborgen gebliebene Ecke im Quartier entdecken: Beim ersten St. Magnuser Bewegungstag nutzten rund 50 Teilnehmer dieses Angebot.
09.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexander Bösch

St. Magnus. Im Alter etwas für Beweglichkeit und Mobilität tun, nette Menschen treffen und dabei vielleicht die eine oder andere bislang verborgen gebliebene Ecke im Quartier entdecken: Beim ersten St. Magnuser Bewegungstag nutzten rund 50 Teilnehmer dieses Angebot. Ausgangspunkt der gesundheitsfördernden Aktion war die Begegnungsstätte der Gemeinde Unter den Linden.

Während der rund dreistündigen Wanderung durch den Stadtteil legten die rüstigen Senioren Bewegungsstopps an drei Stationen ein. Die Aktion ist Teil des Forschungsprojektes „Ready to Change“, das vom regionalen Präventionsforschungsnetzwerk Aeqipa durchgeführt wird. Es geht um die Frage, in welcher Form Bewegung in unterschiedlichster Form für die Altersgruppe ab 65 Jahren erfolgreich vor Ort gefördert werden kann. Burglesum ist eine von 23 Kommunen und Stadtteilen, die für das Projekt ausgewählt wurden.

Dirk Schmidtmann, Vorsitzender des TSV St. Magnus, begrüßte die Gäste am Treffpunkt und freut sich über die unerwartet große Resonanz. „Wir sehen das als Testballon an, so etwas auch in anderen Stadtteilen anzubieten. In den Sporthallen ist das Angebot für Senioren gut, aber verbunden mit Wanderungen durch die eigene Umgebung könnte mehr passieren“, sagte Anja Stahmann (Grüne). Die Senatorin für Soziales begleitete die Aktion am ersten Tag nach ihrem Urlaub.

Wegen ihrer Rückenschmerzen habe der Orthopäde ihr zu viel Bewegung geraten, sagte Stahmann. „Empfohlen werden 10 000 Schritte pro Tag, aber man soll sich nicht verrenken“, so die Senatorin. Am Bewegungstag wurde so auch niemand zum Joggen genötigt. Vielmehr wolle man zeigen, dass es sich lohnt, sich im Quartier zu bewegen, kündigte die Senatorin an und blies zum Start in die Trillerpfeife.

Über bekannte Straßen, aber auch über Schleich- und Privatwege machte sich der Tross auf in Richtung Haus Blumenkamp. „Vielleicht kann man hier Bekanntschaften schließen und sich mal verabreden“, hoffte eine Seniorin. Acht Monate lang habe sie rund um die Uhr ihren Mann gepflegt, jetzt sei Zeit zum Durchatmen. Auch Florian Boehlke, der Burglesumer Ortsamtsleiter, war mit von der Partie. Und Alfred Stankiewicz nutzte trotz – oder gerade wegen – seiner 89 Jahre jede Gelegenheit, sich zu bewegen. 20 Jahre lang war der rüstige Senior im Vorstand der Vegesacker Kirche. Auch heute pflege er noch gute Kontakte zur Gemeinde. „Ich möchte so lange wie möglich in meinem Haus alleine wohnen“, verriet Stankiewicz und legte gleich einen Zahn zu.

An Hackfelds Park schwenkte die Gruppe auf die Richthofenstraße ein. Eine Dame preschte mit ihrem Rollator allen anderen davon. Auch sie ist 89 Jahre, fährt immer noch Auto- und achtet auf regelmäßige Bewegung. „Jeden Tag wird 20 Minuten spazieren gegangen, ich bin da eisern“, versicherte sie. Anja Stahmann hatte da gleich ein paar weitere Tipps anzubringen. Bei älteren Menschen seien vor allem Maßnahmen zur Sturzprophylaxe wichtig: „Die meisten Unfälle passieren ja im Haushalt!“

Tobias Ubert war einer der wenigen jungen Leute, die mitgelaufen sind. Ubert begleitet das Projekt „Ready to change“. In Zusammenarbeit mit der Bremer Heimstiftung, der Seniorenvertretung, dem Beirat und Ortsamt Burglesum, der Begegnungsstätte St. Magnus, dem Jugendgemeinschaftswerk und dem TSV St. Magnus ist eine Aktionsgruppe gegründet worden. „Es soll sich ein Bewusstsein für die positiven Effekte entwickeln, die Bewegung für ältere Menschen hat.“ Die Veranstaltungen – eine Wanderung durch Pellens Park in Marßel und eine Veranstaltung des Sozialwerks der Freien Christengemeinde sollen folgen – werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.

Vor dem Bewegungsparcours des Stiftungsdorfes Blumenkamp begrüßte die dortige Sozialdienstleiterin Dörte Fiedler die Gäste. Anfangs, erzählte sie, hätten viele der Idee, mitten auf die Grünfläche vor Haus Blumenkamp eine Minigolfanlage und einen Geräteparcours zu installieren, mit Skepsis gegenübergestanden. Inzwischen würden Mieter, Jogger und Heimbewohner gern vorbeischauen: „Jeder hat sein Lieblingsgerät“.

Wie zur Bestätigung, unternahm die 82-Jährige Else Kleier beherzt ein paar Klimmzüge an einem LAT-Zug-Trainer. „Ich hatte schon eine Knie-OP und einen Unterschenkelhalsbruch, aber ich mach immer weiter, fahre Fahrrad und mache Wassergymnastik. Man muss ja in Schwung bleiben“, lautete Else Kleiers Eiinschätzung. Der Allgemeinmediziner Hagen Schmidtmann erklärte: Sport senke das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Jeder muss aber für sich entscheiden, was er schaffen kann und wann man über ein Wehwehchen schon mal hinwegsehen kann. Es geht nicht um eine Wettkampfmentalität, der Spaß muss im Vordergrund stehen.“

Nächste Zwischenstation war das Jugendgemeinschaftswerk am Chaukenhügel. Hier leben Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen in therapeutischen Gruppen, wie Geschäftsführer Jens Hartmann erläuterte. Dass man hier auf Sport und die Ausrichtung kleiner olympischer Wettbewerbe viel Wert legt, bekamen die Teilnehmer flugs am eigenen Leibe zu spüren. Physiotherapeutin Heike Barg hatte sich allerlei Übungen ausgedacht, die es auf der großen Rasenfläche vor dem Jugendgemeinschaftswerk auszuführen galt.

„Wir hoffen, dass wir die Menschen mit Angeboten dieser Art wachrütteln können“, sagte Florian Boehlke. Im früheren Lidicehaus, jetzt Geschäftsstelle des TSV St. Magnus, war Endstation. Jürgen Schoer – beim TSV St. Magnus Übungsleiter der Sportgruppen „Fitness und Gesundheit 50 Plus“ – verdeutlichte, worauf es ankomme: Bewegung in den Alltag einzubauen. „Der Anteil der über 80-Jährigen wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln, das ist toll. Um die Lebensqualität zu erhalten, müssen wir aber etwas für Muskeln und Gelenke tun“.

„Empfohlen werden 10 000 Schritte pro Tag.“ Anja Stahmann
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