Kino City 46 lässt die wilden Anfangsjahre der Beatmusik aufleben, und Heinz Dieter Hashagen erinnert sich Ein Yankee aus dem Domchor

Das Kino City 46 hat die Ursprünge des Bremer Rock'n'Roll aufleben lassen. Detlef Michelers, Autor von "Schlag auf Schlag" über die Jahre 1954 bis 1968 in Bremen, sprach mit Zeitzeugen, Larry and the Handjive, die Hausband von Beat Club and Friends, spielte, und "Rock around the Clock" lief im Kommunalkino.
01.12.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Edwin Platt

Das Kino City 46 hat die Ursprünge des Bremer Rock'n'Roll aufleben lassen. Detlef Michelers, Autor von "Schlag auf Schlag" über die Jahre 1954 bis 1968 in Bremen, sprach mit Zeitzeugen, Larry and the Handjive, die Hausband von Beat Club and Friends, spielte, und "Rock around the Clock" lief im Kommunalkino.

Bahnhofsvorstadt. Der Kinosaal des City 46 liegt im Schummerlicht. Vor der Leinwand sitzt Detlef Michelers aus Schwachhausen, der Autor des Sachbuches "Schlag auf Schlag", und kündigt Filmsequenzen und Musik aus der frühen Bremer Rock'n'Roll-Ära an. Straßenszenen in Schwarzweiß sind zu sehen, hastig flüchtende Jugendliche, getrieben von Polizisten, dazu ertönen harte Beats aus den Lautsprechern, und dann am späten Abend läuft "Rock around the Clock" von Bill Haley and the Comets.

Mit einiger Verspätung und völlig unerwarteter Vehemenz hat der Rock 'n' Roll Bremen erobert. Manche Jugendliche erleben ihren Ausbruch aus den Zwängen der geordneten Nachkriegsjahre. Was die Jugend begeistert, wird von der in der NS-Zeit geprägten Elterngeneration entschieden abgelehnt. Die öffentliche Ordnung scheint einigen Behördenvertretern in Gefahr, die Polizei kommt zum Einsatz, und sie greift zur Gewalt.

In Hochstimmung strömten Jugendliche nach Bill Haleys "Rock around the Clock" aus einem großen Kino am heutigen Ulrichsplatz, und als sie gruppenweise durchs Ostertor tanzen, setzt die Polizei einen Wasserwerfer ein. Aber nicht nur die jungen Rockfans, auch erwachsene Opernbesucher, die gerade in feiner Garderobe auf die Straße treten, werden nass.

Hascha singt "Susi Baby"

"Es hageln heftige Beschwerden an die oberste Polizeiinstanz", erzählt Detlef Michelers. Klammheimliche Freude auf der anderen Seite ist zu vermuten. Michelers bittet Zeitzeugen aus der ersten plüschroten Sesselreihe an seine Seite. Heinz Dieter Hashagen, Hascha genannt, ist ein ehemaliges Mitglied der Bremer Rockband Yankees. Hautnah hat er den Übergang von Biederkeit zur sogenannten Hottentottenmusik miterlebt und mitgestaltet. "Ich war im Domchor, das darf man jetzt ja sagen", verrät er in der Runde.

Die Yankees tourten Ende der Fünfziger durch Bremer Klubs und heizten ordentlich ein. Hascha: "Die erste Reihe wippte so lange, bis alle Stühle der ersten Reihe lose waren. Dann war mehr Platz zum Tanzen", sagt der Rock'n'Roll-Fan Heinz Dieter Hashagen. "Mein Vater brachte US-Schallplatten von Seereisen mit, er fand die Musik toll."

Durch Zufall sei er zum Rock and Roll gekommen: "Als bei einer Bustour der Fahrer mal raus musste, sang ich ,Susi Baby' ins Fahrermikrofon. Das fanden die Mädchen klasse."Annemarie Mevissen war zu der Zeit Senatorin für Jugendwesen und ließ in Bremer Jugendeinrichtungen Musikveranstaltungen zu, und auch einige kirchliche Einrichtungen zogen mit. "Was sagen die Leute dazu", war eine typische Elternfrage zu dieser Zeit. Andere sagten: "Wer feiern kann, der kann auch arbeiten."

