Zwischen Gift und Genuss Einblicke in die Bremer Pilz-Welt

Laut der Bremer Pilz-Expertin Karina Skwirblies dauert die Hochsaison für Pilze in Bremen noch drei bis vier Wochen. Sie verrät, wo essbare Exemplare zu finden sind - und von welchen Pilzen man die Finger lassen soll.
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Einblicke in die Bremer Pilz-Welt
Von Sara Sundermann

Laut der Bremer Pilz-Expertin Karina Skwirblies dauert die Hochsaison für Pilze in Bremen noch drei bis vier Wochen. Sie verrät, wo essbare Exemplare zu finden sind - und von welchen Pilzen man die Finger lassen soll.

Sie lieben einen schwülen Altweibersommer: Wenn es warm und feucht ist, sprießen Pilze besonders gut – sogar in Bremen, wo dichte Wälder rar sind. Schopf-Tintlinge hinter dem Congress Centrum, Karbol-Egerlinge am Werdersee, hübsche, aber giftige Fliegenpilze in Horn. „Im September gab es dieses Jahr Unmengen von Pilzen, weil die klimatischen Bedingungen optimal waren“, sagt die Bremer Pilz-Expertin Karina Skwirblies. „Und die Hochsaison dauert noch drei bis vier Wochen.“

Sammler schwärmen von der Vielfalt der Farben und Formen der Gewächse und von dem schönen Herbsterlebnis: Tagsüber durch den Wald streifen und sammeln, abends die Pilze putzen und schön in der Pfanne schmoren. Die Suche wird wieder beliebter, sagt Skwirblies. „Und die junge Generation ist ökologisch bewusster, ernährt sich auch anders, oft vegetarisch oder vegan – auch dafür sind Pilze sehr gut geeignet.“

Manche riechen nach Marzipan

Doch wo sollten Bremer ihr Glück versuchen, wenn sie einige Arten sicher bestimmen können? „Besser nicht am Straßenrand und auf beliebten Hundeauslaufstrecken“, sagt Skwirblies. Doch auf Parzellen, am Werdersee und im Bürgerpark könne man durchaus fündig werden und essbare Pilze sammeln. „Es gibt im Bürgerpark spannende, seltene Pilze wie den essbaren blutroten Röhrling“, sagt die Expertin. „Und in Kattenturm habe ich mal einen seltenen Hexenröhrling gefunden. Der ist rot und gelb und wird beim Anschneiden tiefblau.“

Sie ist nicht nur fasziniert von den Formen der Pilze, sondern auch von den Gerüchen. „Manche Pilze riechen nach Marzipan, nach Anis – oder auch nach Schwefel“, schwärmt sie. „Und der Satansröhrling stinkt nach Verwesung.“

Karina Skwirblies ist geprüfte Pilzsachverständige. Rund zehn Jahre praktische Erfahrung beim Bestimmen seien nötig, bis man umfassend zu giftigen und ungiftigen Pilzen beraten könne, sagt sie. Skwirblies berät ehrenamtlich Bürger und Ärzte bei der Bestimmung – oft hilft sie auch, wenn jemand Beschwerden nach dem Verzehr hat. In den vergangenen Wochen klingelte bei ihr fast täglich das Telefon. Und manchmal wird sie auch ins Krankenhaus gerufen: „Wenn jemand eine Vergiftung hat, bringen die Angehörigen oft Reste des Essens oder einzelne Pilze mit, und dann komme ich, um sie zu bestimmen.“

In diesem Jahr gab es in Deutschland bereits fünf tödliche Vergiftungsfälle. Unter anderem starb in Bremerhaven vergangene Woche ein 56-jähriger Sammler nach dem Verzehr giftiger Pilze. Zuvor waren zwei Flüchtlinge aus Syrien und Rumänien in Münster gestorben, sie hatten den hochgefährlichen Grünen Knollenblätterpilz gegessen. Und in Hannover kamen mehr als 50 Flüchtlinge mit Vergiftungserscheinungen in die Klinik: Der Knollenblätterpilz zerstört die Leber, dies aber erst zeitversetzt. „Das Heimtückische ist, dass die Beschwerden zunächst abzuklingen scheinen – während der Betroffene meint, das Schlimmste überstanden zu haben, greift das Gift die Leber an“, so Skwirblies. Wenn die Beschwerden nach einigen Tagen wiederkehren, kann es zu spät und die Leber unheilbar zerstört sein.

So viele Fälle von Vergiftungen wie in diesem September hat das Giftinformationszentrum Nord in Göttingen seit fünf Jahren nicht registriert. Über 200 Notrufe gingen in diesem Monat in Göttingen ein. Dass viele Syrer Opfer des Pilzes geworden sind, liegt wohl an einer Verwechslung: Der Knollenblätterpilz hat große Ähnlichkeit mit dem Eier-Wulstling, der im Mittelmeerraum wächst. Er ähnelt aber auch dem essbaren Wiesenchampignon, den man in Norddeutschland findet. Warnglocken sollten bei Pilzsammlern angehen, wenn sich die vermeintlichen Champignons in der Pfanne gelb färben, sagt Skwirblies: „Dann kann man den Inhalt der Pfanne gleich wegwerfen, weil es sich um den giftigen Karbolegerling handelt.“

Beste Zeit jetzt für Maronen

Sie warnt Anfänger zudem davor, Pilze mit Lamellen zu sammeln – unter Lamellenpilzen gibt es zu viele giftige Arten. Einfacher sei für Pilzfreunde die Familie der Röhrlinge, zu der über 80 Arten gehören, von denen die meisten genießbar sind. „Die beste Zeit für Goldröhrlinge und Maronen fängt jetzt erst richtig an“, so Swirblies.

Gesammelt werden darf laut Gesetz jenseits von Naturschutzgebieten überall – aber nur für den Eigenbedarf. Eine feste Obergrenze gibt es jedoch nicht: „Aber man darf nicht den ganzen Kofferraum mit Pilzen füllen“, sagt Skwirblies. Der Umwelt schadeten Sammler kaum: Durch das Abernten der oberirdischen Früchte könne man Pilze, die vor allem unter der Erde wachsen, nicht zerstören. Vielmehr seien Überdüngung und Bodenverdichtung die größten Feinde der Pilze, so die Expertin.

Ein echter Sammler gibt seine besten Fundstellen meistens nicht preis. Karina Skwirblies verrät trotzdem ein paar Gebiete für Pilzfreunde, die im Bremer Umland ihr Glück versuchen wollen. Sie empfiehlt zum Beispiel Schmidts Kiefern, ein Waldstück in Garlstedt, den Ummelwald in der Nähe von Tarmstedt oder die Waldgebiete bei Bredbeck in Osterholz.

Ab in die Pilze

Übrigens: Öfter als zweimal pro Woche sollte man keine Pilze essen, rät Skwirblies. Die schmackhaften Waldgewächse sind nämlich schwer verdaulich: „Ihre Zellwände bestehen aus Chitin, wie der Panzer von Insekten – Pilze zu essen ist im Prinzip so ähnlich, als würde man eine Handvoll Käfer verspeisen.“

Für den Naturschutzbund Nabu bietet Karina Skwirblies Pilzexkursionen an. Die Termine sind am 17. und 18. Oktober. Start ist jeweils um 10 Uhr beim Schullandheim Dreptefarm in Wulsbüttel. Die Führung kostet 24 Euro, für Nabu-Mitglieder 19 Euro. Anmeldung unter Telefon 42 82 83 64

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