Serie "Offene Wahl" (8) Ein schlechtes Zeugnis für die Stadt

Im achten Teil unserer Serie "Offene Wahl" geht es um das Thema Sport. Im klammen Bundesland Bremen sind viele Sportstätten in einem jämmerlichen Zustand - und das schon seit langer Zeit.
31.03.2015, 00:00
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Ein schlechtes Zeugnis für die Stadt
Von Jörg Niemeyer

Es kommt nicht so oft vor, dass Bremen bundesweit in den Schlagzeilen steht. Und wenn doch, dann meistens wegen unerfreulicher Themen. Wie im vergangenen Jahr, als ganz Deutschland auf Bremen schaute, wo sich viele Sportstätten in einem jämmerlichen Zustand befanden.

Befanden? „Die Situation ist nach wie vor total schrecklich“, sagt Jutta Ackermann, die bei Tura die Seniorensport-Abteilung leitet und mit ihren Aktiven die Turnhalle Halmerweg nutzt – nutzen muss. Sie würde gern in eine bessere Halle gehen, „aber leider gibt es woanders keine Zeiten“. Der Dusch- und Toilettenbereich sei so eklig wie vor einem Jahr, und nach dem Sport würden ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer deshalb auf das Duschen verzichten. Box-Abteilungsleiter Klaus Becker bestätigt diesen Zustand. „Bei uns ist alles so wie immer“, sagt er.

„Es ist nichts passiert“, sagt auch Turas Pressesprecher Ekkehard Lentz. Zumindest nicht im Innern der Halle Halmerweg. Die Gröpelinger registrieren sehr wohl, wenn etwas passiert ist – und sie würdigen das dann auch. So hat die Halle am Halmerweg draußen neue Fahrradständer erhalten und die Halle am Pastorenweg drinnen eine neue Lüftung. Aber das hilft den Sportlern von Jutta Ackermann nicht weiter. „Einige Sportler“, sagt Ekkehard Lentz, „kommen wegen der Hallensituation nicht wieder. Da verlieren wir Mitglieder.“

„Die Lage ist ernüchternd“, sagt die Geschäftsführerin des Landessportbundes Bremen (LSB), Karoline Müller. Es hätte in den vergangenen Monaten viel Schriftverkehr zwischen LSB und Behörden gegeben, aber passiert sei nichts. Das größte Problem laut Karoline Müller: Wer ist wofür zuständig? Die Sportbehörde, möglicherweise ein beteiligter Verein – oder doch die Bildungsbehörde?

Seit zwei Jahren Stillstand

Im Mai 2013 hatte es das erste Treffen der Kooperationspartner des Sporthallenmanagements gegeben: LSB, Immobilien Bremen (IB) – diese Einrichtung kümmert sich um die Belange der öffentlichen Gebäude –, die Bildungsbehörde und das Sportamt kamen zusammen, um sich des Problems anzunehmen. „Nach zwei Jahren sind unsere Fragen immer noch offen“, sagt Müller. Zwei von mehreren unbeantworteten Fragen: Wie hoch ist der Sanierungsstau, in Euro beziffert? Wie ist der Zustand der Sport- und Spielgeräte in den Sportstätten?

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Nach der breiten Berichterstattung im vergangenen Mai dauerte es bis Mitte Februar 2015, bis der Arbeitskreis mit Vertretern von LSB, IB, Bildungsbehörde und Sportamt erstmals zusammenkam. Insbesondere Innenstaatsrat Holger Münch und Sportamtsleiter Michael Wiatrek hatten sich für diesen Arbeitskreis starkgemacht. Doch nun gerät der mühsam angekurbelte Prozess erneut ins Stocken, weil Münch inzwischen das Bundeskriminalamt leitet und Wiatrek im März verstorben ist.

„Ich erkenne ja an, dass ein bisschen gemacht wird, aber es reicht einfach nicht“, sagt Müller. „Die Verwahrlosung der Sportstätten geht weiter“, sagt sie auch. Und sie bedauert zugleich, dass ein Großteil der Bevölkerung das klaglos hinzunehmen scheint. Der LSB hatte in den Vereinen nach Missständen gefragt und viele Rückmeldungen erhalten. Doch einen Aufschrei an der Basis habe es laut Müller nicht gegeben. Auch nicht, als im vergangenen November die Mittel für Sportförderung und Sanierungsmaßnahmen um 278 000 Euro gekürzt wurden. „Manche Vereine resignieren und stellen schon gar keine Anträge mehr, weil sie wissen, dass es sowieso kein Geld gibt“, sagt Müller. Im November waren von 18 Anträgen lediglich drei bewilligt worden.

Letztlich dreht sich also alles ums Geld – genau genommen: ums fehlende Geld. „Wir verlieren Mitglieder an Dienstleister, weil sanitäre Anlagen unserer Sportstätten heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen“, sagt LSB-Präsident Andreas Vroom. „Wir sorgen uns um den Erhalt der Substanz und warten noch auf einen Plan, in welcher Reihenfolge die Sanierungen angegangen werden.“ Vroom verspricht, dass der LSB wachsam sein werde – auch auf anderen Problemfeldern. So erschwere zunehmender Bürokratismus die Vereinsarbeit ebenso wie Klagen von Sportplatz-Anliegern über lärmende Sportler.

„Wir brauchen dringend eine Lärmschutzverordnung im Sinne des Sports“, sagt Karoline Müller. Und sie betont auch noch einmal, dass Turnhallen keine Notunterkünfte für Flüchtlinge sein können. Zum einen seien Hallen schlicht nicht zumutbar, zum anderen würde sich dann die Frage stellen, was mit den ausquartierten Sportlern geschehen solle. Vor dem Hintergrund, dass viele Sportstätten ohnehin in ziemlich schlechtem Zustand sind, verbietet sich dort eine längerfristige Unterbringung eigentlich von selbst.

LSB-Präsident Vroom will jedoch nicht nur die Politiker in die Pflicht nehmen. „Ich möchte den Stellenwert des organisierten Sports wieder erhöhen“, sagt er, „und daran muss auch in den Vereinen jeder mitwirken.“ Vroom hat registriert, dass das Gemeinschaftsinteresse in den Klubs immer kleiner geworden ist. Auch das gesellschaftliche Engagement vor allem von Jugendlichen sei verbesserungswürdig, findet Vroom. Keine leichte Aufgabe – schon gar nicht in Vereinen, die auf Sportstätten wie am Halmerweg angewiesen sind, wo Jutta Ackermann fragend den Kopf schüttelt: „Wie können es Eltern zulassen, dass ihre Kinder in solche Hallen gehen?“

Lesen Sie hier weitere Texte zum Zustand der Sportstätten in Bremen:

Peter Scheuer: "Fokus auf eigene Sportanlagen legen"

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