Als Michael Leckebusch den ersten Beat-Club 1965 mit den Yankees und dem deutschsprachigen Lied "Halbstark" eröffnete, kamen die Yankees zu Ruhm. Die Bremer Klubs spielten Rock and Roll mittwochs und an den Wochenenden. Freilich nur von 18 bis 23 Uhr, denn danach fuhr kein Bus und keine Straßenbahn mehr die Gäste nach Hause. Die "Yankees" benutzten beim letzten ihrer Auftritte ein umgebautes Radio mit 100 Watt zur Verstärkung, das war der absolute Hammer. So etwas hatte keine andere Band in Bremen.

Gisela Böhl hat in der Gesprächsrunde von Detlef Michelers Platz genommen. "Ich wurde bei Razzien aus dem Klofenster geschubst, oder ich verkroch mich unter dem Podest der Band", sagt die Bremerin, die als Jugendliche "Küken" genannt wurde. "Um zehn nach Haus, das war gar nicht drin. Draußen stand immer einer, der mich auffing."

Ab 1954 eroberte der Rock and Roll die Welt. Bis er in Bremen ankam, waren die Sechziger angebrochen. An Bremens Schulen herrschte ein weitgehendes Hosenverbot für Mädchen. "Meine erste Jeans habe ich enger genäht und in der Badewanne angehabt, bevor ich mir den Rüffel in der Schule abholte", sagt die Zeitzeugin Gisela Böhl.

Rebellion gegen Spießertum

Die Runde blickt auf die Wirtschaftswunderzeit zurück: In der Bundesrepublik Deutschland herrscht Vollbeschäftigung, die Bundesregierung wirbt Gastarbeiter an, tritt in die NATO ein und rekrutiert 1956 ihre ersten Bundeswehrsoldaten. Jugendliche rebellieren gegen die Spießigkeit ihrer Eltern. Seeleute bringen Musik aus aller Welt nach Bremen. Radiosender meiden die sogenannte "Negermusik" noch. Erst zehn Jahre später genehmigt Radio Bremen die Produktion und Ausstrahlung des Beat-Clubs. John O'Hara and his Playboys aus Sheffield, das Mädchenquartett The Livebirds aus Liverpool und die Yankees aus Bremen dürfen auftreten. Das Lied "Halbstark" ist der erste große Erfolg der Yankees, und gleichzeitig läutet er das nahende Ende der Band ein.

Larry and the Handjive sind seit 2008 die Stammband von "Beat Club and Friends" und treten als solche im Eventstudio von Radio Bremen im Stephaniviertel auf. Im Kino City 46 spielten die Musiker aus Bremen und umzu einige altbewährte Songs: "Roll Over Beethoven", "Sweet little Sixteen", "Shakin All Over", "A Whiter Shade of Pale" . Wechselnde Rockveteranen auf dem Podium wippen mit den Füßen und singen unvergessene Texte mit. Schließlich, bei den letzten Rockfetzen von Larry and the Handjive vor dem Film, ergreift der Rock and Roll die Fans aus der ersten Sitzreihe. Hascha tanzt wieder - zu einer Musik, die in seiner Jugend einen Polizeieinsatz auslöste.

Detlef Michelers ist der Autor von "Schlag auf Schlag" über die Bremer Rock- und Beatszene der Jahre 1954 bis 1968 und von "Draufhauen, Draufhauen, Nachsetzen. Die Bremer Schülerbewegung, die Straßenbahndemonstrationen und ihre Folgen 1967/70". Mehr über Larry and the Handjive auf der Website www.handjive.de. Die Band tritt das nächste Mal am Sonnabend, 21. Januar 2012, um 21 Uhr im Blues Club Meisenfrei in der Hankenstraße auf.

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