Premiere an der Hans-Böckler-Straße

Ein wahrer Held von kindlichem Gemüt

Das Theater im Volkshaus bringt Don Quijote als theatralisches Konzert für alle Generationen auf die Bühne.
11.01.2018, 05:30
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Von Anke Velten
Ein wahrer Held von kindlichem Gemüt

Schauspieler Alexander Hauer kämpft als Don Quijote gegen Windmühlen. Cembalistin Anke Dennert, Barockgeigerin Gabriele Steinfeld vom Duo “La Porta Musicale” und der Schwachhauser Kammerphilharmoniker Matthias Cordes liefern dazu weit mehr als die barocke Hintergrundmusik. Das Trio zeigt sich am Sonnabend auf der Bühne im Volkshaus.

Roland Scheitz

Utbremen. Das Theater im Volkshaus an der Hans-Böckler-Straße 9 lädt zur Premiere eines neuen Familienstücks ein. Die Hauptrolle spielt ein mehr als 400 Jahre alter Ritter. Der Soundtrack ist mehr als 250 Jahre alt. Das musikalische Schauspiel – oder theatralische Konzert – nennt sich „Drei und Don Quijote“. Dass an einem solchen Stoff auch heutzutage noch Erwachsene und Kinder ihr Vergnügen haben werden, dafür hat das hochkarätige vierköpfige Ensemble vorgesorgt.

Der treffliche Don Quijote von der Mancha, Geißler aller Frevel, Heiler allen Unheils, Beschirmer aller Jungfrauen, Schrecken aller Riesen und Sieger aller Schlachten: Er fasziniert von seinem Geburtsjahr 1605 bis heute Leser und Leserinnen, inspirierte auch in der Neuzeit Generationen von Komödianten von Laurel & Hardy bis Otto Waalkes. Er war ein tragikomischer Romanheld, wie ihn bis dato niemand kannte: Lächerlich, unvollkommen und zum Scheitern verurteilt. Aber auch mutig, unverzagt und unbeirrt in seinem Willen, sich seine Träume nicht von der Wirklichkeit verstellen zu lassen: Und damit zutiefst menschlich und von der beneidenswerten kindlichen Gabe, sich nach den unvermeidlichen Rangeleien des Lebens wieder aufzubauen, sagt Alexander Hauer, Leiter des Theaters im Volkshaus.

Die Idee zu dieser genreverbindenden Inszenierung entstand vor mehr als zwei Jahren an einem passenden Ort: Beim gemeinsamen Kaffeesieren nämlich in Bremens historischer Windmühle am Wall, erinnert sich Matthias Cordes. Dort beschlossen der Violinist der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und seine Kolleginnen, Cembalistin Anke Dennert und Barockgeigerin Gabriele Steinfeld, den berühmtesten Windmühlenkämpfer der Weltgeschichte auf eine ganz andere Weise auf die Bühne zu bringen.

Die beiden Musikerinnen aus Hamburg sind Spezialistinnen ihrer historischen Instrumente, erfahrene Kammermusikerinnen der Alten Musik und seit fünf Jahren gemeinsam als Duo „La Porta Musicale“ unterwegs, um ihrem Publikum bekannte und auch fast vergessene Kompositionen des 17. und 18. Jahrhunderts nahe zu bringen. Zudem haben sie bei vielen Workshops in Schulen und Museen die Bestätigung erhalten, dass sich auch ein junges Publikum für die Klänge der Vergangenheit begeistern lässt. „Kinder stehen total auf Barockmusik“, erzählt Gabriele Steinfeld. „Es ist eine Musik, die leicht fassbar und sehr bildhaft ist.“ Die Musik, mit der Georg Philipp Telemann Motive des Don Quijote vor 250 Jahren in einer Oper vertonte, dürfte bei seinem damaligen Publikum sofort Assoziationen geweckt haben: Die komischen Abenteuer des Ritters von der traurigen Gestalt waren schließlich kulturelles Allgemeingut. Heute sind Quijote, Dulcinea, Sancho Panza und Rosinante vielleicht nicht allenthalben gute Bekannte. „Wir dachten daher, dass es toll wäre, die Musik mit einer Darstellung zu verbinden“, erklären die Musiker.

In dieser Mission kam nur allzu gerne Alexander Hauer ins Spiel: Der Schauspieler, Regisseur und Hausherr der Utbremer Bühne schlüpft für die Eigenproduktion in rote Puschen, einen zerzausten Strohhut und die Rolle des verarmten Provinzedelmanns Quijote, der beschließt, es seinen verehrten Romanhelden gleichzutun. Aus den zwei dicken Bänden der Vorlage wurden die Episoden herausgepickt, die sich besonders gut für die Bühne eignen, erzählt Hauer. Die Funktion der Musiker beschränkt sich nicht nur auf ihre Instrumente: Sie erklären, kommentieren, unterbrechen das Geschehen, treten in augenzwinkernde Dialoge mit dem Hauptdarsteller und übernehmen bei Bedarf auch kleine Nebenfiguren. Und es ist leicht, zu sehen, wie viel Spaß auch sie an dem Rollenwechsel haben.

Die Geschichte um den Junker Don Quijote de La Mancha gilt als erster Romanbestseller der Weltliteratur. Sie wurde im Auftrag des Osloer Nobel-Instituts vor einigen Jahren von 100 international renommierten Schriftstellern zum besten Buch der Welt gekürt. Der Autor Miguel de Cervantes-Saavedra, der tatsächlich ein beeindruckend abenteuerliches Leben geführt hatte, bis er aus Geldmangel zur Schriftstellerei umsattelte, ließ seinem Überraschungserfolg aus dem Jahr 1605 gut zehn Jahre später eine nicht minder erfolgreiche Fortsetzung folgen. Wiederum 150 Jahre später erzählte Georg Philipp Telemann Motive des Romans in seiner eigenen Sprache nach: Am 5. November 1761 feierte seine Oper „Don Quichotte, der Löwenritter“ Premiere im Hamburger Konzerthaus. Die Musik Telemanns, der einer der berühmtesten Komponisten seiner Zeit war, geriet bei der Nachwelt außer Mode und wurde überschattet vom Ruhm seines Zeitgenossen Johann Sebastian Bach. Erst im 20. Jahrhunderts wurde Telemann von der Musikwissenschaft neu entdeckt und wieder geschätzt. Es dauerte allerdings bis zum Jahr 2002, bis seine Quijote-Oper erstmals wieder auf der Bühne zu sehen war: ganze 241 Jahre nach ihrer Uraufführung.

Dass es ganze zwei Jahre dauerte, bis die Idee dann umgesetzt wurde, die in der Wallmühle entstand, lag an den vollen Terminkalendern der vier beteiligten Künstlerinnen und Künstler. Doch sie haben sich vorgenommen: Von nun an soll der liebenswerte Ritter einen festen Platz in ihrem Repertoire bekommen.

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