Urbaner Spaziergang des Autonomen Architektur Ateliers setzt sich mit Entwicklung der Neuen Vahr auseinander

Ein Stadtteil, der Standards setzte

Neue Vahr. „Es galt damals als revolutionär, dass Flachdächer umgesetzt wurden“, erklärt Oliver Hasemann vom „Autonomen Architektur Atelier“ (AAA) und meint damit die vorherrschenden Bauten in der Neuen Vahr, die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird. Grund genug, um den bereits vor zehn Jahren stattgefundenen „Urbanen Spaziergang“ zu wiederholen, der sich mit der Geschichte, der Architektur und dem Leben in der Neuen Vahr beschäftigt hat und auch dieses Mal den Titel „AAA trifft Alvar Aalto: Urbaner Spaziergang mit dem Winkelmaß“ trägt.
23.03.2017, 00:00
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Von Matthias Holthaus
Ein Stadtteil, der Standards setzte

Das Hochhaus des Architekten Alvar Aalto gilt als architektonisches Highlight und Wahrzeichen der Vahr.

PETRA STUBBE

Neue Vahr. „Es galt damals als revolutionär, dass Flachdächer umgesetzt wurden“, erklärt Oliver Hasemann vom „Autonomen Architektur Atelier“ (AAA) und meint damit die vorherrschenden Bauten in der Neuen Vahr, die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird. Grund genug, um den bereits vor zehn Jahren stattgefundenen „Urbanen Spaziergang“ zu wiederholen, der sich mit der Geschichte, der Architektur und dem Leben in der Neuen Vahr beschäftigt hat und auch dieses Mal den Titel „AAA trifft Alvar Aalto: Urbaner Spaziergang mit dem Winkelmaß“ trägt.

Flachdächer bieten sich auch den zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die auf dem Dach des Aalto-Hochhauses die Weiten des damals als modern empfundenen Stadtteils überblicken. Unterteilt in fünf sogenannte „Nachbarschaften“, sollten diese Bereiche jeweils 2000 Wohnungen bereithalten und damit so viel wie die bereits vorhandenen 10 000 Wohnungen der benachbarten Gartenstadt Vahr. „Es galt damals, den Menschen Wohnraum mit den neuesten Standards zu schaffen“, erklärt Oliver Hasemann und meint damit Balkone, Fernwärme, aber auch das eigene WC, das zu damaliger Zeit durchaus nicht üblich war.

Dass dieses Bauprojekt überhaupt möglich wurde, dafür sorgte das im Februar 1956 erlassene „Gesetz zur Behebung der Wohnungsnot im Lande Bremen“. Der für den Spaziergang eingeladene Experte Kai-Ole Hausen von der Arbeitnehmerkammer erklärt: „Mit diesem Gesetz verpflichtete sich das Land Bremen zum Bau von 10 000 Wohnungen pro Jahr in einem Zeitraum von vier Jahren, also 40 000 Wohnungen.“ Und dieses Gesetz regelte auch, dass insbesondere Bezieher niedriger Einkommen die Möglichkeit erhalten sollten, die neuen Wohnungen zu beziehen: Damals hieß das, dass Familien mit einem Bruttoeinkommen von bis zu 500 Mark monatlich als Mieter infrage kamen.

Auch die Gestaltung der Grünflächen ­hatte bei der Planung der Neuen Vahr eine große Bedeutung. Auf drei Hektar beläuft sich der Grünanteil des nahezu als reines Wohnquartier geplanten Stadtteils. Damals gab es jedoch kaum Bäume in der Neuen Vahr, wie Quartiersmanager Dirk Stöver sagte: „Heute aber haben wir hier mehr Bäume als der Bürgerpark.“

Zurück im Aalto-Hochhaus, erklärt Rolf Diehl, Bewohner des Hauses und Macher des „Vahreports“, die Planungen des finnischen Architekten Alvar Aalto. Dieser war anfangs überhaupt nicht davon angetan, ein Hochhaus zu planen: „Wohnen in einem Einfamilienhaus, das war das Ziel Aaltos“, sagt Diehl. Durch die Wellenform der Hausfront erreichte Aalto, dass kein Bewohner dem anderen auf den Balkon schauen sollte. Zudem wurde das Haus so positioniert, dass die großen Fenster und die Balkone genau dann Sonne bekamen, wenn die Menschen nachmittags von der Arbeit kamen. „Der Erstbezug war im Dezember 1961, zu dieser Zeit waren die oberen Stockwerke noch gar nicht fertig“, erklärt Diehl.

Das Aalto-Hochhaus lockt bis heute Architekten aus aller Welt an, ob das jedoch auch für die Berliner Freiheit mit angrenzendem Einkaufszentrum und Bürgerzentrum gilt, ist unklar. Klar ist aber, dass insbesondere das 1977 eröffnete Bürgerzentrum Neue Vahr nicht mehr aus dem Stadtteil wegzudenken ist. „Im Bürgerzentrum findet nicht nur Kultur statt, sondern auch Soziales und Kinder- und Jugendarbeit, also eine ganz wichtige Einrichtung“, betont Quartiersmanager Dirk Stöver.

Wichtige Einrichtungen sind auch die für jede Nachbarschaft vorhandenen Kirchen, die eng mit den sozialen Einrichtungen zusammenarbeiten. So steht das „Familien- und Quartierszentrum Neue Vahr Nord“ (FQZ) in engem Kontakt mit der benachbarten Heilig-Geist-Kirche in der August-Bebel-Allee. Für Dirk Stöver ist das 2010 in einem alten Waschhaus der Gewoba eingerichtete Quartierszentrum sehr sinnvoll, da die Neue Vahr Nord zuvor nicht über solche Räume verfügte. Nun aber gibt es ein vielfältiges Angebot an Kultur, aber auch an Bildungsangeboten und Sprachkursen für Flüchtlinge.

Insgesamt leben in der Neuen Vahr heute knapp 30 000 Einwohner, davon 13 500 mit Migrationshintergrund. Und auch die Zahl derjenigen, die Arbeitslosengeld-II-Bezüge erhalten, ist hoch. Dirk Stöver hat dazu aber eine klare Meinung: „Wir haben viele Bewohner, die von Transferleistungen leben – und das ist auch gut so!“

„Heute aber haben wir hier mehr Bäume als der Bürgerpark.“ Quartiersmanager Dirk Stöver
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