"Zukunft Gröpelingen"

Ein Vorbild in Belgien

Auf Einladung des Präventionsrats Bremen-West sprachen Carsten Sieling und Karoline Linnert im Na' mit rund 150 Gröpelingern darüber, wie Gröpelingen vorangebracht werden kann.
05.09.2018, 16:58
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Ein Vorbild in Belgien
Von Anne Gerling
Ein Vorbild in Belgien

Etwa 150 Interessierte wollten im Nachbarschaftshaus Helene Kaisen über Gröpelingens Zukunft diskutieren.

Roland Scheitz

Proppenvoll war es am Dienstagabend im Nachbarschaftshaus Helene Kaisen (Na'): Etwa 150 Menschen wollten beim Bürgermeistergespräch mit Carsten Sieling (SPD) und Karoline Linnert (Grüne) dabei sein und damit zum Ausdruck bringen, dass ihnen ihr Stadtteil keinesfalls egal ist. Zur Einstimmung hatte der Präventionsrat Bremen-West, der unter der Überschrift „Zukunft Gröpelingen“ zu der Diskussion eingeladen hatte, fünf kurze Statements zur aktuellen Situation vor Ort vorbereitet.

„Gröpelingen hat das Image eines verwahrlosten und heruntergekommenen Stadtteils. Das war nicht immer so, aber seit Jahrzehnten fehlt hier eine Wohnungs- und Ordnungspolitik. Warum stehen 100 Häuser allein in Oslebshausen leer, obwohl viele Menschen bezahlbaren Wohnraum dringend suchen?“ fragte etwa Rolf Vogelsang, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Oslebshausen und Mitbegründer der neuen Bürgerinitiative „Oslebshausen und umzu“. Für ihn steht fest: „Hier droht eine Gettoisierung, es muss also etwas grundsätzlich anders gemacht werden als bisher.“

„Was wir hier gar nicht mehr haben wollen, das sind Projekte“, ergänzt dazu Sabine Toben-Bergmann. Sie ist in Gröpelingen aufgewachsen, leitet das Freizi Oslebshausen und ist seit 23 Jahren in der Jugendarbeit im Stadtteil tätig. Ihr Fazit: „Wir sind von jährlichen Zusagen abhängig – das geht nicht, wenn wir hier eine kommunale Bildungslandschaft haben wollen. Bildung ist doch der Schlüssel für Teilhabe – warum braucht es da so lange, die Dinge voranzubringen?“ Hinzu komme, dass vielen Engagierten allmählich die Kräfte schwinden: „Die da sind, arbeiten mit sehr viel Engagement. Aber werden auch die nächsten Generationen noch jahrzehntelang für unterfinanzierte Einrichtungen kämpfen wollen?“

„Wirtschaftlich stehen wir gar nicht so schlecht da und es wird viel in Gröpelingen investiert. Aber wie bekommen wir die Leute in vernünftige Arbeit?“ sagt Lars Gerhardt, Stadtteilmanager vom Gröpelingen Marketing. Helmut Zachau vom Vorstand des Gesundheitstreffpunkt West (GTP), bei dem der Präventionsrat angesiedelt ist, verwies auf die bremenweit höchste Säuglingssterblichkeit in Gröpelingen, die um zehn Jahre niedrigere Lebenserwartung der Gröpelinger gegenüber Männern in Schwachhausen und den akuten Ärztemangel: „Die Ärzte, die wir haben, kommen immer weniger zu ihren eigentlichen Aufgaben und machen eher Sozialarbeit. Wir brauchen ein lokales medizinisches Zentrum, wo es für Ärzte attraktiv ist, da mitzuarbeiten.“

Beklemmendes berichtete Anwohnerin Kathrin Wischnath: Ihre Familie ist 2001 ins Ohlenhof-Quartier gezogen und hat sich dort lange wohl gefühlt. Schleichend habe sich jedoch ihr Sicherheitsgefühl verändert, so die Gröpelingerin: 2013 und 2014 wurden in der Nähe ihres Hauses zwei Jugendliche umgebracht und 2017 kam es zu einem Mordversuch an einem Nachbarn, der nach vielen Jahrzehnten als überzeugter Gröpelinger daraufhin wegzog. „Diese persönlich geprägte Geschichten haben meiner Liebe zu Gröpelingen einen Knacks gegeben. Ich war früher sehr gegen Videoüberwachung, bin mir da aber inzwischen nicht mehr so klar“, so Wischnath.

Viele im Stadtteil denken wie sie und schauen auf die kleine belgische Stadt Mechelen. Deren Bürgermeister Bart Somers hat es mit einer Kombination aus intensiver Jugendarbeit und strenger Sicherheitspolitik mit viel Polizeipräsenz und Videoüberwachung geschafft, aus der einstige Problemgemeinde, in der 138 Nationalitäten leben, eine Integrations-Vorzeigestadt zu machen, in der die Menschen wieder gerne leben.

„Man sieht an Ihrem Bericht, was da noch alles vor uns liegt“, sagt Carsten Sieling zu Kathrin Wischnath. Er verweist darauf, dass es ab 2019 wieder mehr Polizeibeamte in Bremen geben werde und dass mit der Stadtbibliothek West, dem neuen Bürgerinformationsservice (BIS) und Kultur vor Ort schon viel Gutes vorhanden sei. Die Bürgerschaft habe just beschlossen, bei der Ausschreibung für das Westbad die Bedarfe im Stadtteil besser zu berücksichtigen. Und: Er spreche mit Linnert viel darüber, wie die Koordination von Maßnahmen intensiviert werden könne: „Aber wie wir das machen – ob über das Ortsamt oder das Bildungszentrum – das wissen wir noch nicht.“ Dass ein spezieller Gröpelingen-Beauftragter im Rathaus, wie ihn der Präventionsrat fordert, den Stadtteil voranbringen könnte, glauben Sieling und Linnert nicht. Mit dem Integrierten Entwicklungskonzept (IEK) gebe es aber sehr wohl ein übergeordnetes Konzept, unterstrich Linnert: „Man darf nicht nachlassen, jetzt die einzelnen Bausteine umzusetzen.“ Bart Somers habe die Chance gehabt, in Mechelen langfristig eine Strategie zu verfolgen. Das könne auch in Gröpelingen klappen, zumal es bald mehr Mittel gebe.

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