Ein wichtiges Signal

Der 14. Juni 1927 ist ein Festtag für alle Menschen im Land, die mit der Schifffahrt verbunden sind.
02.06.2017, 00:00
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Von Volker Kölling
Ein wichtiges Signal

Beim Stapellauf geht am 14. Juni 1927 technisch alles glatt. Danach folgen die Ehrengäste einer Einladung zum Festmahl.

Volker Kölling coast communication und Volker Kölling, Volker Kölling

Der 14. Juni 1927 ist ein Festtag für alle Menschen im Land, die mit der Schifffahrt verbunden sind. Sie schauen nach Bremerhaven: Der Stapellauf des „Schulschiff Deutschland“ auf der Werft Johann C. Tecklenborg an der Geeste wird sogar am gleichen Tag noch in der Abendausgabe der Münchener Zeitung mit Hurra bejubelt. 90 Jahre später muss man sich klarmachen, dass der Bauauftrag durch den Deutschen Schulschiffverein nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg auch ein Signal war – für den Aufbau einer neuen deutschen Handelsschifffahrt.

Dieter Keithahn, Archivar des Schulschiffvereins hat die Aufzeichnungen zur Mitgliederversammlung 1927 zusammengetragen, die einen Tag vor dem Stapellauf im Kaffee-Hag-Haus in der Böttcherstraße stattfand. Wohl auch wegen des Festaktes am Tag drauf ist die Versammlung außerordentlich gut besucht: Am 31. März 1927 waren 23 Behörden und Städte, 58 Reedereien und 1189 Einzelpersonen Mitglieder in der Vorzeige-Ausbildungsorganisation der Deutschen Handelsmarine. Der Bauvertrag für das „Schulschiff Deutschland“ nennt eine Summe von 885 000 Reichsmark, welche an Tecklenborg ging. Unter „Vermögen“ ist noch das andere Ausbildungsschiff unter Segeln, die „Großherzogin Elisabeth“ von 1901 aufgelistet. Die Schiffe der Flotte mussten als Reparationen „an den Feindbund“ abgeführt werden. So taucht auch die 1914 gebaute Bark „Herzog Friedrich August“, die heutige „Statsrad Lehmkuhl“ Norwegens, 1927 nicht mehr in den Vermögenswerten des Vereins auf.

Feine Gesellschaft

Man hofft auf mehr Mitglieder, um solche Summen beim Wiederaufbau der Organisation stemmen zu können. Tatsächlich reiht der Schulschiff-Verein noch zum Stapellauf eine lange Liste nautischer Ausrüstungsgegenstände auf, für die dringend Spender gesucht werden. „Daran, dass wir auf Spenden angewiesen sind, hat sich bis heute nichts geändert“, heißt es beim Verein.

Um 11 Uhr startet am 14. Juni 1927 ein Großteil der Stapellaufgesellschaft mit einem Sonderzug vom Bremer zum Bremerhavener Hauptbahnhof. Die Herren halten die Kleiderordnung mit „schwarzem Rock oder Segelklubanzug“ ein. Die wenigen Damen hüllen sich in mit Pelzkragen bewehrte Mäntel und Hut. Vom Hauptbahnhof der Seestadt ist es ein Spaziergang bis zu den turmhohen Helgenanlagen der Bremerhavener Windjammerwerft, in der zu ihren besten Zeiten 3000 Menschen beschäftigt waren. Heute findet man hier die Operationsschule der Deutschen Marine.

Ein Jahr zuvor hat die Tecklenborg-AG mit der „Padua“ den letzten der berühmten „Flying-P-Liner“ für die F.-Laeiz-Reederei abgeliefert. Die heutige „Kruzenshtern“ hat vier Masten und ist mit 114,5 Metern größer als das 86,2 Meter messende „Schulschiff Deutschland“. Aber weil das „Schulschiff Deutschland“ eben keine Fracht transportieren muss, können sich die Konstrukteure der Werft mit einer ganz anderen Verve der Aufgabe widmen, das perfekte Ausbildungsschiff zu zeichnen.

Schiff schafft 15 Knoten

Die Überhänge der Rahen sind riesig, der Rumpf von einer einmaligen Eleganz mit einem Deckssprung, der allerhöchste Seetauglichkeit erahnen lässt. Beim Stapellauf ist eines das große Thema: Was für ein Geschwindigkeitspotenzial mag wohl in diesen kraftvollen Linien stecken? Es sei verraten: Es werden über Stunden dauerhaft bei einer Atlantiküberquerung 15 Knoten sein, die größte Tagesleistung wird 320 Seemeilen betragen.

Technisch verläuft alles problemlos beim Stapellauf, und die feine Gesellschaft wendet sich der nächsten Einladung durch den Norddeutschen Lloyd im Columbusbahnhof zu. Es ist das letzte repräsentative Gebäude der Alten Welt, das damals viele Auswanderer zu Gesicht bekamen. Der Schulschiffverein hat die Speisekarte mit Goldsiegel auf feinem Büttenpapier herausgesucht: Die fünf Gänge beginnen mit einer Tomaten-Rahmsuppe mit Geflügelklößchen, gefolgt von gekochtem Steinbutt an Mousseline-Sauce und neuen Kartoffeln, begleitet von einem 1925 Graacher Münzlay.

Zur gespickten Rindslende mit Kroketten und Kaiserschoten dürften dann auch die Grüße aus allen Teilen der jungen Republik verlesen worden sein: „Glückliche Fahrt dem jungen Schiffe als Träger alter Tradition!“ heißt es auf einem Telegramm, das mit „kruppbohlenundhalbach“ für die Kruppwerke unterschrieben ist.

Tatsächlich erinnert sich aber auch mancher Schulschiff-Freund, dass das Projekt zu Beginn noch mit seiner Grundausstattung kämpft: Es fehlen Schiffswanduhren, die Bowleschüssel für den Kapitän genauso wie das Piano für die Offiziersmesse, auch Barometer und Fernrohre – über fünfzig Positionen. Admiral Febbinghausen stiftet im Auftrag der Firma Gebrüder Stumm 1000 Reichsmark für nautische Ausrüstung, Geheimrat von Petri einen Steuerkompass und so geht es durch die Feierlichkeiten: Wer gut gegessen und gefeiert hat, dessen Brieftasche sitzt auch etwas lockerer.

Die Werft meldet das schneeweiße „Schulschiff Deutschland“ knapp zwei Monate nach dem Stapellauf fertig aufgeriggt und ausgerüstet zur Probefahrt mit seinen über 50 Meter hoch aufragenden Masten.

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