Rochssare Neromand-Soma auf Entdeckungsreise zwischen indischer Gastfreundschaft und militärischer Eskorte

Ein Rucksack voller Abenteuer

Osterholz-Scharmbeck. Fremde Länder und Kulturen haben sie schon immer fasziniert. Für Rochssare Neromand-Soma haben sie etwas Magisches und Exotisches an sich, das die 30-Jährige schon seit vielen Jahren in den Bann zieht.
26.01.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Milena Schwoge

Osterholz-Scharmbeck. Fremde Länder und Kulturen haben sie schon immer fasziniert. Für Rochssare Neromand-Soma haben sie etwas Magisches und Exotisches an sich, das die 30-Jährige schon seit vielen Jahren in den Bann zieht. Die gebürtige Osterholz-Scharmbeckerin mit iranischen Wurzeln, die zeitweise für unsere Zeitung gearbeitet hat, ist neugierig und „möchte Kulturen, Bräuche, Menschen und Regionen begegnen, die Luft ferner Länder riechen, Unbekanntem lauschen und den Geschmack der Fremde auf meiner Zunge schmecken“.

Im Sommer 2011, noch während ihrer Masterarbeit im Studiengang „Literatur- und Medienpraxis“, fasste Neromand-Soma dann den Entschluss: Nach rund 18 Jahren Ausbildung, die sie hauptsächlich am Schreibtisch verbrachte, nahm sie sich vor, nicht direkt ins Berufsleben einzusteigen. Sie wollte stattdessen zunächst Arbeitserfahrung im Ausland sammeln. Per Anhalter machte sie sich zusammen mit ihrem Freund Morten Hübbe auf den Weg quer durch den südamerikanischen Kontinent. Dabei reiste sie in zwei Jahren rund 56 000 Kilometer von Feuerland bis an die Karibikstrände Kolumbiens und Venezuelas – und das, ohne einen einzigen Tropfen Benzin zu verbrauchen.

Auf ihrer Reise bewunderte das selbst ernannte „Action-Duo“ beeindruckende Wälder, Gletscher und Berge, genoss die Einsamkeit Patagoniens, tauchte auf den Galapagos-Inseln Tausende Kilometer vor Ecuador unter anderem mit Seelöwen und Hammerhaien und ließ sich einen Monat lang mit Marktbooten den Amazonas hinuntertreiben. „Südamerika ist ein fantastischer Kontinent. Die Einheimischen sind so liebenswürdig und lebensfroh, und die Natur ist atemberaubend“, schwärmt Rochssare Neromand-Soma. Verliebt in die lateinamerikanische Kultur und Mentalität hätten beide sich bereits bei einer gemeinsamen Reise nach Kuba in den Semesterferien. Das war im Frühjahr 2011. Vor allem die einfache Bevölkerung habe sie mit ihrer Großzügigkeit und Zuneigung immer wieder überrascht. Um die zweijährige Reise finanzieren zu können, teilten sich die beiden Abenteurer ihre Ersparnisse mit Bedacht auf, lebten von Gelegenheitsjobs und schliefen im eigenen Zelt oder auf der Couch von Einheimischen.

„Wir reisen bewusst langsam und leben unterwegs immer sehr minimalistisch, schon beinahe spartanisch, essen ausschließlich lokale Speisen und verzichten auf westlichen Komfort“, sagt die Journalistin. Während der Reise führte das Paar ein Tagebuch und hielt seine Erlebnisse auf einem Blog im Internet fest. Was anfangs als Reiselektüre für Familie und Freunde gedacht war, zog schnell auch Fremde in den Bann und erntete viel positives Feedback. Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Duo seine Erlebnisse und Eindrücke in Form einer unterhaltsamen Reiselektüre als Neuauflage in der National-Geographic-Reihe des Piper Verlags.

Mittlerweile sind Rochssare Neromand-Soma und Morten Hübbe wieder unterwegs. Von Deutschland machten sie sich 2014 erneut per Anhalter auf den Weg nach Indien, mit dem Ziel, den asiatischen Kontinent zu erkunden. Dabei machten sie eine weitere Erfahrung: Anders als in Südamerika, wo die Reise per Anhalter weit verbreitet sei und sich an den Wochenenden an bestimmten Kreuzungen sogar Tramperschlangen bildeten, hätten sie in Indien viel Geduld mitbringen müssen. „Das Konzept des Trampens ist hier überhaupt nicht bekannt, und deshalb ist es auch etwas schwieriger, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen“, berichtet Neromand-Soma. Außerdem zieht das deutsche Reise-Duo dort große Aufmerksamkeit auf sich, denn außerhalb der Großstädte kommen die Einheimischen selten in Kontakt mit Ausländern. Privatsphäre und Körperdistanz werden dort anders interpretiert. „Es kommt häufig vor, dass wir von einer großen Menschentraube umringt werden. Das ist vor allem deshalb ungünstig, weil wir so von Autofahrern nicht mehr wahrgenommen werden“, fügt sie hinzu.

