Abgeschleppte Autos versteigert Ein schrottiges Geschäft

Seit knapp zwei Monaten gibt es einen neuen Erlass, nach dem in Bremen abgestellte Schrottautos ohne Vorwarnung abgeschleppt werden können. Einige haben jetzt bei einer Auktion neue Besitzer gefunden.
29.08.2018, 19:18
Lesedauer: 3 Min
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Ein schrottiges Geschäft
Von Nina Willborn

Der anthrazitfarbene 3er BMW hat, so sieht er zumindest von außen aus, den Frühling seines Autolebens schon einige Zeit hinter sich gelassen. Sonst stünde auch jetzt nicht Auktionator Werner Heuß vor dem Wagen, der auf dem Hof der Bremer Autohandels- und Verwertungsgesellschaft (BAV) in Woltmershausen geparkt ist. "Viertürer, ohne Papiere und Schlüssel, scheint mir ein Benziner zu sein. Leute, was ist los, keine Gebote?", fragt Heuß und blickt in die Runde.

"150 Euro", murmelt ein älterer Herr, "200!" schiebt ein zweiter nach. "Das klingt doch gut", sagt Heuß, "also 200 Euro zum Ersten, zum Zweiten ..." "250!" "250 Euro zum Dritten, der BMW geht an den Herrn hier vorne", sagt Heuß und zeigt für die Mitarbeiter des Ordnungsamts auf den Meistbietenden, damit sie wissen, bei wem sie gleich die Summe in bar kassieren können.

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Was bei dieser Auktion unter den Hammer kommt, sind die blechernen Reste der großen Aufräumaktion von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), der seit diesem Sommer mit einem neuen Abschlepp-Erlass rigoros gegen abgemeldete Autos vorgeht, die in Bremer Straßen vor sich hinstehen. Bislang hat die BAV im Auftrag der Stadt 128 Schrottfahrzeuge eingesammelt, und es werden noch viele weitere dazukommen – aufgrund der großen Zahl gab es zwischendurch Platzprobleme auf dem Firmengelände, denn dort warten ja auch die abgeschleppten, aber noch nicht schrottreifen Mercedesse, Opels, Audis und BMWs auf die Auslösung durch ihre Besitzer.

"Unsere Ressourcen sind endlich, aber wir haben jetzt noch einen zweiten Platz in Oslebshausen, da kommen die Zweiunddreißiger hin", erklärt BAV-Kraftfahrer Ingo Langejürgen. Zweiunddreißiger – so heißen die Schrottwagen im Jargon des Ordnungsamts. Vier Wochen werden sie aufbewahrt, hat sich dann kein Eigentümer gemeldet oder ausfindig machen lassen, kommen sie in die Metallpresse.

Wie die Katze im Sack

Oder in die Auktion wie am Mittwochmorgen, zusammen mit noch fahrtüchtigen, also normal abgeschleppten, oder ihren Eigentürmen entzogenen Exemplaren. Insgesamt 21 Autos und Roller hat Heuß da für die rund 20 Interessenten, die teils in Familienstärke angetreten sind. Die Roller gehen übrigens schneller und für verhältnismäßig mehr Geld weg als die Autos.

Das liegt laut Heuß daran, dass sie im Zweifel einfacher zu reparieren sind. "Das sind auch nicht die Perlen vom Straßenrand, aber das Risiko ist kleiner", sagt der Auktionator. Was macht man nun mit einem abgeschlossenen BMW ohne Papiere? "Joah, also Papiere muss ich dann wohl jetzt besorgen, nech?", sagt der neue Eigentümer, seinen Namen möchte er nicht preisgeben. "Ich hoffe, der läuft noch, das stellt sich ja erst noch raus. Is' halt wie die Katze im Sack."

Die anderen sind mit Heuß inzwischen weitergezogen, zum Highlight der Auktion, zumindest aus laienhafter Einschätzung: ein Feuerwehrwagen, älteres Modell, aber offenbar gut in Schuss. "Der läuft noch, höre ich gerade", ruft Heuß, "nur der Anlasser ist ein bisschen kaputt. Also?"

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Mit 300 Euro geht's los, aber das reicht lange nicht, zwei Interessenten steigern den Preis bis auf 1800 Euro, mehr wird an diesem Vormittag keiner der Wagen bringen. Der neue Besitzer will eigentlich auch nichts sagen, nur so viel dann doch: Fahren will er das Ding nicht selbst, sondern zum Campingbus umbauen und dann verkaufen.

Tom Roßberg hätte das Feuerwehrauto auch gerne gehabt. Auf die anderen Wundertüten guckt er mit dem Kennerblick des Mechanikers, Roßberg besitzt eine Werkstatt in Walle. Auch er ersteigert einen staubigen BMW, für 50 Euro nur, allerdings mit kaputter Fensterscheibe an der Fahrerseite. Das ist Roßberg aber egal, er braucht die Schrottkarre eh nur zum Ausschlachten.

"Jeder, der hier als Privatmann ein Auto kauft, macht Verlust", sagt der Fachmann. "Die Autos werden ja nicht an der Straße abgestellt, weil sie heile sind. Der ganze Aufwand mit Schlüssel und Papiere besorgen, im Zweifel bekommt man eine Wegfahrsperre auch nicht mal eben so auf. Es lohnt sich nicht. Im Endeffekt wird es dann doch zu teuer."

Prüfende Blicke

Was er befürchtet: Einige der am Mittwoch versteigerten Autos wird die Stadt in Kürze ein zweites Mal abschleppen müssen, weil die neuen Besitzer einige Teile ausbauen und sie dann wieder an irgendeiner Straße abstellen. Insgesamt rund 4500 Euro hat die Auktion gebracht, überschlägt Heuß nach anderthalb Stunden, als er seinen Job beendet hat und um ihn herum jetzt prüfende Blicke unter Motorhauben geworfen und Anlasser getestet werden.

Für Uwe Papencord, im Ordnungsamt Leiter der Abteilung allgemeine Ordnungsangelegenheiten, ist der neue Erlass ein Erfolg – auch wenn die Stadt auf einem großen Teil der Kosten, bislang sind knapp 30 000 Euro aufgelaufen, sitzenbleiben wird. Je mehr Fahrzeughalter ermittelt werden können, denen die Abschleppgebühren und die Standmiete in Rechnung gestellt werden, desto günstiger wird es. "Es ist kein Nullsummenspiel", sagt Papencord, "aber das ist Sicherheit nie. Das war auch von vorneherein klar. Schrottautos haben im öffentlichen Raum nichts zu suchen."

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