Rollenspiel "Spektakulus" in Bremen Ein Wochenende im Mittelalter

Einmal im Jahr verwandelt sich das Pfadfindergelände Hasenheide in Kirchlinteln-Hohenaverbergen in ein magisches Parallel-Universum. Das Liverollenspiel für Fantasy-Fans nennt sich Spektakulus.
12.05.2018, 18:27
Lesedauer: 3 Min
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Ein Wochenende im Mittelalter
Von Marlo Mintel

Ärger liegt in der Luft. Torben Schweiger sieht sich einer Gruppe dunkelgekleideter Männer mit schwerer Rüstung gegenüber. Die Bande trägt furchteinflößende Masken mit Perücken und spitzen Ohren. Sie hat Waffen wie Hämmer und wuchtige Schwerter bei sich. Die Männer sind auf Schweiger nicht gut zu sprechen.

Mit ihren tiefen und knurrenden Stimmen beschimpfen sie ihn. Schweiger wird vom Anführer der Gruppe geschubst und anschließend mit einem Messer bedroht. „Nimm das weg“, fordert er den Angreifer auf. Ein weiterer Mann kommt dazu und geht dazwischen. Die Situation beruhigt sich wieder, die Gruppe verschwindet.

In ernster Gefahr war Torben Schweiger aber nie. Er und die anderen Personen spielen in einem Liverollenspiel für Kinder, Jugendliche und Familien mit. Es heißt „Spektakulus XI – Zeitenwende“ und findet an diesem Wochenende in Kirchlinteln-Hohenaverbergen statt. Austragungsort ist das Pfandfindergelände Hasenheide mit seinem 32 000 Quadratmeter großen Wald- und Freigelände. Hier treffen sich seit vergangenen Donnerstag Menschen zu einer Art Mittelalter-Zeltlager.

Die Spieler nennen es kurz Larp, es steht für Live Action Role Playing. Das interaktive Konzept, das sich an Romane und Filme wie „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ orientiert, versetzt die Teilnehmer in eine erdachte Spielwelt. Im mythisch-­magischen Parallel-Universum legen sich die Spieler einen mittelalterlichen Namen und einen Charakter zu, den sie das ganze Wochenende über beibehalten.

Schweiger, 37, kommt aus Pinneberg und ist im echten Leben Großhandelskaufmann. Hier auf der weitläufigen Anlage verkörpert er Kruptshak, einen Medikus. Er arbeitet in einem Lazarett in der fiktiven Stadt Rotbartshafen im Nördlichen Königreich. Schweiger ist zum ersten Mal beim Spektakulus dabei. Ein Neuling in Sachen Rollenspiel ist er aber nicht. „Seit ich 15 bin, mache ich das schon“, sagt Schweiger, der für sein Hobby damals fast jedes Wochenende opferte. Davon ist der Familienvater aktuell weit entfernt.

Im Jahr besucht der 37-Jährige bis zu drei Live­rollenspiel-Veranstaltungen. Sein nächstes Ziel: das „Conquest of Mythodea“ Anfang August im beschaulichen Mittelweser-Dorf Brokeloh im Landkreis Nienburg. Es ist mit rund 8000 Akteuren das größte Fantasy-Rollenspiel der Welt. Seinen Urlaub dafür hat Schweiger bereits bekommen. „Ich muss nicht am Strand liegen. Ich brauche ­Action. Und Rollenspiele sind eine Art Urlaub für mich.“

Von den Teilnehmerzahlen in Brokeloh sind die Organisatoren vom Spektakulus weit entfernt. An diesem Wochenende tummeln täglich 250 Beteiligte auf dem Gelände. Die Veranstaltung, die in diesem Jahr zum elften Mal ausgetragen wird, richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche von sieben bis 16 Jahren. Das ist eher selten in der Szene. In Deutschland finden jährlich mehr als 600 öffentlich ausgeschriebene Events statt. Der Großteil ist für Erwachsene bestimmt.

Dass es in Kirchlinteln anders läuft, schätzen die Spieler, die sogenannten Larper, wie Volker Dahms. Er ist mit seiner Tochter Malin (8) und seinem Sohn Erik (11) hier. Dahms spielt einen Söldner. „So sieht das dann aus, wenn man nicht im schwarzen Anzug rumläuft“, sagt der 41-jährige Versicherungskaufmann und blickt auf seine Kleidung herunter.

Statt Anzug trägt er an diesem Wochenende eine Haube, eine Lederrüstung mit Nieten und ein großes Schwert. Seit er 17 ist, lassen ihn Rollenspiele nicht mehr los. Die Veranstaltung in Kirchlinteln fasziniert ihn. „Man ist den ganzen Tag in einer Rolle und nicht im realen Leben, das schöne Seiten hat, aber auch viele Probleme. Hier kann man sich für ein paar Tage ausklinken.“

Dahms‘ Begeisterung für Rollenspiele ist offenbar auch auf Tochter Malin übergesprungen. Sie ist zum zweiten Mal mit ihrem Vater beim Spektakulus. Malin ist als Elfin unterwegs. „Ich mag die Rolle, weil ich andere heilen kann“, sagt sie. Im Vergleich zu den Schamanen geht der Heilungsprozess durch Elfen schneller voran. Die Achtjährige braucht lediglich ihre Hand auf eine verletzte Wunde legen. Ein Spruch darf laut Malin aber nicht fehlen: „Balsam, Sabunde, heile Wunde.“

Malin verkörpert das Gute, Niklas dagegen die dunkle Seite. Der 18-jährige Schüler aus Hamburg ist ein sogenannter Ork. Sein Clan bedrohte Torben Schweiger alias Kruptshak. Er mag das böse Auftreten des Fabelwesens. „Die Orks sind einfach am coolsten.“ Alles andere als cool seien allerdings die Vorurteile, mit denen Larper umgehen müssen, sagt er. „Viele Leute denken, dass wir verrückte Menschen sind, die mit Masken durch den Wald rennen. Wir sind auch Menschen mit einem ganz normalen Leben.“

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