Die Route führte das Paar zu „spannenden Ländern“ wie dem Iran oder Pakistan. Im April 2015 erreichte es dann den indischen Subkontinent. Seitdem erkunden Neromand-Soma und Hübbe die vielschichtigen Kulturen zwischen den Gipfeln des Himalajas und den Stränden des Indischen Ozeans. Derzeit befinden sie sich in der internationalen Öko-Kommune Auroville im Süden Indiens. Dort versuchen die Menschen seit 50 Jahren, ein alternatives und nachhaltiges Lebensmodell zu entwickeln, indem sie Häuser aus Lehm und recycelten Materialien bauen und organische Landwirtschaft betreiben.

Seine Erlebnisse hält das Paar auf dem offiziellen Blog „nuestra-america.de“ fest. Beiden ist es wichtig, die Leser nicht nur auf eine Reise durch ferne Kulturen und fremde Länder mitzunehmen, sondern durch die Erlebnisberichte auch mögliche Ängste und Vorurteile abzubauen. Beispielsweise habe das Ansehen des Iran stark gelitten, seit die US-Regierung das Land als Teil der „Achse des Bösen“ stigmatisiert habe. Dabei sei der Iran – laut der beiden Abenteurer – das mit Abstand sicherste Land im Nahen Osten mit einer liebenswürdigen und gastfreundlichen Bevölkerung. Auch Pakistan sei mehr als nur ein Land, in dem Terroristen operieren. „Es macht uns traurig, zu sehen, wie sehr das Image dieser Länder beeinträchtigt wird“, bedauert Neromand-Soma.

Ein Höhepunkt auf der Reise quer durch den indischen Subkontinent sei vor allem die zwölftägige Wanderung zum Everest Base Camp gewesen. Für das Paar aufgrund der extrem dünnen Luft eine körperliche Herausforderung. Doch die atemberaubende Aussicht auf den Gipfeln des Himalajas habe die Anstrengung schnell vergessen lassen.

Neben vielen überraschenden Augenblicken habe es bisher aber auch Momente des Schreckens auf ihrer Reise gegeben, beispielsweise die Fahrt mit zwei Drogendealern durch die Berge Nordindiens. „Die jungen Männer waren zu uns sehr nett, haben uns aber auch in Todesangst versetzt, als sie mit ihren Pistolen, anscheinend zum Spaß, aus dem fahrenden Auto schossen“, gibt Neromand-Soma zu.

Auch die Reise mit maskierten Soldaten auf offener Ladefläche durch die pakistanische Provinz Belutschistan am Rand der afghanischen Grenze sei für sie „surreal“ gewesen. „Das Gefühl, vom Militär eskortiert zu werden, ist schon etwas merkwürdig. Obwohl die Soldaten Sicherheit vermitteln sollen, fühlt man sich doch zunächst wegen der Maschinengewehre eher unsicher“, berichtet sie. Doch die Beschützer der Wüste hätten sie stets mit einem Lächeln begleitet und versucht, die Reise für sie so angenehm wie möglich zu machen.

Heimweh hat das norddeutsche Reise-Duo kaum, denn dafür genießen sie das Unterwegssein zu sehr. „Zuhause ist für uns mittlerweile ein sehr flexibler Begriff geworden. Es ist unser Rückzugsort und kann praktisch überall sein, solange er ausreichend Privatsphäre bietet. Und sei es auch nur das Zelt“, erklärt Neromand-Soma. Sie glaube nicht, dass sie irgendwann mal vollkommen reisesatt werde. „Irgendwann kommt wahrscheinlich die Zeit, in der man sich eigene vier Wände und einen Garten wünscht. Bis dahin wollen wir aber noch so viel reisen wie möglich. Es gibt noch viele Ecken in der Welt, die wir nicht gesehen haben. Afrika zum Beispiel, oder auch Mittelamerika“, sind sich Neromand-Soma und Hübbe einig. Ihr Wunsch sei es vor allem, mit ihren Erfahrungsberichten auch den einen oder anderen Leser zu inspirieren, selbst in die weite Welt loszuziehen.

„Wir hatten Todesangt, als die Männer zum Spaß mit Pistolen aus dem fahrenden Auto schossen.“ Rochssare Neromand-Soma
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