Borchshöher Grundschüler gestalten Kulissen

Ein Ungeheuer aus Pappmaschee

Für das Theater- und Kunstprojekt „Stadt der Schatten“ lassen Schüler der Grundschule Borchshöhe einen riesigen Drachen lebendig werden.
26.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

Der schwarze Drache erwacht zum Leben. Langsam und schwerfällig erhebt sich das Monstrum, das eben noch schlapp am Boden lag. Auf Beinen so dick wie Baumstämme mit langen Krallen bewegt sich das Ungeheuer vorwärts. Der monströse Kopf schaukelt hin und her. Giftgrün leuchten die Augen über dem riesigen Maul mit den scharfen Zähnen. Ein Anblick zum Fürchten.

Nur gut, dass dieser Drache nicht aus Fleisch und Blut ist. Unter der Haut aus Pappmaschee und Stoff verstecken sich Schüler der Grundschule Borchshöhe. Für das Theater- und Kunstprojekt „Stadt der Schatten“ lassen sie das Fabelwesen lebendig werden. Den Drachen haben die Kinder selbst gebaut. Bei der Premiere am 23. April wird das furchterregende schwarze Ungeheuer seinen Auftritt haben.

In dem Stück geht es um das Thema Flucht. Der Drache – das sind die verschiedensten Bedrohungen, die sieben Flüchtlingskinder dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen: Krieg, religiöse Verfolgung, Hunger, Umweltzerstörung, Armut, Ausbeutung. In einer fremden Stadt finden die Kinder Zuflucht. Doch auch hier gibt es Bedrohungen.

Im Werkstattraum der Schule wird derzeit an weiteren Kulissen und Requisiten eifrig gebohrt, gehämmert, geschraubt und geklebt. Seit einem halben Jahr arbeiten die insgesamt 250 Borchshöher Schüler an ihrem Theater- und Kunstprojekt. Neben den kleinen Schauspielern und Sängern gibt es die Kulissen- und Maskenbauer. Rund 80 Kinder werkeln seit Januar unter der Leitung von Bühnenbildnerin Sabine Gedenk und Sarah Harjes-Fritzsche, die den Maskenbau betreut. In kleinen Gruppen von jeweils sechs Schülern wird vormittags und nachmittags für ein paar Stunden gebohrt, gehämmert, geschraubt und geklebt.

In der Werkstatt thront der ganze Stolz der kreativen Truppe: eine Kulisse, die im Handumdrehen zwei verschiedene Bilder auf die Bühne zaubert. An diesem Vormittag probieren die Schüler und Gedenk ihr Werk zum ersten Mal aus. Mit vereinten Kräften wird eine Hausruine, in der die Flüchtlingskinder ihr Lager aufgeschlagen, um 180 Grad um die eigene Achse gedreht – und hervorkommt auf der anderen Seite der schwarze Drache. Gedenk ist zufrieden. Der Dreh hat geklappt, ohne dass die Kulisse aus Pappe und Pappmaschee Schaden genommen hat.

Die Hausruine mit den zwei kunterbunten Säulen und der Pappfassade haben die Schüler selbst entworfen und gebaut. Mit Hilfe von Blumentöpfen und Lampenschirmen wurden die Pappmaschee-Elemente für die Säulen geformt. Gearbeitet wird mit einfachsten Mitteln: Aus Teppichrollen und Schuhkartons entstehen Pfeiler für ein großes Holztor, ein Regentonnen-Deckel verwandelt sich in ein Brunnenbecken. Eine Herausforderung sei der Drachenhals gewesen, erzählt Sabine Gedenk. Im langen Stoffschlauch verbergen sich eingenähte Hula-Hoop-Reifen als tragender Halt. „Drei Schläuche mussten wir nähen, bis das Ganze richtig saß.“

Schüler zeigen Erfindergeist

Auf der Bühne soll das Ungeheuer auch Feuer speien. Das Nächste, über das sich Gedenk Gedanken machen muss. Bis zur Premiere müssen auch noch weitere Kulissen fertig werden. „Wir werden zwei große Leinwände mit Stadtmotiven bemalen.“ Einige Schüler opfern dafür sogar freiwillig einen Teil ihrer Osterferien. „Die ersten drei Ferientage werden wir in der Schule arbeiten“, erzählt Gedenk.

Für manche Requisiten wie den Blumenbaum wurde richtig getüftelt. An seinen Ästen aus Tomatenstäben, die mit Isolationsrohren ummantelt sind, blühen bunte Blüten. Der Clou ist eine Knickvorrichtung: Ein Zug am Nylonfaden – und die Blüten lassen traurig ihre Köpfe hängen. Birsel Petersen-Hainke ist von der Kreativität und dem Erfindergeist der Borchshöher Grundschüler begeistert. „Ich bin total beeindruckt“, meint die Projektkoordinatorin der Heinz-und-Ilse-Bühnen-Stiftung bei ihrem Besuch in der Schule.

Die 1984 von dem Bremer Unternehmer Heinz Bühnen und seiner kunstsinnigen Ehefrau Ilse gegründete Stiftung ist Hauptsponsor des Theater- und Kunstprojektes an der Grundschule Borchshöhe. „Die Stiftung möchte Kinder und Jugendliche früh mit Kunst in Berührung bringen“, erklärt Petersen-Hainke. Gefördert werden nach dem Wunsch der Stifterfamilie ausschließlich Projekte in Bremen.

Die Stiftung engagiert sich nach den Worten der Projektkoordinatorin vor allem in Stadtteilen, wo Kulturerlebnisse für viele Familien aus finanziellen Gründen nicht selbstverständlich sind. „Wir arbeiten mit Museen, Schulen und Kindergärten zusammen.“ Die Bühnen-Stiftung unterstützte unter anderem ein Kunstprojekt des Bremer Gerhard-Marcks-Hauses mit Kindern in Gröpelingen, Projekte im Kunsthaus Kubo im Viertel und in der Jugendhilfe-Einrichtung „Alten Eichen“ in Horn. Für ein weiteres gefördertes Projekt gestalteten Kunststudenten und angehende Kunstpädagogen der Universität Bremen Kunst-Baukästen für Schulklassen.

In Bremen-Nord konzentriert sich das Engagement der Heinz-und-Ilse-Bühnen-Stiftung derzeit auf das Projekt an der Grundschule Borchshöhe. Ein weiteres soll in Kürze dazukommen. „Wir planen eine Zusammenarbeit mit dem Overbeck-Museum“, kündigt Projektkoordinatorin Petersen-Hainke an.

Mit finanzieller Hilfe der Stiftung sollen Schulklassen die Kunststätte an der Alten Hafenstraße in Vegesack dann kostenlos besuchen können. Ein entsprechendes Förderprojekt unterstützte die Heinz-und-Ilse-Bühnen-Stiftung bereits in den Jahren 2013 / 14 in Zusammenarbeit mit dem Gerhard-Marcks-Haus.

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