Kammerphilharmonie feiert im Zukunftslabor in der Gesamtschule Ost mit einem interaktiven Format Premiere Ein Tusch für den „Club 443 Hz“

Tenever. Ganz zum Schluss stand Bürgermeister Carsten Sieling zwischen kleinen und großen Künstlerinnen und Künstlern in der Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) auf der Bühne und machte höchst vergnügt Papiermusik. Dabei erwies sich Friederike Latzko, Solo-Bratschistin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, als talentierte Animateurin.
02.11.2016, 00:00
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Von Sigrid Schuer

Tenever. Ganz zum Schluss stand Bürgermeister Carsten Sieling zwischen kleinen und großen Künstlerinnen und Künstlern in der Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) auf der Bühne und machte höchst vergnügt Papiermusik. Dabei erwies sich Friederike Latzko, Solo-Bratschistin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, als talentierte Animateurin. Sie schleuste das Publikum („aber dalli, zögern Sie nicht, das ist die Chance ihres Lebens!“) auf die Bühne, und ließ eine improvisierte Schmirgelpapier-Sinfonie en miniature aufführen, untermalt von dem Papierrascheln der Bürgermeister-Gruppe und dem „Kataloge donnernd fallen lassen“-Geräusch einer dritten Gruppe. Das Zukunftslabor an der GSO hat sich zu seinem zehnten Geburtstag selbst ein Geschenk gemacht: den „Club 443 Hz“.

Doch woher kommt der Name? Cellist Stephan Schrader erläutert es: Die Frequenz entspreche dem Kammerton A, mit dem sich die Kammerphilharmonie vor Konzertbeginn einzustimmen pflegt. Albert Schmitt, Managing Director der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, zeigte sich genauso begeistert wie das Publikum: „Welch‘ eine Entwicklung. Wenn man bedenkt, dass vor zehn Jahren hier an der Gesamtschule Ost nicht ein Streichinstrument gespielt wurde. Dazu kommt, dass heute in den Schulklassen Songs geschrieben werden.“

So stand das Zusammenspiel des Spitzen-Orchesters mit den verschiedenen Musikklassen der Jahrgänge sechs bis neun, des Musikleistungskurses, Solisten, Chor und Big Band der GSO im Mittelpunkt dieses Clubkonzertes. Und noch eine Premiere in der Premiere: Das 1. Mitmach-Orchester, das sich beim diesjährigen „Sommer im Lesmona“ formiert hatte, gab in der GSO mit Feuereifer sein Debüt. Im „Club 443 Hz“ ist das Publikum, locker an Tischen verteilt, ausdrücklich eingeladen, nicht nur zuzuschauen, sondern mitzumachen, wie eben bei der Papiermusik. Sozusagen eine musikalische Verbindungsbrücke zwischen der „Stadtteil-Oper“ und der „Melodie des Lebens“. Fazit der elfjährigen Klarinettistin Angela: „Leider kann man das nicht jeden Tag machen!“

Glühlämpchen-Girlanden wechseln im Takt der Musik die Farbe. Spotlights schwirren durch den Raum und fangen auf der Empore beispielsweise Thomas Röhrs ein, im Hauptberuf Lehrer an der GSO, nebenberuflich Sinatra-Cover mit coolem Hut. Er nimmt das Publikum mit zu einer mondänen Station der musikalischen Weltreise und schmettert mit kräftiger Stimme „New York, New York“. Und auch Henning Grossmann ist nicht nur Lehrer, sondern auch Musiker aus Leidenschaft. „Für mich ist es eine besondere Ehre, dass die Kammerphilharmoniker gemeinsam mit mir mein Stück aufführen“, freute sich Grossmann, selbst am Akkordeon. Und auf ging’s mit „Im Hinterstübchen steht ein Plattenschrank“, einem abgefahren zusammengewürfeltem Potpourri aus Brahms‘ „Ungarischen Tänzen“, einem frechen Beethoven-Galopp, Schnipseln aus Edvard Griegs „Peer Gynt“ und Walzertakt-Drehungen.

Begonnen hatte die Reise indes mit den meditativen Rhythmen des iranischen Trommel-Virtuosen Mohammad Reza Mortzavi, seit der letzten Stadtteil-Oper bestens in Osterholz-Tenever bekannt, gefolgt von einem Schuss Henry Purcell und einer Prise aus Benjamin Brittens „The Young Person’s Guide to the Orchestra“. Amerika soll im Zentrum der nächsten Stadtteil-Oper stehen. Und so sollte eigentlich der Bariton Darian Worrell unter anderem mit Auszügen aus „Old American Songs“ für amerikanisches Kolorit sorgen. Da der aber erkrankt war, erwies sich die britische Sopranistin Corinna Reynolds als Glücksgriff. Die Einspringerin sang mit Bravour und Temperament „I got plenty o‘ nuttin“ aus George Gershwins „Porgy and Bess“ und wusste das Publikum mit „I bought me a cat“ und so mancher Tierstimmen-Imitation zu amüsieren.

Was noch? Zu Mohammad Reza Mortazavis geheimnisvoll-orientalischer Musik führte die Klasse 6.1, passend zum Halloween, in blaues Licht getaucht einen Spuk selbst gebastelter Handpuppen auf. Gekonnt auch die filmischen Improvisationen voller fantasievoller, künstlerischer Einfälle der Schülerinnen Lara, Lea und Viktoria in der Regie von Wolfgang Rußek zum Thema „Bilder einer Ausstellung“, kongenial mit musikalischen Improvisationen von dem Saxofonisten Gilles Agnamana und dem Cellisten Stephan Schrader umspielt. Und die Kammerphilharmoniker gaben, unterstützt von ihren jungen GSO-Kollegen, mit einem unwiderstehlichen südamerikanischen Rhythmus, bei dem jeder mit muss, mit der „Brazileira“ aus Darius Milhauds „Scaramouche“ und Matos Rodriguez‘ „La Cumparsita“ noch mal ordentlich Gas.

Eine Klasse für sich auch Erich Wolfgang Korngolds mal pompös majestätische, mal walzerbeschwingte Filmmusik „King’s Row Suite“ unter der Leitung von Rodrigo Blumenstock. Alle Beteiligten dieses ersten Clubkonzertes setzten mit dem schmissigen „I got Rhythm“ aus George Gershwins Musical „Girl Crazy“, Sternenlicht und süße Träume inklusive, einen fulminant jubilierenden Schlusspunkt, bevor die gelungene Premiere im Foyer ausgelassen gefeiert wurde. Mitten drin: die neu angekommenen Nachbarn aus den Übergangswohnheimen für Geflüchtete in Osterholz-Tenever.

„Leider kann man das nicht jeden Tag machen.“ Angela, elfjährige Klarinettistin
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